Welche Messe trifft den IoT Puls?

“Industry Of Things World” oder “IoT Expo”



Dr. Stefan Ried ist IoT Practice Lead & Principal Analyst beim unabhängigen Analysten Haus Crisp Research. Er treibt Marktforschung und berät Anwender und Hersteller im Bereich IoT und Cloud Computing Technologies und Geschäftmodellen. Er hat fundierte Kenntnis des Cloud- und Integrations-Marktes aus 20 Jahren Erfahrung in leitenden Positionen in der Software Entwicklung, dem Produkt Management und dem Produkt Marketing bei internationalen Herstellern. Der Autor hat am Max Planck Institut in Mainz in Physik promoviert.
Berlin wird zum Hub internationaler IoT Messen. Die meistgestellten Fragen ist offensichtlich: “Lohnt es sich nächstes Jahr hin zu gehen?” und “Welche von beiden soll ich besuchen?”
Welcher Besuch auf einer der beiden IoT-Messen IoT Expo und Industry of Things World lohnt sich für welchen Zweck?
Welcher Besuch auf einer der beiden IoT-Messen IoT Expo und Industry of Things World lohnt sich für welchen Zweck?
Foto: Pavel L Photo and Video - shutterstock.com

Zwei Messen - Zwei total unterschiedliche Konzepte

Die IoT Expo ist mit 4.000 Teilnehmern vier mal so groß wie die Industry of Things World. Das wird durch eine Kombination mit der AI-Expo für Machine Learning und Artificial Intelligence, sowie mit der Blockchain-Expo erreicht. Beide wären alleine dieses Jahr wahrscheinlich noch zu klein gewesen, um ein signifikantes Moment zu erreichen. Einige Anwender möchten aber Business-Szenarien über diese drei Themen hinweg implementieren. Deshalb hat die Kombination eine große Resonanz gefunden.

Bei der IoT Expo wurde der IoT Begriff viel weiter gefasst und es waren Anbieter und Anwender aus dem gesamten IoT Spektrum vertreten. Vom IoT Consumer Scenario über Gebäudeautomatisierung, Sensor- oder Software-Nischenanbieter bis hin zu einigen Industrie 4.0 Playern die sich in einem eigenen Konferenz-Track finden konnten.

Die Industry of Things World hingegen, ist eine klare Industrie 4.0 beziehungsweise Industrial IoT (IIoT) Messe.

Der direkte Vergleich

IoT Expo

Industry of Things World

Letzte Veranstaltung

Juni 2017

September 2017

Konzept

Gemeinsam mit AI-Expo und Blockchain-Expo

Eigenständige Messe mit Industrial IoT und Industrie 4.0 Fokus

Anspruch

Europa, aber Teil einer globalen Serie mit einer Konferenz in den USA und einer "globalen" in UK

Teil einer globalen Serie mit einer Konferenz in den USA und einer in Asien

Fokus

Ganzes IoT Spektrum

Industrie 4.0, IIoT

Teilnehmeranzahl (laut Veranstalter)

ca. 4000

ca 1.000

Nächste Veranstaltung

18.-19. April 2018

23.-25. September 2018

Qualität

Gute Mischung aus Sponsoren (Herstellern) und Anwender-Präsentationen

Sehr viel Hersteller-Vorträge, weniger Panel- und Anwender-Erfahrungen

Aussteller Spektrum

Gute Balance zwischen etablierten Anbietern und Start Ups und Nischen-Anbietern

Etablierte Software-Hersteller und globale Dienstleister dominieren

Networking Möglichkeiten

Weniger Möglichkeiten neue Peers zu bestimmten und Themen zu finden

Gute "Workshops" mit 5-10 Personen und einem Moderator zu bestimmten Fokusthemen

Preis

0 - 1.460 Euro (Abhängig von Zugang zu zahlungspflichtigen Tracks und dem Buchungszeitpunkt)

2.795 Euro

Zielgruppe (Empfehlung)

Chief Innovation/Chief Digital Officer aller Branchen aber auch IoT-Architekt, IoT-Developer

Auch für Blockchain-Interessierte mit der Kombination AI/Blockchain-Expo

Industrie 4.0 der Fertigungs- und Prozessindustrie. Klarer IIoT Fokus. Industrie 4.0 Beauftragte,
Mittleres Management. Kein Networking für Architekten oder Developer

Der enge Industrie 4.0-Fokus der Industry Of Things World macht diese Messe einerseits attraktiv für Industrie 4.0 Experten aus Deutschland. Andererseits ist dieses Silo-Denken aber auch ein großes Risiko.

