Employer Branding

Jetzt Maßnahmen zur Mitarbeiterbindung ergreifen

17.04.2020
Von   IDG ExpertenNetzwerk
Sebastian von Rabenau ist seit 2004 in der Rekrutierung von Fach- und Führungskräften tätig und unterstützt und berät seitdem Unternehmen aller Größenordnungen bei der Besetzung von Schlüsselpositionen. 
In Zeiten der Corona-Kriese machen viele Unternehmen neue Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit ihren Mitarbeitern. Jetzt ist eine gute Zeit, auch einmal Dinge auszuprobieren, die bisher nicht praktiziert wurden. Hier lesen Sie Beispiele.

Als Geschäftsführer, Personalleiter oder Führungskraft konnte man sich an einem "ganz normalen Morgen im Jahr 2020" in den letzten Wochen wie Captain Jean-Luc Picard beim morgendlichen "Damage Report" fühlen. Noch vor dem ersten Kaffee werden diverse Covid-19-Dashboards und Newsseiten geöffnet und die aktuellen Zahlen betrachtet. Arbeitnehmer und Arbeitgeber sorgen sich gleichermaßen: Wie geht es jetzt weiter? Was werden die kurz- und langfristigen Folgen für mich und mein Geschäft oder meinen Job sein?

Home Office ist angesagt. Das gilt aktuell auch für die Mehrzahl von Bewerbern.
Home Office ist angesagt. Das gilt aktuell auch für die Mehrzahl von Bewerbern.
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Um genau zu sein, muss die Krise sogar als Chance verstanden werden, denn die Welt wird nach der Krise eine andere sein - und hierauf wollen Sie vorbereitet sein. Um besser auf "das Danach" vorbereitet zu sein, ist nach dem ersten Schock nun der Moment gekommen, die Auswirkungen der Krise für sich zu analysieren, die sich ergebenden Schlussfolgerungen zu ziehen und so schnell wie möglich umzusetzen.

Am einfachsten zeigt sich das an der aktuell stattfindenden Verlagerung vieler Arbeitsplätze vom Büro in das Home Office. Plötzlich zeigt sich, welche Infrastruktur benötigt wird, dass auch hierfür Trainings sein können und wie wenig intuitiv die digitale Kommunikation derzeit für Viele noch ist. Jetzt ist genau das eine Notwendigkeit, was in vielen Berufen und Branchen früher noch ausgeschlossen schien. Vorstände treffen sich in Videokonferenzen, Berater beraten ihre Kunden online, Pressekonferenzen werden zum Webcast.

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Per Video Chat neue Mitarbeiter einstellen

Und natürlich finden auch Bewerbungsgespräche nun vermehrt online statt. Einige Unternehmen, für die dies vorher noch undenkbar gewesen wäre, haben mittlerweile sogar schon Bewerber eingestellt, die sie nun bisher noch gar nicht persönlich kennengelernt haben.

Was zunächst nach einer Horrorvorstellung für Recruiter klingt, ist in Wirklichkeit die große Chance, althergebrachte Prozesse zu hinterfragen und frei von Dogmen neue Employer-Branding-Maßnahmen auszuprobieren. Und dabei sind überwiegend online stattfindende Bewerbungsverfahren nicht einfach nur schneller und, gerade bei internationalen Positionen auch mit deutlich geringeren Kosten verbunden, sondern sie bringen noch eine Reihe weiterer positiver Effekte mit sich.

So treffen sich die Parteien in diesem Setup "auf neutralem Boden" , Bewerber und Interviewer lernen sich unmittelbar in ihrem persönlichen Umfeld kennen. Wenn der Interviewer das beachtet und behutsam mit diesen Faktoren umgeht, erlaubt Ihnen das eine viel direktere und persönlichere Verbindung zum Bewerber, als das im sterilen und eben nicht neutralen Umfeld Ihrer Büroräume möglich ist.

