Digitale Zwillinge und Machine Learning

IT-Branche nimmt Shopfloor ins Visier

31.03.2019
Von 
Jürgen Hill ist Teamleiter Technologie. Thematisch ist der studierte Diplom-Journalist und Informatiker im Bereich Communications mit all seinen Facetten zuhause. 
Die Fertigungsindustrie tickt digital – das zeigt ein Gang über die Hannover Messe Industrie. Es gibt kaum eine produzierende Branche, in der nicht mit IT Prozesse und Produkte verbessert werden. Entsprechend zahlreich sind die großen IT-Player vertreten.
Fast alle namhaften IT-Player sind auf der Industriemesse in Hannover zu finden.
Fast alle namhaften IT-Player sind auf der Industriemesse in Hannover zu finden.
Foto: Deutsche Messe AG

Egal ob Dell, Microsoft, IBM, Intel, Software AG, Amazon Web Services, Lancom oder Cisco, egal ob Software- oder Hardwarehersteller: Fast alle namhaften IT-Player sind dieses Jahr auf der Hannover Messe Industrie (HMI) zu finden. Fast schon, wie zu besten CeBIT-Zeiten ist man versucht zu sagen. Doch halt, eines will die HMI auf keinen Fall sein: ein Ersatz für die CeBIT. "Wir sind die Industriemesse und bleiben das auch, Finanzsoftware werden Sie auch künftig nicht auf der HMI finden", unterstrich Arno Reich, Geschäftsbereichsleiter Industry, Energy, Logistics der Deutschen Messe AG, im Vorfeld die Positionierung der Messe.

Entsprechend könnte man fast glauben, dass die Hannoveraner froh über das "nur" 15-prozentige Wachstum ihrer Ausstellungsfläche zum Thema Digital Factory sind. Der Vergleich zur CeBIT scheint angesichts dieser Zahlen übertrieben. Insgesamt sind in Hannover die Hallen 5, 6, 7 und 8 dediziert dem Thema digitale Fertigung und Industrie 4.0 gewidmet.

Zu den Top-Themen zählen dabei künstliche Intelligenz (KI) und Plattformökonomie. Weitere Themen sind unter anderem Hybrid Clouds, Augmented und Virtual Reality, 5G, Blockchain, Digital Twin sowie ERP- und MES-Systeme. Insgesamt zeigen in den vier Hallen mehr als 600 Aussteller ihre Lösungen für integrierte Prozesse zur industriellen Anwendung. Im Fokus der Aussteller stehen dabei weniger neue Produkte als vielmehr Use Cases, die dem Messebesucher einen Eindruck davon vermitteln sollen, wo und wie sich überall Prozesse und Produktionsabläufe digitalisieren lassen.

In der Mixed-Reality-Area des Microsoft-Standes (hier ein Bild von der HMI 2018) ist auch die neue HoloLens 2 zu finden.
In der Mixed-Reality-Area des Microsoft-Standes (hier ein Bild von der HMI 2018) ist auch die neue HoloLens 2 zu finden.
Foto: Microsoft

Wie sich Industrieunternehmen zu Anbietern von digitalen Lösungen entwickeln, zeigt beispielsweise Microsoft mit mehr als 30 Partnern in Halle 7 anhand unterschiedlicher Uses Cases. Dabei setzen die Unternehmen auf Technologien wie Cloud und Edge Computing, KI, IoT und Mixed Reality. So nutzen beispielsweise Unternehmen erneuerbare Energiequellen mit Hilfe von KI besonders kostengünstig und nachhaltig. Durchgehend digitale Prozesse ermöglichen das vollständige Verknüpfen und Optimieren vonWertschöpfungsketten.

Maschinen, die an die Cloud angebunden sind, erleichtern die Qualitätssicherung in der Lebensmittelproduktion. Erfasste Daten können dabei 'vor Ort' am Gerät (Edge) oder in der Cloud ausgewertet werden. Vernetzte, intelligente Lichtsysteme vereinfachen den Anbau von Lebensmitteln in städtischen Ballungsgebieten (Urban Farming). Hochsensible Roboter, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen über die Cloud teilen und selbstständig voneinander lernen, entlasten den Menschen von Routineaufgaben oder gefährlichen Tätigkeiten.

