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IRC - Der wilde Westen des Internet

07.05.2004

Wer an einem ganz normalen Wochentag in den Chat-Räumen des IRC (Internet Relay Chat) stöbert, stößt auf so manches, was auch Copyright-Inhaber interessieren dürfte: kostenlose MPEG-Dateien aktueller Kinofilmen wie "Die Passion Christi" oder "Kill Bill Vol. 2", das Xbox-Spiel "Prince of Persia: The Sands of Time", illegale Kopien diverser Windows-Versionen oder vollständige Musikalben im MP3-Format.

Während sich das Web zu einem gut überwachten Bereich des Internet entwickelt hat und P2P-Netze (Peer to Peer) wie Kazaa zunehmend ins Fadenkreuz der Musikindustrie geraten, herrscht im IRC, den es seit 1988 gibt (Computerwoche.de berichtete) das Gesetz des Wilden Westen. Allerdings nutzt die Mehrzahl der schätzungsweise 500.000 Anwender den kostenlosen Dienst für legale Zwecke, sagen Netzadministratoren. Dennoch liege in den Chat-Räumen der Ursprungsverteiler für so manche Raubkopie. Auch viele Viren und Würmer werden via IRC auf die Internet-Anwender losgelassen.

Dem stimmt John Wolfe, Director for Enforcement bei der BSA (Business Software Alliance), zu. "Elite-Piraten" bedienten sich bevorzugt des IRC, um illegale Softwarekopien in Umlauf zu setzen. Die Dateien selbst würden zwar über andere Kanäle verschickt, die Raubkopierer organisierten sich jedoch via Chat. Das hätten Ermittlungen der US-Bundespolizei FBI bestätigt, sagte ein Behördensprecher. Demnach haben im Zuge der Operation "Fastlink", bei der die Polizei Ende April 2004 in elf Staaten weltweit gegen Softwarepiraten vorging (Computerwoche.de berichtete), Verdächtige die Nutzung der Chat-Räume eingestanden.

Tatsächlich finden in den IRC-Kanälen gleichermaßen seriöse und grenzwertige Diskussionen statt. IT-Cracks tauschen sich ebenso aus wie Online-Spieler, andererseits finden aber auch Chats über sexuelle Obsessionen oder Hackeranleitungen statt. Letztendlich erfüllt der IRC damit den Zweck, zu dem er ins Leben gerufen wurde - den freien Austausch von Informationen und Gedanken zu ermöglichen. Die Regeln dafür legt derjenige fest, der einen neuen Chat-Raum eröffnet. Mit den dadurch erlangten "Master"-Rechten, kann er bestimmte Personen von der Diskussion ausschließen, weitere Nutzer einladen oder private Kanäle öffnen, in die nur ein geschlossener Personenkreis mit Passwort kommt.

Diese Funktion nutzen allerdings auch Anwender, die sich durch ihr Treiben auf die Schattenseite der Community - und der gesamten Gesellschaft - stellen. So vermuten die Ermittler des FBI, dass nicht zuletzt auch Kinderporno-Ringe geschlossene Chat-Räume nutzen. Die Mitglieder verschleiern ihre Identität zusätzlich, in dem sie von ihrem PC über zwischengeschaltete Rechner auf den IRC zugreifen. So lasse sich die ursprüngliche IP-Adresse nur sehr schwer herausfinden.

Davon unabhängig verzeichnen die größten IRC-Netze DALnet, EFNet und Undernet in letzter Zeit zunehmende Nutzerzahlen. Laut Rob Mosher, der einen Server im EFNet betreibt, handelt es sich dabei hauptsächlich um ehemalige AOL-Anwender, die auf einfache Breitband-Zugänge umgestiegen sind und dennoch weiterhin Chat-Funktionen nutzen wollen. Die Nutzung des IRC, das aus Dutzenden weltweit vernetzten Servern besteht, die in vielen Fällen von Universitäten betrieben werden, ist einfach. Die Installation einer Client-Software mit geringem Konfigurationsaufwand genügt. Die wahrscheinlich am meisten verbreitete Anwendung ist die Shareware mIRC. (lex)