Natürlich sind Video-Interviews auch ökologischer als das Bewerbungsgespräch vor Ort. Diesen Fakt können sie als Werbung für sich nutzen. Werbung in eigener Sache ist auch, dass Sie digitale Lösungen in der Personalbeschaffung einsetzen. Solange Sie dennoch den persönlichen (meint: personalisierten) Kontakt mit Ihren Bewerbern haben, erkennen Kandidaten in solchen Unternehmen die höhere Digitalkompetenz, weswegen sie als moderner und attraktiver wahrgenommen werden.

Haben Sie die Digitalisierung des Recruitings bisher nicht nur als reine Rationalisierungsmaßnahme verstanden, sondern die Chancen des Zeitgewinns für Ihre Recruiter be- und ergriffen, haben Sie die richtigen Weichen gestellt.

Sollten Sie bereits auf Active Sourcing als Werkzeug Ihres Recruitings setzen, dann profitieren Sie aktuell übrigens von einer stark erhöhten Erreichbarkeit von Kandidaten. Da nicht nur Sie, sondern vermutlich auch Ihre Zielgruppe aus dem Home Office arbeitet, entfällt jeder soziale Druck durch Kollegen und Vorgesetzte, der Ihre Kandidaten aus dem Active Sourcing zuletzt regelmäßig davon abgehalten hat, Ihre Anfrage (zeitnah) zu beantworten.

Digitale Tools - probieren macht schlau

Falls für Ihr Unternehmen auch weitere onlinegestützte Verfahren wie Online-Assessments, Sprachanalyse oder Tools zur automatisierten Verifizierung von Kandidatenangaben, sinnvoll, jedoch noch nicht im Einsatz sind, ist jetzt eine gute Zeit, diese im Live-Betrieb einzusetzen und zu testen. Aufgrund der vorherrschenden Verunsicherung sind Kandidaten derzeit eher bereit, Ihnen Ungenauigkeiten und Fehlentscheidungen nachzusehen. Dies gilt selbstverständlich nicht nur für Bewerber, sondern auch für Ihre bestehende Belegschaft.

Praktiziert Ihr Unternehmen noch kein E-Learning für die Einarbeitung neuer Mitarbeiter, dann ist es jetzt höchste Eisenbahn, diesen Schritt umzusetzen. Abgesehen davon, dass sich hieraus extreme Einsparpotenziale ergeben, ist es derzeit fast Ihre einzige Chance, neue Mitarbeiter sinnvoll in das Unternehmen und den Arbeitsalltag zu integrieren.

Loyalität der Mitarbeiter stärken

Möglicherweise lässt sich die Krise für Sie auch für eine erhöhte Kandidaten- und Mitarbeiterbindung nutzen. Frei nach dem Motto "wenn wir schon damals eine so gravierende Krise miteinander überstanden und gestaltet haben, was soll uns noch gefährlich werden?" Diesen Effekt sollten Sie in Ihrer aktuellen Kommunikation mit Mitarbeitern bedenken. Dann gewinnen Sie für sich ein weites und loyales Netzwerk an Fürsprechern, die Ihnen bei der "Dauerkrise" des Fachkräftemangels auch in der Zukunft behilflich zur Seite stehen werden.

Welche Maßnahmen auch immer für Sie den höchsten Nutzen bringen, wichtig ist jetzt, dass Sie die aktuellen Umstellungen aus der Phase der durch die Krise ausgelösten, kreativen Spontanität heraus strukturieren und professionalisieren. Die Notwendigkeit hierfür entsteht aus der sich ändernden Erwartungshaltung künftiger Mitarbeiter und liegt in Ihrem Interesse an effektiven Verfahren und effizienten Prozessen. Oder um mit dem Schriftsteller Max Frisch zu sagen: "Eine Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen."

[Zur besseren Lesbarkeit wird in diesem Artikel ausschließlich die männliche Begriffsform genutzt. Selbstverständlich gilt der gesamte Inhalt für Personen jeden Geschlechts.] (bw)