Sehr deutlich wurde der Unterschied zwischen Industrie 4.0 und digitalen Geschäftsmodellen bei der Industry of Things World durch zwei Vorträge von Volkswagen und Volvo Baumaschinen. Obwohl Dr. Michaela Colla, Director of Industry 4.0, Volkswagen, zwar auf den Marketing Slides den Kunden ins Zentrum gestellt hat, war kein einziges digitales Produkt in dem Vortrag ersichtlich. Weder eine vernetzte Fertigung, noch ein paar schöne Apps mit denen man leichter Autos kaufen kann oder einen Werkstatt-Termin vereinbaren kann, stellen ein digitales Produkt dar, für das ein Kunde einen einzigen Euro zusätzlich ausgeben würde.

Dagegen konnte Christine Billaud, Director Business Technology, Volvo Construction Equipment, nicht nur den Wert innerhalb Volvo steigern sondern mit einem Beispiel nach dem anderen digitale Produkte zeigen, die direkten Kundenmehrwert liefern. Dafür zahlt der Kunde fortlaufend zusätzliches Geld über den Anschaffungspreis des Volvo-Fahrzeugs hinweg. Dabei ging es nicht nur um Convenience Produkte sondern zum Beispiel um Flottenmanagement oder Treibstoffreduzierungen

Letzteres kann besonders bei großen Volvo-Baumaschinen ein signifikanter Teil der OPEX Kosten eines Unternehmens sein. Volvo bietet hier sogar value-based Pricings an. Eine moderne Navigation oder Steuerung von Ladetechnik reduziert beispielsweise den Treibstoffverbrauch so entscheidend, dass Volvo mit diesen Produkten signifikante Umsätze erreichen konnte, ohne, dass der Kunde zusätzliches Geld investieren muss.
Eine große Baufirma gibt beispielsweise die komplette Treibstoffersparnisse des ersten Jahres und signifikantes Volumen der Folgejahre an Volvo weiter.

Volvo tut sich vielleicht mit ihrem B2B Business bei den Nutzfahrzeugen leichter, digitale Produkte zu etablieren, als Volkswagen. Dennoch wurde sehr deutlich, dass Volkswagen der Umgang mit der direkten Kundenbeziehung im After-Sales immer noch sehr schwer fällt.

Die Konferenz hätte auf diese strategischen Herausforderungen und die nötige Transformation der Unternehmen mehr eingehen können. Leider sehen aber viele Akteure der Industrie 4.0 Initiativen ihre Aufgabe sehr beschränkt auf die Innovation im Fertigungsprozess. Hier hatte die IoT Expo klare Vorteile.

Ökosysteme um IoT

Auf beiden Messen wurde auch sehr deutlich welchen Gruppe von Leuten miteinander sprechen und welche weniger. Beide Messen richten sich an Business-Entscheider und das mittlere Management von Industrieunternehmen. Obwohl die IoT Expo zumindest einen Developer Track hat, ist es keine echte Entwicklermesse. Das Konferenzangebote der Industry of Things World ist für IoT-Entwickler und -Architekten weitgehend unpassend. Auch wenn einzelne Aussteller durchaus Entwickler oder Scrummaster in dem Umfeld adressieren, ist der Eintrittspreis für diese Gruppe sicherlich unangemessen.

Viele Industrie 4.0 Verantwortlichen scheinen immer noch zu wenig in Technologie und Implementierung der neuen Lösungen involviert zu sein und kaufen diese Leistung einfach bei Accenture, Capgemini, HP oder anderen Dienstleistern die entsprechend vertreten waren. Hier gibt es auch ein starkes Lobby Commitment zu den traditionellen Partnern wie zum Beispiel SAP mit Leonardo. Vor allem, weil diese Plattformen teilweise noch sehr unreif sind, experimentieren und liefern Entwicklerteams oft schneller mit AWS oder Azure.

Besonders die IoT Expo hat ein großes Potential, wenn sie den Developer-Track weiter ausbauen und zusätzliche Netzwerkmöglichkeiten schaffen würde, um zwischen Business und Development einerseits, und dem kundengetrieben IoT und dem fertigungsgetrieben Industrie 4.0 andererseits, noch besser zu vermittelt. Beide Messen sind und bleiben aber rein kommerzielle Messen, die sich durch eine Vielzahl von Sponsoren aus dem Produkt- und Dienstleister Spektrum und relativ hohe Ticketpreise (zumindest bei der Industry of Things World) finanzieren. Damit beanspruchen alle Sponsoren entsprechend viel Konferenzzeit und treten oft auch ohne konkrete Kundenbeispiele auf.