IIoT-Nutzung in Deutschland

IoT-Siegeszug in der Fertigung

22.10.2019
Von 
Jürgen Hill ist Teamleiter Technologie. Thematisch ist der studierte Diplom-Journalist und Informatiker im Bereich Communications mit all seinen Facetten zuhause. 
Vor allem das produzierende Gewerbe nutzt hierzulande IoT. Dabei steht die Optimierung der eigenen Prozesse im Vordergrund. Innovationen wie neue Services, die mit IoT realisiert werden, spielen eine untergeordnete Rolle.
Die Optimierung der vorhandenen Prozesse steht bei den deutschen Anwendern bei der IoT-Nutzung im Vordergrund.
Die Optimierung der vorhandenen Prozesse steht bei den deutschen Anwendern bei der IoT-Nutzung im Vordergrund.
Foto: Zapp2Photo - shutterstock.com

Das Internet of Things (IoT), so einst die große Hoffnung, werde Unternehmen neue Services ermöglichen und damit neue Business-Felder eröffnen. Dabei steht die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit über klassische, interne Optimierung bei den Anwendern klar im Vordergrund, so die aktuelle IDC-Studie "Industrial IoT in Deutschland 2019/2020". So sind die zwei mit Abstand wichtigsten Gründe für eine Auseinandersetzung mit IoT Kostenreduzierungen (40 Prozent) und die Verbesserung von interner Effizienz und Produktivität (35 Prozent). Immerhin denken einige Unternehmen bereits weiter und wollen zudem neue Kunden ansprechen oder das Kundenerlebnis etwa mit neuen, datenbasierten Services verbessern. Im Rahmen der Studie befragte IDC im Juli 2019 258 Unternehmen in Deutschland.

Positiv ist, dass IoT und IIoT in den deutschen Unternehmen angekommen sind. So zeigen die Studienergebnisse, dass bereits mehr als jedes Vierte der befragten Unternehmen aus der Industrie und den industrienahen Branchen erste IoT-Projekte umgesetzt hat. In der Pilotierung befinden sich zurzeit 15 Prozent und ein sehr hoher Anteil der Firmen plant und evaluiert (47 Prozent) aktuell neue IoT-Projekte. Dabei haben Großunternehmen momentan häufiger IoT-Projekte umgesetzt als mittelständische Unternehmen. Der in Deutschland wichtige, industrielle Mittelstand lässt sich aber künftig nicht abhängen: Hier werden aktuell deutlich öfter Pilotprojekte durchgeführt und neue Initiativen evaluiert und geplant.

IoT in der Praxis

Grundsätzlich wird IIoT in den unterschiedlichsten Bereichen eingesetzt, wie drei Beispiele zeigen: Die Nordex-Gruppe, ein Windkraftanlagenbauer, nutzt etwa eine IIoT-Plattform, um Sensor-, Wind- und Betriebsdaten in Echtzeit zu verarbeiten und so die Stromerzeugung zu optimieren. Ein anderer IIoT-Nutzer ist der Schokoladenhersteller Ritter Sport. Er nutzte das IoT-Potenzial um das Energie-Management sowohl in der Produktion als auch bei der Energieerzeugung effizienter zu gestalten. Und ThyssenKrupp Elevator realisierte auf IIoT-Basis einen Digital Twin für das Gebäude-Management, um etwa Klimaanlage oder Heizung anhand der Raumnutzung automatisch zu steuern.

Bedeutung der IoT-Plattformen wächst

IIoT wird hierzulande vor allem in der Fertigung genutzt.
IIoT wird hierzulande vor allem in der Fertigung genutzt.
Foto: IDC

Um solche Projekte zu realisieren, müssen zunächst Daten gesammelt und analysiert werden. Ein Schritt, den IoT-Plattformen organisieren können. Es ist daher kein Zufall, dass der Einsatzgrad für IoT-Plattformen quasi deckungsgleich mit der konkreten Umsetzung von IoT-Projekten (28 Prozent) ist. Wo anfangs noch Eigenentwicklungen für Pilotprojekte genügen, fehlt bei echten Umsetzungen nach Beobachtungen von IDC die Performance und Skalierbarkeit einer professionellen Plattform. Insbesondere wichtig für Industrieunternehmen - und in der Studie auch für 23 Prozent der Befragten - ist die breite Unterstützung möglichst vieler Endgeräte, Protokolle und Standards.

