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ISS-Empfehlung löst Diskussionen aus

06.03.2002
Nicht alle institutionellen Anleger wollen ihre Entscheidung zu dem geplanten Merger von HP und Compaq von dem gestern veröffentlichten ISS-Gutachten, das die Fusion befürwortet, abhängig machen.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die am gestrigen Dienstagabend veröffentlichte Empfehlung der Unternehmensberatung für institutionelle Anleger ISS (Institutional Shareholder Services) an die HP-Aktionäre, die geplante Fusion von Hewlett-Packard (HP) und Compaq zu befürworten, wurden von den Investoren und Analysten unterschiedlich aufgenommen.

Einige institutionelle Anleger haben angekündigt, bei der Hauptversammlung am 19. März im Sinne der ISS-Empfehlung stimmen zu wollen. Zu ihnen gehört beispielsweise die Barclays Bank, die 3,1 Prozent der HP-Anteile hält. Einige haben sich noch nicht entschieden, wie die Banc One Investment Advisors, die Ende 2001 rund fünf Millionen HP-Anteile besaß. Ein Unternehmenssprecher erklärte: "Allerdings ist es sehr wahrscheinlich, dass die Fusion nun stattfindet."

Einige Anleger kritisierten unterdessen, dass die ISS-Empfehlung in ihrer Analyse der Fusion nicht überzeugend sei. Jerome Dodson, ein Sprecher der Gesellschaft Parnassus Investments, die 170.000 HP-Anteile hält, sagte: "Der ISS lieferte weder eine genaue Argumentation noch einen Einblick in die Gründe für seine Entscheidung." Das Investment-Haus will sein Urteil zu dem Merger in den kommenden Tagen fällen. Das größte Hindernis sieht Dodson in den Integrationsproblemen, die durch die Kombinationen der zwei Computergiganten entstehen könnten. Zudem befürchtet er, dass die Übernahme von Compaq den Wert des äußerst lukrativen Drucker- und Imaging-Geschäfts von HP verwässern könnte.

Ob der Deal tatsächlich abgesegnet wird, ist noch nicht klar, auch wenn das ISS-Votum in der herrschenden Schlammschlacht zwischen den Merger-Gegnern um Walter Hewlett und dem HP-Management derzeit den Befürwortern in die Hände zu spielen scheint. Viele Fonds-Manager wollen die ISS-Empfehlung nicht zum alleinigen Maßstab machen und sich stattdessen auf eigene Untersuchungen stützen. Ein Berater bei Fifth Third Investment Advisors, die mit ihren 715.000 HP-Anteilen gegen den Deal votieren wollen, erklärte, er rechne mit einem knappen Abstimmungsergebnis, warnte jedoch davor, den Einfluss von Walter Hewlett zu unterschätzen. "Wir werden den ISS-Bericht lesen, aber wir sind immer noch der Meinung, dass der Merger eine schlechte Idee ist. Der Bericht wird unsere Position nicht ändern."

Für die notwendige einfache Mehrheit der Aktionärsstimmen muss HP-Chefin Carleton Fiorina noch mindestens 66 Prozent der von institutionellen Anlegern gehaltenen Anteile auf ihre Seite bekommen. Schließlich haben die Familienstiftungen der HP-Gründer William Hewlett und David Packard bereits angekündigt, mit ihrer rund 18-prozentigen Beteiligung an dem IT-Konzern gegen den Deal stimmen zu wollen. Weitere zwei Prozent der institutionellen Aktionäre haben sich bislang ebenfalls öffentlich gegen den Deal ausgesprochen. Ein Analyst von Banc of America Securities erklärte: "Wir sind nach wie vor der Meinung, dass die Chancen schlecht stehen für die Fusion."

