Projektfahrplan Fehlanzeige

IT-Chaos bedroht deutsches Impfmanagement

16.02.2021
Von 
Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.
Während Bund, Länder und Kommunen oft unkoordiniert an Lösungen arbeiten, um das Impfstoff-Management in den Griff zu bekommen, bringen sich auch die großen Softwarehersteller mit Lösungen in Stellung. Ein Flickenteppich droht.
Das Impfmanagement in Deutschland droht in ein IT-Chaos abzudriften. Das könnte noch den einen oder anderen Beteiligten in den Wahnsinn treiben.
Das Impfmanagement in Deutschland droht in ein IT-Chaos abzudriften. Das könnte noch den einen oder anderen Beteiligten in den Wahnsinn treiben.
Foto: Elnur - shutterstock.com

Das Management der bundesweiten Impfkampagne gegen das Corona-Virus ist komplex. Die Logistik der Impfstoffe, die je nach Typ und Hersteller unterschiedlich gelagert und transportiert werden müssen, ist mit der Arbeit in den Impfzentren zu korrelieren. Hier geht es um die Registrierung der Menschen, die Vergabe der Impftermine nach den festgelegten Priorisierungen, aber auch die Begleitung der Geimpften nach Verabreichung der Vakzine, von der Beobachtung der Wirkung und Nebenwirkungen bis hin zur Ausstellung von Impfnachweisen.

Ohne IT lassen sich diese Aufgaben nicht lösen. Tatsächlich sind bereits etliche Lösungen im Einsatz. Doch von einem koordinierten und abgestimmten Vorgehen der Behörden kann keine Rede sein. Vielmehr entstehen auf kommunaler und auf Länderebene jeweils Insellösungen, die ein effizientes Management der Impfprozesse erschweren. Ob und wie auf Basis dieses Flickenteppichs später ein einheitliches Datenbild über Erfolg und Wirkung der gesamten Impfkampagne entstehen kann, ist unklar.

Beispiel Bayern: Der Freistaat hatte Anfang Dezember Accenture mit der Programmierung einer Software für das Impfmanagement beauftragt. Dabei hätte es bereits eine passende Lösung gegeben. Das Startup Innfactory aus Rosenheim hatte mit "Cotema" eine Software für die Abwicklung der Prozesse in den Impfzentren entwickelt - inklusive Funktionen für Terminvergabe, Priorisierung via Codes und Analyse-Tools. Zudem sollte die Lösung laufend weiterentwickelt werden. Innfactory-Gründer Tobias Jonas hatte Funktionen für die Registrierung von Ärzten sowie die Kopplung von Terminvergaben an die vorhandenen Impfkontingente angekündigt.

Angesichts des nahenden Starts der Impfkampagne Ende Dezember gaben einige Kommunen und Landkreise in Bayern bekannt, mit Cotema starten zu wollen, darunter die Stadt und der Landkreis Rosenheim wie auch die Landkreise München und Traunstein. Mit den Lösungen des Startups aus Oberbayern hatten die Behörden bereits gute Erfahrungen gemacht. Schon bei der Terminvergabe für Coronatests im Spätsommer und Herbst 2020 hatte Innfactory etliche Landkreise in Bayern mit IT-Lösungen unterstützt.

Erst dezentral, dann zentral

Doch das Engagement des Innfactory-Gründers erhielt bald einen Dämpfer. Seit Januar ist das "Bayerische Impfmanagement gegen Corona" (BayIMCO) von Accenture im Einsatz - zur Anmeldung, Terminplanung, Impfstoffbereitstellung, Impfdurchführung und zur Dokumentation in den Impfzentren. Das bayerische Gesundheitsministerium verpflichtete alle Landrats- und Gesundheitsämter im Freistaat, ihre Daten über das zentrale Portal zu melden und einzupflegen.