Die IoT-Plattform übernimmt an dieser Stelle eine zentrale Funktion und hat damit auch eine große Rolle in der IT/OT-Integration. IDC prognostiziert, dass bereits im Jahr 2020 weltweit rund 70 Prozent der Unternehmen, die sich aktiv mit IoT beschäftigen, IoT-Plattformen im Einsatz haben werden. Gleichzeitig wird dann bereits die Hälfte der Plattformnutzer mehrere Plattformen gleichzeitig einsetzen, um die Bedürfnisse all ihrer Anwendungsszenarien abzudecken.

Egde Computing auf dem Vormarsch

Ein weiterer wichtiger Baustein zur erfolgreichen Realisierung eines IoT-Projekts ist das Edge Computing, das die Datenanalyse an den Ort der Datenerzeugung verlagert. Setzten Ende 2018 branchenübergreifend 12 Prozent aller Unternehmen Edge Computing ein, so sind es der aktuellen Studie zufolge mittlerweile 24 Prozent. Für 2022 erwartet IDC, dass bereits 40 Prozent der initialen IoT-Analysen im Edge stattfinden.

"Das Core Data Center, ob im Unternehmen oder in der Cloud, wird nach wie vor relevant für umfassende und rechenintensive Analysen bleiben. Wichtig ist die leistungs- und kostenoptimale Balance zwischen Cloud, eigenem Rechenzentrum und dem Edge", skizziert Elena Georg, Projektleiterin und Consultant bei IDC, die weitere Entwicklung.

Größter Treiber in Sachen Edge Computing sind für 34 Prozent der Unternehmen deutlich schnellere Transaktionen der Daten bis hin zur Echtzeitverarbeitung. Ein weiterer praktischer Effekt und Einsatzgrund für 32 Prozent: Die zum Teil großen Datenmassen müssen das Unternehmen nicht verlassen, was Kosten bei einer alternativen Analyse in der Cloud spart oder Kapazitäten für andere Analysen im eigenen Data Center freigibt.

Unternehmen setzen auf 5G

Für das Gelingen eines IoT-Projekts ist zudem die Wahl der richtigen Verbindungsart essenziell. Je nach Anwendungsfall muss entschieden werden, welche Eigenschaften notwendig sind. Deutsche Unternehmen setzen offenbar auf ein immer vielfältigeres Portfolio aus parallel eingesetzten Verbindungsarten, um diverse Anwendungsszenarien auch optimal umzusetzen.

Laut der Befragung ist das Interesse am neuen Mobilfunkstandard 5G besonders groß. Im Jahr 2021 wollen bereits 73 Prozent der Unternehmen 5G für IoT einsetzen, und damit beinahe so häufig wie heute gängige Mobilfunkstandards (85 Prozent) - aber öfter als das extra entwickelte LPWAN (64 Prozent).

Problemfaktor Security

Herausforderungen bei der Realisierung von IoT-Projekten bleiben nach wie vor Sicherheitsfragen und der Mangel an Fachkräften. So hat fast ein Drittel der Befragten Sicherheitsbedenken. Im Rahmen der IoT-Umsetzung werden OT und IT zumindest punktuell verknüpft, was die Angriffsfläche eines Unternehmens auf die Produktion sowie auf die OT-Daten erweitert.

Eine weitere Herausforderung ist die hohe Komplexität von IoT-Implementierungen, wie 30 Prozent zu Protokoll gaben. Die wachsenden IoT-Landschaften werden schnell unübersichtlich, schwieriger zu managen und lassen sich schwieriger lückenlos absichern. Hier spielt auch der Mangel an Fachkräften mit IoT-Erfahrung eine Rolle, denn mehr als die Hälfte der Befragten geben an, dass fehlende Fachkräfte ihre IoT-Aktivitäten ausbremsen.