Arbeiten mit Autisten

Inselbegabte als IT-Sicherheitsexperten

Robert Berndt ist freier Journalist aus Tübingen.
Menschen mit Autismus haben besondere Fähigkeiten, die vor allem in der IT-Branche gefragt sind. In den Abteilungen für Cyber-Security werden dringend Spezialisten gebraucht, die eine ganz andere Sicht auf Bits und Bytes haben.
In Deutschland gelten etwa sechs von 1000 Menschen als autistisch.
In Deutschland gelten etwa sechs von 1000 Menschen als autistisch.
Foto: HQuality - shutterstock.com

Sehr wahrscheinlich kennt jeder jemanden oder hat sogar einen Kollegen, der Autist ist oder zum Beispiel das Asperger-Syndrom hat. Was unterscheidet sie von ihren Kollegen? Sie kommunizieren und verhalten sich anders als üblich. Sie sind oft geradeheraus, sagen, was sie denken, und können nicht viel mit Höflichkeitsfloskeln anfangen. In der Regel gehen sie allein zu Mittag und beteiligen sich nicht am kurzen Plausch auf dem Flur oder in der Kaffeeküche. Die Kollegen halten sie deshalb leicht für rüde, unkollegial oder einfach desinteressiert. Die Folge: Sie werden ausgegrenzt.

Dabei sind Autisten weder unhöflich noch abweisend. Sie nehmen die Welt einfach anders wahr und verfügen über sogenannte Inselbegabungen. Wiederkehrende Strukturen zum Beispiel können Autisten sofort erkennen, ohne nach ihnen zu suchen. Viele Asperger-Autisten spüren Muster in Datenbeständen außergewöhnlich schnell und zuverlässig auf.

Dazu kommt: Sie dokumentieren sorgfältig, handeln akribisch und haben visuell sowie kognitiv ausgeprägte Stärken. Deshalb sind sie etwa für die Analyse und Auswertung großer Datenmengen oder für Testing-Aufgaben besonders geeignet. Einen Programmierfehler können sie in tausenden von Codezeilen schnell erkennen, genauso wie Muster bei komplexen Cyberangriffen.

Die Software visualisiert die Zugriffe von bestimmten Hosts auf eine Reihe von Ziel-Adressen – die Auswertung von Bildern wie diesen ermöglicht das Erkennen von auffälligen Mustern, die auf mögliche Angriffe hindeuten können
Die Software visualisiert die Zugriffe von bestimmten Hosts auf eine Reihe von Ziel-Adressen – die Auswertung von Bildern wie diesen ermöglicht das Erkennen von auffälligen Mustern, die auf mögliche Angriffe hindeuten können
Foto: BT

Aus diesem Grund setzt beispielsweise der internationale Telekommunikationskonzern BT die Talente dieser oft besonders begabten, aber scheuen Experten für Aufgaben vor allem im Bereich IT-Security ein.

IT-Talente gesucht

"Sicherheitsabteilungen benötigen viele gut ausgebildete Mitarbeiter, sonst ist der Kampf gegen Hacker und Cyberkriminelle bald verloren", sagt Rob Partridge.
"Sicherheitsabteilungen benötigen viele gut ausgebildete Mitarbeiter, sonst ist der Kampf gegen Hacker und Cyberkriminelle bald verloren", sagt Rob Partridge.
Foto: Partridge

Wie bei BT suchen viele IT-Unternehmen händeringend Bewerber, die über genau diese besonderen Fähigkeiten verfügen. Ohnehin spitzt sich der Mangel an geeigneten Fachkräften in Deutschland und Europa seit langem zu. In Großbritannien sei der Mangel an IT-Fachkräften akut, sagt Rob Partridge, Leiter einer Spezialeinheit für Cybersicherheit bei BT.

Aber nicht nur im Bereich Datensicherheit sind die IT-Spezialisten gefragt. "Wir brauchen Software-Entwickler, Spezialisten für IT-Sicherheit und IT-Berater, um die anstehende Digitalisierung erfolgreich zu gestalten", betont Partridge. "Es wird immer schwieriger, die Stellen adäquat zu besetzen."

In Deutschland ist das Problem ähnlich: 2017 gab es 55.000 offene Stellen für IT-Profis - ein Anstieg um acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das stellte eine aktuelle Studie des Digitalverbands Bitkom zum Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte fest. Für die repräsentative Umfrage wurden mehr als 1.500 Geschäftsführer und Personalverantwortliche von Unternehmen befragt.

Viel Bedarf an Inselbegabten

Gleichzeitig sind nur 15 Prozent der Menschen mit einer sogenannten Inselbegabung in den Arbeitsmarkt integriert. Häufig liegt es daran, dass sie herkömmliche Bewerbungsprozesse nicht bestehen. Soll ihre Integration in den Arbeitsmarkt gelingen, müssen die Arbeitgeber ihre Standardprozesse für diesen Bewerberkreis anpassen.

