Round Table zur COMPUTERWOCHE/CIO-IoT-Studie

IoT wartet nicht auf die Unternehmen

Jürgen Hill ist Teamleiter Technologie. Thematisch ist der studierte Diplom-Journalist und Informatiker im Bereich Communications mit all seinen Facetten zuhause. 
Vor allem Fragen der Umsetzung, der Security sowie der Agilität beschäftigen Unternehmen beim Thema IoT. Dies zeigt nicht nur die aktuelle IoT-Studie von COMPUTERWOCHE und CIO, sondern auch ein Round Table, auf dem IT-Entscheider und Hersteller über die Studienergebnisse diskutierten.
IT-Entschieder und Hersteller diskutierten auf der IoT-Soiree von COMPUTERWOCHE und CIO über das Internet der Dinge und die Situation in Deutschland.
IT-Entschieder und Hersteller diskutierten auf der IoT-Soiree von COMPUTERWOCHE und CIO über das Internet der Dinge und die Situation in Deutschland.
Foto: Patrick Hagn

Beim Thema IoT wiegen sich viele deutsche Unternehmen in einer trügerischen Sicherheit, so ein Ergebnis der IoT-Studie von COMPUTERWOCHE und CIO: Rund 55 Prozent der Befragten messen IoT - für viele die vierte industrielle Revolution - derzeit noch keine hohe Relevanz zu und glauben, dass sie noch drei Jahre Zeit haben.

Wer schnell ist, gewinnt

Sascha Lekic, Director IM B2B bei Samsung, appeliert an die Unternehmen, in Sache IoT selbst aktiv zu werden, denn die Technik warte nicht.
Sascha Lekic, Director IM B2B bei Samsung, appeliert an die Unternehmen, in Sache IoT selbst aktiv zu werden, denn die Technik warte nicht.
Foto: Patrick Hagn

Ein gefährlicher Trugschluss wie die Teilnehmer des Round Table meinten. So warnte etwa Sascha Lekic, Director IM B2B bei Samsung Electronics: "IoT wartet nicht auf die Unternehmen, sie müssen selbst aktiv werden." Ein Statement, das die anderen Diskutanten wie etwa Jan Bungert, Bereichsleiter bei SAP, durchaus teilten, denn "wer schnell ist, gewinnt".

Setzt Amerika die De-facto-IoT Standards?

Allerdings scheint es mit der Schnelligkeit hierzulande noch zu hapern. So stellt etwa Claudia Engelhardt, Head of IT Automotive/Specialty Lighting bei Osram, fest, dass die amerikanischen Kollegen in Sachen IoT schneller unterwegs seien. Ein Eindruck, den Holger Ewald, CIO bei der Kuka Group, durchaus teilt: "Geschwindigkeit ist wichtig, deshalb sollten wir nicht mehr alles selbst entwickeln, - zumal die Amerikaner dabei sind, die De-facto-IoT-Standards zu setzen.

Keine Patentrezepte

Ein Patentrezept, um die Realisierung von IoT-Projekten zu beschleunigen, gibt es in den Augen der Teilnehmer allerdings nicht, da in den einzelnen Unternehmen die Ausgangslage zu unterschiedlich ist. So vermisst etwa Michael Kollig, Group CIO bei der Unternehmensgruppe Theo Müller, in der Milchindustrie ein datengetriebenes Verständnis der Prozesse. "Es werden sehr viele Daten, mehr oder weniger geplant erhoben, aber es sind nur unzureichende Algorithmen vorhanden, um ein Ende zu Ende Prozessverständnis zu generieren", beklagt er.

Prozesswissen mit IT verknüpfen

Gerade diese Verknüpfung von Prozesswissen mit der IT und die Analyse der Daten ist bei vielen IoT-Projekten derzeit noch eine Herausforderung. "Die Fachkompetenz der Anbieter bei den unterstützten Prozessen ist notwendig, denn oft verstehen die Partner nicht, wie man die Prozesse orchestrieren kann", unterstreicht Engelhardt.