Was uns 2030 erwartet

Zu den Austellern auf dem Microsoft-Stand gehören unter anderem Osram, Zeiss, Bühler, Vaillant, ABB, Accenture, PwC, Iconics, Rockwell Automation, Schneider Electric, Toyota Material Handling Europe, ZF Friedrichshafen, Siemens Gamesa, PTC, Bilfinger und Witte. In der Mixed-Reality-Area des Standes ist auch die neue Microsoft HoloLens 2 zu sehen, die Microsoft im Februar auf dem MWC in Barcelona vorgestellt hat.

Statt mehrerer Showcases zeigt SAP auf seinem Stand in Halle 7 nur einen - allerdings unterteilt in mehrere vernetzte Stationen. Gezeigt wird der gesamte Produktionsprozess eines intelligenten Ventils im Kleinen: von Auftrag und Personalisierung über die Produktion an mobilen Montagearbeitsplätzen bis hin zur automatisierten Einlagerung und dem Versand. SAP will so die Vorteile von IoT, Big Data, Machine Learning, Blockchain, Analytics und 3D-Druck greifbar machen und demonstrieren, wie die eigenen Lösungen den Unternehmen in der digitalen Transformation helfen.

Die Optimierung des Produktionsprozess mit IoT und Machine Learning gehört zu den Schwerpunkten der HMI 2019.
Die Optimierung des Produktionsprozess mit IoT und Machine Learning gehört zu den Schwerpunkten der HMI 2019.
Foto: Deutsche Messe AG

Von der Optimierung der Lieferkette über die Hochverfügbarkeit von Maschinen und Anlagen bis hin zur Verbesserung der Qualitätskontrolle findet der Besucher in Halle 7 bei IBM ebenfalls ein breites Portfolio. Anhand vielfältiger Anwendungsszenarien zeigt der Konzern unter dem Motto Industrial Intelligence, welche wichtige Rollen dabei Technologien wie IoT, KI, Blockchain oder die Cloud heute schon spielen und welche zukünftigen Potenziale in ihnen stecken. Mit dem Bereich IBM Research zeigt das Unternehmen außerdem, welche Forschungsgebiete aktuell adressiert werden und welche sich gemeinsam mit Kunden, Partnern und Interessenten weiterverfolgen lassen.

Eines dieser Zukunftsthemen ist das Quanten-Computing, das von IBM aktiv erforscht und weiterentwickelt wird. Jeden Tag zur Mittagszeit (12.00 bis 13:30) erklärt IBM-Experte Roman Malina die Funktionsweise von Quantencomputern und welches Potenzial sie in Bereichen wie der Materialwissenschaft, der Prozesskomplexität, der Logistik, in der Lieferkette und im Risikomanagement besitzen.

COMPUTERWOCHE und CIO präsentieren Studie Machine Learning 2019

Zumindest auf der Hannover Messe haben sich Künstliche Intelligenz (KI) und Machine Learning einen festen Platz in Strategie und Produktportfolio der industriellen Aussteller erobert. Doch wie sieht die Realität in den deutschen Unternehmen im Frühjahr 2019 aus? Einen Faktencheck bietet die brandneue Studie "Machine Learning 2019" von COMPUTERWOCHE und CIO, die wir im Rahmen des Forums tech transfer (Halle 2, Stand C02) am Mittwoch, den 3. April von 12.30 bis 13.30 Uhr präsentieren. Im Anschluss an die Präsentation diskutieren wir mit unseren Studienpartnern Siemens, IBM, Lufthansa Industry Solutions, In-integrierte Informationssysteme und A1 Digital die Frage "KI/ML zwischen Hype und Realität - wie nutzen deutsche Unternehmen die neue Technik".