Gute Erfahrungen hat die Firma Auticon gemacht, die sich auf Menschen im Autismus-Spektrum spezialisiert hat. Geschäftsführer Kurt Schöffer zum Beispiel erkannte vor einigen Jahren, wie wertvoll ihre Fähigkeiten sein können und setzt sie inzwischen als professionelle IT-Consultants für anspruchsvolle Projekte ein.

Trotzdem ist die Zusammenarbeit zwischen Kunden und den Auticon-Beratern nicht immer unproblematisch und für viele Menschen Neuland. "Die Ehrlichkeit von Autisten ist jedes Mal eine Herausforderung", räumt Schöffer ein. "Sie sagen geradeheraus, was sie denken, egal ob am Tisch der CEO eines Unternehmens sitzt oder der Mitarbeiter, der das Projekt betreut hat. Der Softwarecode eines Kunden brachte unsere Berater einmal zu der Aussage: Da waren keine Experten am Werk. Die Entwickler und deren Chef saßen aber mit am Tisch." An diese Form der Ehrlichkeit müssen sich Kollegen und Kunden erst gewöhnen. "Im Verlauf des Projektes präzisiert und versachlicht es aber die Kommunikation enorm", erklärt Schöffer.

Bedarf bei Cybersecurity

BT-Sicherheitsprofi Rob Partridge will die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage gezielt schließen und sucht nach Kandidaten aus dem Autismus-Spektrum. "Wenn wir unsere Ausbildungsangebote verstärken und gleichzeitig die Chance für diese Kandidaten erhöhen, haben wir gute Karten für die Zukunft." Die Briten haben auch einen eigenen Begriff für die Integration von Menschen mit neurologischen Besonderheiten geschaffen: "Neuro-Diversity". "Menschen mit Autismus lösen Probleme auf höchst ungewöhnliche Weise", weiß Partridge. Er kennt das aus eigener Erfahrung, denn sein Sohn ist Autist. "Viele Autisten können große Datenmengen außergewöhnlich schnell und zuverlässig analysieren und auswerten", sagt er. "Sie können Nachlässigkeiten im Quellcode suchen oder spüren den kleinsten Fehler in endlosen Reihen aus Zahlen und Buchstaben auf." So gesehen, sind Autisten die perfekte Hackerabwehr.

Hürde Bewerbungsgespräch

Doch ähnlich wie in Deutschland scheitern die Kandidaten in Großbritannien häufig an standardisierten Bewerbungsprozessen, die nicht für die stillen Außenseiter ausgelegt sind. "Die Grundlage der allgemein üblichen Bewerbungsroutine bilden kommunikative und soziale Fähigkeiten", erklärt Gavin Patterson, CEO der BT Group. "Wir müssen uns also nicht wundern, wenn nur 16 Prozent der Erwachsenen mit Autismus in Großbritannien überhaupt einen Vollzeit-Job haben", sagt der BT-Chef. "Für diese Bewerber ist die Herausforderung eines Einstellungsgesprächs sehr groß. Aber es zeigt auch, welches Potenzial für Unternehmen brachliegt."

Deshalb haben Konzerne wie BT in den vergangenen zwei Jahren ihre Bewerbungsverfahren überarbeitet. "Neuro-diverse Kandidaten dürfen mehr über ihre eigenen Interessen und Vorlieben reden, statt die üblichen Interviewfragen zu beantworten", sagt Partridge. Ähnliche Ansätze gibt es inzwischen bei Microsoft, Amazon und SAP. Mit Erfolg: "Im Security-Team von BT arbeiten etwa 50 Kollegen mit neurodiversen Eigenschaften", sagt Partridge. Auch über das Bewerbungsverfahren hinaus ist von den Arbeitgebern Flexibilität gefragt. "Es ist wichtig, auf die speziellen Bedürfnisse jedes einzelnen einzugehen. Großraumbüros, bunte Wände, viele Hintergrundgeräusche oder auch unaufgeräumte Schreibtische können für Autisten sehr irritierend sein. Akustische und visuelle Reize strömen auf einmal auf sie ein, sie können das schlichtweg nicht verarbeiten", erklärt Partridge.

Damit auch andere Unternehmen von den Erfahrungen bei BT profitieren, arbeitet der Konzern eng mit der National Autistic Society zusammen. "Wir erstellen unter anderem gemeinsam einen Leitfaden für Arbeitgeber, damit interessierte Firmen diese Menschen besser verstehen können", sagt Partridge. "Das Wichtigste ist letztlich immer, dass man jeden einzelnen Menschen sie so annimmt, wie er ist. Davon profitieren dann beide Seiten."