SAP-Transformation

Interne Kleinkriege behindern S/4HANA-Einführung

05.08.2022
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE, CIO und CSO sowie Chefredakteur der europäischen B2B-Marken von IDG. Er kümmert sich um die inhaltliche Ausrichtung der Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. 
Die Komplexität vorhandener ERP-Landschaften erschwert den Umstieg der SAP-Anwender auf S/4HANA. Oft haben Business-, Projekt- und IT-Teams Schwierigkeiten, sich abzustimmen.
Was motiviert SAP-Kunden zum Umstieg auf S/4HANA? Die knappe Minderheit wechselt, weil sie muss. Alle anderen versprechen sich davon echte Geschäftsvorteile.
Was motiviert SAP-Kunden zum Umstieg auf S/4HANA? Die knappe Minderheit wechselt, weil sie muss. Alle anderen versprechen sich davon echte Geschäftsvorteile.
Foto: LeanIX

Große Unternehmen nutzen nach wie vor oft mehrere ERP-Systeme unterschiedlicher Anbieter, die zudem stark angepasst wurden. Aus dieser individualisierten, heterogenen Welt auf das aktuelle SAP-System SAP S/4HANA zu wechseln, ist für diese Betriebe eine große Herausforderung. Überdies klagen zwei Drittel der IT-Verantwortlichen darüber, dass es ihren Business-, Projekt- und IT-Teams schwerfalle, sich untereinander abzustimmen.

Enterprise-Architects dürfen oft nicht mitreden

Ein Problem ist auch die Zusammenarbeit zwischen SAP-Teams und Enterprise-Architekten. So fühlen sich nur knapp 40 Prozent der Architekten ausreichend in die S/4HANA-Transformation eingebunden. Dabei sollten sie eigentlich als Spezialisten für die komplexen Strukturen der Softwarelandschaft mit am Tisch sitzen und helfen, die Transformation zu beschleunigen.

In den meisten Unternehmen laufen immer noch mehrere ERP- und auch SAP-Systeme.
In den meisten Unternehmen laufen immer noch mehrere ERP- und auch SAP-Systeme.
Foto: LeanIX

Das sind einige zentrale Ergebnisse der Studie "SAP S/4HANA Survey 2022" vom Enterprise-Architecture-Spezialisten Lean IX, der die Analyse zum zweiten Mal durchführt. An der Befragung im April und Mai 2022 nahmen Enterprise-Architekten und IT-Verantwortliche aus 98 Unternehmen teil, davon 70 Prozent aus Europa und 20 Prozent aus den USA. Die große Mehrheit arbeitet in Firmen mit mehr als 2.000 Beschäftigten.

Die Mehrheit will sich mit S/4HANA besser aufstellen

Knapp die Hälfte der Befragten will den Umstieg auf S/4HANA forcieren, weil der Produktlebenszyklus für ältere Versionen, allen voran ECC, sich langsam dem Ende zuneige. Immerhin 54 Prozent gehen das Thema allerdings eher offensiv an: Sie wollen die neue Software nutzen, um ihre Geschäfte zu transformieren und stärker für Innovationen zu öffnen (21 Prozent), oder sie gehen mit dem Wunsch, ihre Geschäftsprozesse zu harmonisieren und zu optimieren, an den ERP-Wechsel heran (33 Prozent).

Von den befragten Unternehmen haben bislang nur zwölf Prozent den S/4HANA-Umstieg komplett vollzogen. Dreiviertel befinden sich in einer der verschiedenen Phasen der Transformation: Evaluation (neun Prozent), Planung (37 Prozent) oder Umsetzung (28 Prozent). Zwölf Prozent sagen, sie hätten die Entscheidung über einen Umstieg und dessen Zeitpunkt erst einmal auf unbestimmte Zeit vertagt.

Die meisten Betriebe wollen sich mehr als drei Jahre Zeit für die Migration nehmen (36 Prozent), 31 Prozent rechnen mit zwei bis drei Jahren. "Was zunächst nach einem komfortablen Planungshorizont bis zum Jahr 2027 (Ende der Mainstream-Wartung für ECC, Anm. d. Red.) klingt, erweist sich auf den zweiten Blick als knappes Timing. Denn über den tatsächlich benötigten Zeitbedarf bestehen offenbar große Unsicherheiten: 30 Prozent der Unternehmen sagen, dass der veranschlagte Zeitraum für die Transformation nicht ausreichend war oder sein wird - und mit 37 Prozent kann der größte Teil der Befragten nicht einmal eine Einschätzung dazu treffen", heißt es in der Studie.

Zu viele verschiedene ERP-Systeme im Einsatz

Komplexität und Unübersichtlichkeit entstehen, weil Unternehmen mehrere ERP-Lösungen - oft von verschiedenen Anbietern - einsetzen und im Laufe der Jahre meistens viele individuelle Anpassungen vorgenommen haben. Die Abhängigkeiten zwischen der ERP-Welt und den umgebenden Systemen zu überblicken, ist für viele eine Herausforderung. 47 Prozent der Befragten geben an, dass sie mehr als drei Monate benötigen, um sich hier ein vollständiges Bild zu machen.

Eine große Herausforderung bei der Migration besteht darin, interne Abhängigkeiten der Systeme zu erkennen.
Eine große Herausforderung bei der Migration besteht darin, interne Abhängigkeiten der Systeme zu erkennen.
Foto: LeanIX

LeanIX weist darauf hin, dass bei einer ERP-Transformation "aus Business-Perspektive alle Stakeholder mit eingebunden werden" müssten. Laut Befragung ist aber die Zusammenarbeit der beteiligten Teams oft schwierig. Business-, Projekt- und IT-Verantwortliche ziehen oft nicht an einem Strang, nicht ein einziger Umfrageteilnehmer hält den Abstimmungsprozess für unproblematisch.

Auch die SAP-Teams und die Enterprise-Architekten arbeiten nur in einem Drittel der Fälle eng zusammen. Dabei wäre gerade das eine Voraussetzung dafür, Transparenz in die Zusammenhänge komplexer, langjährig gewachsener ERP-Landschaften und die Abhängigkeiten der vorhandenen Softwarewelt zu bringen. Das sehen aber nur 38 Prozent der Befragten so, jene Minderheit nämlich, die Enterprise-Architekten in ihre S/4HANA-Migration integriert.

Ihre Migration abgeschlossen haben gerade mal zwölf Prozent der Befragten.
Ihre Migration abgeschlossen haben gerade mal zwölf Prozent der Befragten.
Foto: LeanIX

"Den Unternehmen läuft bei der Umstellung auf SAP S/4HANA die Zeit davon", warnt LeanIX-CEO André Christ. "Wir haben festgestellt, dass nur ein Drittel diese Transformation innerhalb des geplanten Zeitrahmens abschließt." Die Betriebe müssten sich dringend auf die Maßnahmen konzentrieren, die den Prozess beschleunigten. Der entscheidende Schritt sei eine gute Zusammenarbeit von Business-, Projekt- und IT-Teams. "Das macht die Transformation nicht nur schneller, sondern stellt darüber hinaus ihren dauerhaften geschäftlichen Nutzen sicher", sagt Christ.