Kuka-CIO Holger Ewald empfiehlt Unternehmen, gemeinsam mit dem IoT-Partner ein ECO-System aufzubauen.
Kuka-CIO Holger Ewald empfiehlt Unternehmen, gemeinsam mit dem IoT-Partner ein ECO-System aufzubauen.
Foto: Patrick Hagn

Allerdings geht es auch nicht ohne Partner und viele deutsche Unternehmen bewegten sich noch eher im eigenen Umfeld, statt sich einen Partner für die Lösung zu holen und mit ihm ein Eco-System aufzubauen, kritisiert denn auch Kuka-CIO Ewald: "Dabei muss man sicher zuerst geben, wird dann aber später bei der Know-how-Entwicklung mitgenommen."

Schwierige Partnersuche

Dass die deutschen Unternehmen in der Frage, ob sie IoT-Projekte eher alleine stemmen sollen oder mit Partnern, gespalten sind, belegt auch die Studie von COMPUTERWOCHE und CIO: Während 50,7 Prozent zu Protokoll gaben, dass sie ihre IoT-Lösung eigenständig entwickeln, holen sich 49,3 Prozent einen Partner ins Boot. Setzen die Unternehmen auf einen Partner, so ein weiteres Studienergebnis, dann achten sie vor allem auf Kriterien wie technologisches Know-how, Vertrauen in den Anbieter, Branchenkompetenz und Prozess-Know-how.

Jan Bungert, Bereichsleiter bei SAP, glaubt, dass sich in der IoT-Welt kaum ein Industriefertiger alleine durchsetzen kann.
Jan Bungert, Bereichsleiter bei SAP, glaubt, dass sich in der IoT-Welt kaum ein Industriefertiger alleine durchsetzen kann.
Foto: Patrick Hagn

Partnerschaften sind aus Sicht von SAP-Manager Bungert zudem unverzichtbar, da sich in der IoT-Welt kaum ein Industriefertiger alleine durchsetzen könne. Er glaubt, dass es letztlich zu einer Zusammenarbeit verschiedener Systeme kommt, bei der Plattformen mit Plattformen kommunizieren.

Bei dieser Suche nach Partnerschaften sah die Diskussionsrunde vor allem den Mittelstand überfordert. Auch Samsung-Manager Lekic hält die Partnerauswahl für entscheidend. Dies gelte auch für den Konzern selbst, der viele Partnerschaften brauche, um die unterschiedlichen IoT-Aspekte zusammen zu bringen. Und dieser IoT-Partner, so ergänzt Osram-Frau Engelhardt, sollte bei einem Projekt aktiv mitdenken, ein Investment einbringen und in Vorleistung gehen. Wie Thomas Mannmeusel, CIO bei Webasto, schildert, könnte eine Vorleistung etwa darin bestehen, dass Hersteller und Anbieter im Vorfeld eines IoT-Projekts, zum Beispiel Design Thinking Workshop veranstalten und Testplattformen zum Experimentieren zur Verfügung stellen, ohne dabei gleich über ein Beauftragung zu reden.

Fail often, but fail fast

Claudia Engelhardt, Head of IT Automotive/Specialty Lighting bei Osram, stellt fest, dass die amerikanischen Kollegen in Sachen IoT schneller unterwegs sind.
Claudia Engelhardt, Head of IT Automotive/Specialty Lighting bei Osram, stellt fest, dass die amerikanischen Kollegen in Sachen IoT schneller unterwegs sind.
Foto: Patrick Hagn

Geht es um die Projektdurchführung selbst, so favorisierten die Diskutanten durchaus unterschiedliche Ansätze. Doch bei allen Unterschieden waren sich die IT-Entscheider in einem Punkt einig: IoT-Projekte müssen schnell durchgeführt werden und die Ergebnisse ebenso schnell greifbar sein. Engelhardt hält es dabei für ratsam die Produktionskollegen mithinzuziehen, "denn dies wissen in der Regel genau, was sie machen wollen". Des Weiteren sollten Ergebnisse schnell greifbar sein.

Ewald wiederum propagiert einen Ansatz, der im Gegensatz zur bisherigen Projektrealität in den Unternehmen steht: "Fail often, but fail fast." Dabei rät der Kuka-CIO, zuerst etwas Vorzeigbares zu erstellen und dann Bedenken direkt am lebenden Objekt zu diskutieren und nicht auf dem Papier. Nur dies bringe die gewünschte Innovationsgeschwindigkeit. Dabei setzt Kuka auf agile Methoden zur Verbindung von IT und OT.