HP-Anteilseigner

Institutionelle Anleger: 57 Prozent

Hewlett- und Packard-Familien sowie deren Stiftungen: 18 Prozent

Freefloat/Angestellte: 25 Prozent

Die ISS-Empfehlung

In seinem Bericht empfiehlt ISS seinen Kunden ausdrücklich, der Fusion zuzustimmen. Die Beratungsgesellschaft befürwortet die langfristigen strategischen und finanziellen Aussichten, die das HP-Management für die kombinierte Firma entworfen habe. Sowohl die erwarteten Kostensynergien als auch die anfänglichen Umsatzeinbußen seien realistisch. Der ISS stimmt zwar mit Hewletts Bedenken überein, dass die Integration der Computerriesen schwierig werde, aber er zeigte sich beeindruckt von den bereits unternommenen Schritten. So sei die gemeinsame Produkt-Roadmap bereits fertiggestellt und die Planung der "kulturellen Integration" weit fortgeschritten. Fiorina und Compaq-Chef Michael Capellas hätten die Lektion aus dem Desaster der DEC-Integration in Compaq gelernt. "Es ist schwer, angesichts dieser enthusiastischen Herangehensweise an den Integrationschancen zu zweifeln", heißt es in dem Bericht.

Der ISS wies Hewletts Vorwurf zurück, dass HP keine anderen Alternativen zu der Fusion erwogen hätte. Ferner konnte sich die Anlegerberatung nicht mit dem Gegenvorschlag von Hewlett anfreunden, wonach sich HP künftig auf sein lukratives Imaging- und Printer-Geschäft konzentrieren und es eventuell sogar auslagern sollte. Der Nachfahre von HP-Gründer Hewlett habe es versäumt darzulegen, was in diesem Fall mit dem übrigen Geschäft des IT-Konzerns geschehen soll.

Rügen für HP

HP musste in dem Bericht jedoch auch eine deutliche Rüge einstecken. Der ISS kritisierte das Management dafür, zu wenig Informationen über die "deutlich fortgeschrittenen Diskussionen" bezüglich der Gratifikationen für Fiorina und Capellas im Falle eines Fusionserfolgs veröffentlicht zu haben. Hewlett hatte vor kurzem offen gelegt, dass die beiden Firmenchefs nach Abschluss insgesamt bis zu 115 Millionen Dollar kassieren würden. Zudem rügte der ISS die Konzerne, in ihren Merger-Anstrengungen die Kompetenz von Hewlett als HP-Direktor in Frage gestellt zu haben. "Wie auch immer der gegenwärtige Wettkampf ausgehen sollte: Es ist klar, dass Walter Hewlett entgegen der Rhetorik des Managements eine sehr produktive Rolle dabei gespielt hat, die aktive Debatte über die Vorteile des Mergers anzuheizen", heißt es in dem 26-seitigen Dokument. Wenn die Fusion zustande kommt, ist der Druck auf HP und Compaq groß, die Integration erfolgreich

durchzuführen. "Das kann für die HP-Aktionäre nur gut sein", folgert ISS. Vor diesem Hintergrund spricht sich das Unternehmen dafür aus, dass Hewlett im Falle des Abschlusses der Fusion weiterhin im Board of Directors von HP präsent sein sollte: "Wir glauben, dass der Verwaltungsrat erheblich von der Anwesenheit eines wichtigen Aktionärs profitieren würde."

"Das ist ein wichtiger Meilenstein"

Die Empfehlung der ISS bezeichnete Fiorina als einen "wichtigen Meilenstein" und zeigte sich überzeugt, dass das Pendel zugunsten der Fusion ausgeschlagen habe. Compaqs Finanzchef Jeffrey Clarke erwartet nun, dass der ISS auch den Compaq-Aktionären raten werde, die Fusion abzusegnen. Das entsprechende Gutachten will der ISS in wenigen Tagen veröffentlichen.

Das Hewlett-Lager hat die Entscheidung der ISS heftig kritisiert. "Sie haben nicht begriffen, worum es geht. Wir sind der Meinung, dass der Merger zwischen HP und Compaq den Aktienwert deutlich senken wird", erklärte Hewlett in einer Pressemeldung. Er zeigte sich zuversichtlich, dass viele Anleger den Deal unabhängig vom ISS-Urteil evaluieren würden. Sein Team und er würden nun fortfahren, mit Aktionären im ganzen Land zu sprechen.

Nach der nachbörslichen ISS-Veröffentlichung am gestrigen Dienstag legte die Compaq-Aktie um 54 Cent auf 11,12 Dollar zu. Das HP-Papier fiel um 54 Cent auf 20,05 Dollar. (ka)