Unter dem Motto "Connecting the Industry" steht der Messeauftritt von Atos in Halle 6. Im Rahmen einer personalisierten Live-Demo führen die Franzosen Standbesucher durch den Lebenszyklus eines Produkts - am Beispiel eines Schokoriegels. Die Besucher können jede Phase von der Konzeption über die Produktion bis hin zur Präsentation im Laden begleiten. Den Produktlebenszyklus bildet Atos mithilfe von fünf Stationen ab: Vom Design über Produktion, Maintenance und Qualitätskontrolle bis zu Point-of-Sale- und Aftersales-Services durchläuft die Leckerei beispielhaft die digitale Wertschöpfungskette.

Gesteuert wird die Prozesskette von den Digital Twins, die auf Basis von IoT-Daten, das Produkt, die Produktion und das Kundenverhalten digital abbilden. Und bei der Digitalisierung der Point-of-Sale- und Aftersales-Services kommt ebenfalls ein Digitaler Zwilling ins Spiel. Befüllung, Füllstand und Produktverbrauch können mit einem vernetzten Kühlschrank erfasst und zusammen mit weiteren Nutzungsdaten zur Erstellung eines digitalen Ebenbilds des Kunden verbunden werden.

Netzausrüster wie Cisco oder Lancom (im Bild der Cisco-Stand von 2018) sind mittlerweile ebenfalls auf der HMI zu finden.
Netzausrüster wie Cisco oder Lancom (im Bild der Cisco-Stand von 2018) sind mittlerweile ebenfalls auf der HMI zu finden.
Foto: Alexander Tolstykh - shutterstock.com

Wie die Netzinfrastruktur für die digitalisierte Industrie aussehen könnte, zeigen beispielsweise Cisco und Lancom in Hannover. Hauptthema bei Cisco in Halle 6 ist "Secure and Proven Network for Industry 4.0". Neben Security-Lösungen präsentiert Cisco dabei auch eine neue Reihe von Industrial Ethernet Switches.

Als Fundament für die Digitalisierung der industriellen Fertigung betrachtet man bei Lancom in Halle 5 das Software-defined Networking. SDN, so die Argumentation des deutschen Herstellers, biete Unternehmen eine agile Netzinfrastruktur, so dass sie ihr Netz dynamisch auf die wechselnden Anforderungen anpassen können. Des Weiteren präsentieren die Netzwerker ihr erweitertes IoT-Portfolio. Dazu zählt etwa der Wifi5-kompatible WLAN Access Point LANCOM LN-830U, der die Einbindung verschiedener IoT-Geräte über USB-Sticks für unterschiedliche IoT-Funkstandards erlaubt.

Für mehr Transparenz, Effizienz und Übersicht in der Warenlogistik sollen Digital-Signage-Lösungen auf Basis von Wireless-ePaper-Technologie sorgen, die ehemals papierbasierte Vorgänge restlos digitalisieren. Neu ist auch der LTE-Router LANCOM IAP-4G+, der ein stabiles Internet in Lager, Logistik und überdachten Outdoor-Bereichen ohne kabelgebundene Internetanbindung ermöglichen soll. Er verfügt über ein Vollmetallgehäuse mit erhöhter Staubdichte und ist für Temperaturen von -20 bis +50 Grad geeignet.

Auch wenn in den genannten Hallen die großen IT-Player zu finden sind, sollte sich ein Messebesucher nicht vom ersten Eindruck täuschen lassen. Längst hat das Thema Digitalisierung die gesamte HMI erobert und die Messe AG, die mit rund 6.500 Ausstellern kalkuliert, für 2019 das Leitthema "Integrated Industry - Industrial Intelligence" ausgegeben. Wie Siemens, Festo, Bosch, Continental oder Beckhoff Automation und Co. im Zuge der Plattformökonomie und Digitalisierung immer stärker in das Software-Business vordringen beleuchtet unser Artikel "Maschinenbauer transformieren zu Softwareanbietern".