Per Scrum zur Business-Realisierung

Die aktuelle Studie "Internet of Things" ist in unserem Abo-Shop erhältlich. Link zum Abo-Shop am Ende des Artikels.
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Foto: IDG

Auch Bungert von SAP ist ein Freund des schnellen Ansatzes und überzeugt, "dass der Appetit beim Essen kommt". Sprich, ist ein erster Use Case erfolgreich realisiert, dann folgen die nächsten Projekte. Er glaubt, dass man binnen vier Wochen Vieles anschaulich machen kann - noch bevor eine kurze Konzeptphase folgt und dann mit einem Scrum-Modell die Business-Realisierung verfolgt wird.

Eine Schritt-für-Schritt-Herangehensweise empfiehlt Samsung-Manager Lekic und hat zudem noch einen Tipp parat: "Gerade kleinere Unternehmen sollten bei einem IoT-Projekt klein bei den bestehenden Prozessen anfangen." Webasto-Manager Mannmeusel greift auf das Bild Bungert´s zurück, wenn er mit Blick auf IoT-Projekte meint: "Hier ist auch ein Gruß aus der Küche gefragt, sprich, man sollte kostengünstigere und leicht verdaubare Versuchspakete bekommen."

IoT nach der Methode Google realisieren

Webasto-CIO Thomas Mannmeusel warnt davor, IoT-Ideen zu Tode zu analysieren.l
Webasto-CIO Thomas Mannmeusel warnt davor, IoT-Ideen zu Tode zu analysieren.l
Foto: Patrick Hagn

Auch er hält den in Deutschland oft üblichen Perfektionismus mit Blueprint und kompletten Systemarchitekturen im aktuellen Entwicklungsstadium von IoT für zu langwierig. Stattdessen findet Mannmeusel die Methode Google charmant: "Nicht schon vorab Ideen zu Tode analysieren, sondern auch mal einfach loslegen und Produkte in kleinem Umfang und schnellen Schritten launchen - wenn sie dann auf Begeisterung stoßen und entsprechend genutzt werden, wird man auch eine Möglichkeit finden, Geld damit zu verdienen, bzw. sie zu finanzieren und weiter auszubauen - wenn nicht, dann werden sie eingestellt."

An den Erfolg von Google, Amazon und Co. im Vergleich zu den klassischen Herstellern glaubt auch ein anderer Diskussionsteilnehmer. Er hat die Erfahrung gemacht, dass viele Firmen Einzellösungen anbringen, aber keiner die Orchestrierung für alles bieten will. Dies könnte eine Chance für Amazon und Google sein, wie das Beispiel Amazon Dash zeigt. Mit dem Dash Button ist Amazon, so eine Meinung, den Waschmaschinenherstellern zuvor gekommen, da diese sich nicht auf einen Standard einigen konnten. Mit der Konsequenz, dass nun Amazon das Geschäft macht.

IoT bringt neue Player auf etablierte Märkte

Dabei dürfte die Waschmittelbestellung nur der Anfang sein. "Wer oder was hindert Amazon daran, den Dash Button mit einer Sensorik auszustatten, die auch Vibrationen und andere Daten erfasst?", hinterfragt ein Teilnehmer die traditionellen Business-Modelle, "der entsprechende Chip kostet keine drei Euro."

Für Amazon würde das komplett neue Business-Modelle eröffnen, während den Waschmaschinenherstellern die Märkte wegbrechen könnten. Dass solche Szenarien eventuell schneller Realität werden als manchem etablierten Unternehmen lieb ist, zeigt noch ein anderes Beispiel: Google plant angeblich in Zürich ein IoT-Zentrum für den B2B-Bereich mit 4.000 Mitarbeitern.

Gibt es Synergien aus dem B2C im B2B?

Synergieeffekte aus IoT-Projekten im B2C-Segment, die man auf B2B-Lösungen übertragen kann, sieht auch Lekic: "Wir haben im Smart Home mit vernetzten Geräten viele Erfahrungen gesammelt, die man in der Industrie nutzen kann. Es findet also ein Know-how-Transfer von B2C zu B2B statt."