Damit vollzogen die Bayern eine überraschende Kehrtwende. Nachdem im vergangenen Jahr für die Corona-Tests eine dezentrale regionale Strategie verfolgt wurde und man die damit verbundenen Aufgaben den Ämtern vor Ort überlassen hatte, soll nun alles zentral über BayIMCO laufen. Startup-Gründer Jonas wundert sich. "Erst ermutigt man die Landratsämter, sich selbst zu helfen und etwas zu bauen, schafft dann aber nicht die Möglichkeit, die Dinge, die dort entstanden sind, zusammenzuführen oder zu integrieren, sagte er im Regional Fernsehen Oberbayern.

Dazu kamen Probleme mit BayIMCO. Funktionen für die Terminvergabe standen erst in der letzten Januarwoche zur Verfügung. Und auch das klappte nicht reibungslos. Gerade ältere Menschen hatten große Probleme. Jeder, der sich über das Portal für einen Impftermin anmelden wollte, benötigte eine eigene E-Mailadresse - keine Selbstverständlichkeit für ältere Menschen. Erst am 12. Februar versprach der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek Abhilfe. Er habe eine Anpassung der Software im Registrierungsportal BayIMCO angestoßen, hieß es in einer Pressemitteilung des Ministeriums. Nun könnten sich bis zu fünf Personen unter einer E-Mail-Adresse anmelden.

Datenschutz und Datensicherheit standen bei der Entwicklung von BayIMCO ganz klar im Vordergrund, sagt der bayerische Staatsminister für Gesundheit und Pflege Klaus Holetschek (CSU). Das ging wohl auf Kosten der Bedienerfreundlichkeit - ein Problem gerade für ältere Menschen, die nicht so IT-erfahren sind.
Datenschutz und Datensicherheit standen bei der Entwicklung von BayIMCO ganz klar im Vordergrund, sagt der bayerische Staatsminister für Gesundheit und Pflege Klaus Holetschek (CSU). Das ging wohl auf Kosten der Bedienerfreundlichkeit - ein Problem gerade für ältere Menschen, die nicht so IT-erfahren sind.
Foto: Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege

"Das ist ein wichtiger Schritt, um gerade Senioren mit wenig Routine im Umgang mit digitaler Kommunikation den Weg zum Impfen zu erleichtern", sagte der CSU-Politiker. "Mit der Änderung können nun zum Beispiel Kinder oder Enkelkinder für ihre Angehörigen Impftermine vereinbaren." Letztlich ein Eingeständnis, dass wenig auf Bedienerfreundlichkeit geachtet wurde. Holetschek gibt das indirekt zu. "Bei der Entwicklung der Plattform standen die Aspekte Datenschutz und Datensicherheit ganz klar im Vordergrund", so der Minister.

Möglicherweise ist BayIMCO bald auch schon wieder Geschichte. Angeblich entwickelt Impfstoffhersteller Biontech ein eigenes Planungs-Tool für das Management sämtlicher Prozesse rund um die Verabreichung der Vakzine. Entwicklungspartner soll der Freistaat Bayern sein. Laut einem Bericht der dpa hat Biontech der Bundesregierung angeboten, diese Impfmanagement-Lösung bundesweit zum Einsatz zu bringen. Das Ziel: Die Software soll unter anderem die Planungssicherheit der Impfzentren verbessern und helfen, flexibel auf etwaige Änderungen bei den Auslieferungsmengen reagieren zu können. Auch Impfstoffe der anderen Hersteller sollen sich mit dem Tool verwalten und steuern lassen, hieß es.

Jeder will ein Stück vom Kuchen

Tröstlich: Deutschland ist mit seinen Problemen rund um die Impflogistik nicht allein. "Das Verteilen, Verabreichen und Überwachen von Impfungen ist die größte Workflow-Herausforderung unserer Zeit", sagte Bill McDermott, CEO von ServiceNow. Vielerorts fehlten Prozesse und die Infrastruktur, um Impfungen schnell durchzuführen. Die Vakzine gibt es nur begrenzt, die Lagerungsbedingungen sind teilweise herausfordernd und in vielen Fällen braucht es eine zweite Impfung - das alles macht die die Verteilung zu einem komplexen Workflow-Problem. Dazu kommen oft noch veraltete Prozesse und Systeme, ein einträgliches Feld also für Workflow- und Service-Management-Profis wie ServiceNow und seine Wettbewerber.

