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Irak-Krise: Amerikaner surfen verstärkt ausländische Nachrichten an

18.03.2003

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Im Vorfeld des drohenden Irak-Krieges informieren sich immer mehr Amerikaner bei ausländischen Medien anstelle ihrer zunehmend gleichgeschalteten Inlandspresse, wie "Wired News" berichtet. Im Januar beispielsweise kamen laut Messung von Nielsen/Netratings 49 Prozent der Besucher von Guardian Unlimited, der Dach-Site für die linksgerichteten britischen Tageszeitungen "Guardian" und "Observer", aus den Vereinigten Staaten. "Angesichts dessen, wie zaghaft die meisten US-Nachrichten-Organisationen die Position des Weißen Hauses gegenüber dem Irak kritisiert haben, wundert es mich überhaupt nicht, wenn sich Amerikaner auf der Suche nach einer Sichtweise, die über "Freedom Fries" [so nennt man Pommes in den Staaten neuerdings statt "French Fries", seit die Franzosen ob ihrer Antikriegshaltung in Ungnade gefallen sind, Anm.d.Red.] hinaus geht, an Dienste im Ausland halten", kommentiert "Newsweek"-Autorin Deborah Branscom, die auch ein Weblog zu

Medienthemen führt.

Auch auf der Site der Australian Broadcasting Corporation kamen ein Drittel der Januar-Besucher aus den USA. "Wir verzeichnen speziell aus den USA jede Menge Suchen nach aktuellen Nachrichten", erläutert Richard Goosey, Netratings International Chief of Measuring Science. Die Abwanderungsbewegung zu ausländischen Nachrichten sei durchaus signifikant, so Goosey. Während bei News-Sites generell der Traffic zwischen Dezember 2002 und Januar 2003 um drei Prozent angestiegen sei, habe der "Guardian" ein Plus von zehn Prozent verzeichnet. "CNN.com", eine der populärsten US-Seiten, musste dagegen einen leichten Besucherrückgang hinnehmen.

Jon Dennis, Deputy News Editor beim "Guardian", findet das nur folgerichtig: "Als Journalist wundere ich mich sehr, dass in den amerikanischen Medien nicht mehr Kritik an der Bush-Regierung gibt. Es ist, als stünden die USA komplett unter dem Schock des 11. September. Für die Medien ist da nicht einfach, sachlich zu bleiben. Es scheint, als würden sie nicht so klar denken wie sie eigentlich sollten." Eine Diskussion finde in den Vereinigten Staaten nur mehr im Web statt, stellt der britische Journalist fest. "Weblogs machen die ganze Arbeit, die früher die Medien taten", so Dennis. "Das ist eine interessante Entwicklung." (tc)