Müller-CIO Kollig dagegen glaubt weniger an diesen Transfer: "Im B2C ist die Konsumentenbeziehung wichtig - etwa, um wenn sie an Amazon Dash gewöhnt sind, neue Services zu offerieren. Im B2B-Umfeld sehen wir uns dagegen mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert. Wie orchestrieren wir die Prozesse (Logistik, CRM, Supply Chain etc.) einer Fabrik und verknüpfen sie."

Michael Kollig, Group CIO bei der Unternehmensgruppe Theo Müller, ist überzeugt, dass die Gleichung Daten für Services auch in Deutschland funktioniert.
Michael Kollig, Group CIO bei der Unternehmensgruppe Theo Müller, ist überzeugt, dass die Gleichung Daten für Services auch in Deutschland funktioniert.
Foto: Patrick Hagn

Darüber hinaus sahen die Studienteilnehmer vor allem Security und Datenschutz als Herausforderungen bei der Realisierung von IoT-Projekten. Eine Diskussion, die für Kollig allerdings eher akademischer Natur ist, "denn die Gleichung Daten für Services funktioniert auch in Deutschland. Es wird zwar über Privacy geredet, die Daten werden aber trotzdem freigegeben."

Eine Entwicklung die auch Osram-Managerin Engelhardt sieht. "Wir müssen ein anderes Verhältnis zu Daten entwickeln", appelliert sie, "zumal unsere Kinder diesbezüglich völlig anders unterwegs sind." Letztlich sei eine neue Balance zwischen wirklich schutzwürdigen Daten und der Nutzung von Daten zu finden. Ebenso stelle sich die Frage, wie lange Daten noch relevant seien.

Führt IoT zur Deindivdualisierung?

Kritischer zu dem Thema steht Jürgen Renfer, CIO bei der Kommunalen Unfallversicherung Bayern. Er befürchtet, dass infolge von IoT personifizierbare Nutzerprofile mit weitreichenden Folgen der Deindividualisierung entstehen könnten: "Wenn das Bewusstsein andauernder detaillierter Datenmitschnitte entsteht, könnten Menschen Handlungen und Verhalten gemäß dem ‚chilling effect‘ selbstbeschränkend ändern." Zudem gebe es Daten wie Gesundheits- oder Genomdaten die es unbedingt zu schützen gelte. Renfer rät weiterhin, mehr zu differenzieren, einerseits zwischen B2C und B2B, andererseits zwischen Datenschutz und Security.

Dabei lässt sich gerade in Sachen Security nicht immer eine saubere Trennlinie ziehen, wie Renfer und Mannmeusel am Beispiel einer vernetzten Insulinpumpe verdeutlichen, wenn diese in der IoT-Welt angegriffen wird. "Häufig haben Angreifer nicht unbedingt das Ziel, Daten zu stehlen, sondern wollen einfach nur zerstören und das ist vermutlich wesentlich einfacher", so Mannmeusels Resümee. Für ihn gehören deshalb Aspekte wie Protection, Privacy und Verfügbarkeit zum Thema Security dazu.

IoT-Security per Blockchain-Prinzip?

Dabei gilt es wohl einen Mittelweg zu finden, denn die Menschen wollten, so ein Einwand aus der Runde, Einfachheit und Schnelligkeit. IoT-Sicherheitsmaßnahmen sollten sich daher auf die wichtigsten Daten und Gefahren konzentrieren, befindet ein Teilnehmer. "Das Einrichten immer komplexerer Eingangssicherungen in den Firmen genügt aber nicht, wenn die Angreifer durch den "Hintereingang" kommen", ergänzt Kollig, "vielmehr sollten die Unternehmen bei IoT auf verteilte Strukturen wie z.B. dem Blockchain-Prinzip setzen."

In Sachen Sicherheit hält Samsung-Mann Lekic IT-Hersteller und Verbraucher für gefordert. Für ihn haben die Hersteller die Verantwortung, für einen sicheren Datenaustausch zu sorgen. Beim Consumer müsse das Thema Sicherheit stärker promotet werden. Am besten mit öffentlichkeitswirksamen Projekten wie etwa dem Kanzler-Tablet.

Die COMPUTERWOCHE/CIO-Studie "Internet of Things 2016" finden Sie in unserem Shop neben anderen Studien der IDG Research Services als PDF-Download. Dort können Sie ebenfalls ein Print-Exemplar der Studie (inkl. PDF-Download) bestellen.