Helfen könne das "Vaccine Administration Management", verspricht das Unternehmen. Das Cloud-Tool soll die Patientenkommunikation mit Impfstoff-Bestandssystemen verbinden, so dass Organisationen Patienten benachrichtigen können, wenn weitere Impfstoffe verfügbar sind, sowie Termine planen und Erinnerungen versenden können. Über ein Dashboard ließen sich alle kritischen Elemente des Impfstoffmanagement-Prozesses orchestrieren - auch das Verteilen und Verabreichen sowie die Überwachung der Ergebnisse. ServiceNow spricht von einer Kommandozentrale für die Impfstoffverwaltung.

Salesforce hat mit der "Vaccine Cloud" ebenfalls ein Werkzeug vorgestellt, mit dessen Hilfe sich Impfvorhaben effizient abwickeln und verwalten lassen sollen. Jetzt komme es auf die Geschwindigkeit an, um die Pandemie einzudämmen, heißt es von Seiten des Software-as-a-Service-Spezialisten. Vielfach fehle es jedoch an der technischen Infrastruktur, um die Komplexität, das notwendige Tempo und den Umfang der Impfungen zu bewältigen. Die Anforderungen reichten vom Bestands- und Logistikmanagement über das Registrieren und Terminieren der Impfungen bis hin zum Betreuen der Empfänger und dem Überwachen der Impfergebnisse.

Altötting schneller als Microsoft und Co.

Salesforce ist Mitglied der Vaccination Credential Initiative (VCI), der auch Microsoft und Oracle angehören. Ziel der Koalition aus Vertretern der Gesundheits- und Technologiebranche ist es, einen Standard für den digitalen Nachweis des Impfstatus zu entwickeln. Vertrauenswürdige, nachvollziehbare und überprüfbare Belege des Impfstatus seien notwendig, damit Menschen sicher zur Arbeit, in die Schule, zu Veranstaltungen und bald auch wieder auf Reisen gehen könnten.

Basis sollen die offene SMART-Health-Cards-Spezifikationen bilden. Diese definierten ein Format für den Austausch von Gesundheitsdaten zwischen verschiedenen Softwaresystemen. Nach den Plänen der VCI-Beteiligten sollen Nutzer eine Art digitalen Impfausweis erhalten, der in verschiedenen Apps abgelegt werden kann. Voraussetzung: Die App unterstützt den SMART-Standard.

Während Microsoft, Oracle und Salesforce noch am digitalen Impfpass arbeiten, ist man im bayerischen Altötting schon weiter. CSU-Landrat Erwin Schneider hat schon im Januar eine eigene Lösung auf den Weg gebracht. Zunächst gibt es einen per Smartphone auslesbaren gedruckten Code, später soll es einen rein digitalen Impfnachweis geben. Entwickelt haben das die Bayern gemeinsam mit der Kölner Firma Ubirch.

"Ich bin in diesen Dingen gerne proaktiv", sagte Landrat Schneider der "Süddeutschen Zeitung". Als er gehört habe, dass Microsoft und Oracle ebenfalls daran arbeiteten, habe er sich gedacht: "Mensch, wir haben das doch schon." Dass es eine digitale Lösung brauche, sei dem CSU-Mann schnell klar geworden. Die erste Variante mit einer Scheckkarte sei zügig vom Tisch gewesen, erzählte er der Zeitung, und zitierte einen jungen Bürgermeister aus seinem Landkreis: "Des is a oida Huat, des is old fashioned, des brauchst du digital."