IIoT Innovation Center von Accenture

Industrie 4.0 zum Anfassen

Manfred Bremmer beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Mobile Computing und Communications hineinfällt. Bevorzugt nimmt er dabei mobile Lösungen, Betriebssysteme, Apps und Endgeräte unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Business-Tauglichkeit. Bremmer interessiert sich für Gadgets aller Art und testet diese auch.
Jürgen Hill ist Teamleiter Technologie. Thematisch ist der studierte Diplom-Journalist und Informatiker im Bereich Communications mit all seinen Facetten zuhause. 
Industrie 4.0 in der Praxis umsetzen, Proof of Concepts für Digitalisierungsstrategien sehen und daraus lernen - im ersten IIoT-Lab von Accenture in Garching bei München ist das möglich.
Hinter Lagerhallenflair verbirgt sich das IIoT- Lab von Accenture.
Hinter Lagerhallenflair verbirgt sich das IIoT- Lab von Accenture.
Foto: Accenture

Berlin mag zwar als Startup-Stadt Hipster sein, doch das Geld tanzt in München. Die bayerische Metropole ist die heimliche (I)IoT/Industrie-4.0-Hauptstadt Deutschlands. Wie die Pilze schießen in München derzeit die (I)IoT- und Innovation-Labs aus dem Boden. So hat erst jüngst Accenture sein weltweit erstes IIoT Innovation Center dort eröffnet. Dabei befindet sich Accenture in guter Gesellschaft von IBM, Microsoft, Huawei etc. - alle unterhalten in München eigene Innovation Labs.

Industrie-Feeling statt Office-Mief

Mit Fischertechnik die Smart Factory begreifen.
Mit Fischertechnik die Smart Factory begreifen.
Foto: Hill

Kaum jemand würde vermuten, dass sich hinter der unscheinbaren Rolltor-Fassade in einem Industriegebiet in Garching, nördlich von München, das weltweit erste Innovation Center von Accenture rund um das Thema Industrial Internet of Things (IIoT)/Industrie 4.0 verbirgt. Der Ort sei natürlich nicht zufällig ausgewählt, erklärt Eric Schaeffer, Senior Managing Director bei Accenture und Leiter des Bereichs Industrial Practice: Beim Thema IIoT biete es sich an, innovative Industrieanwendungen live im passenden Ambiente zu zeigen, statt sie in Form von Powerpoint-Präsentationen in einer Office-Umgebung an die Wand zu werfen. Auch sonst gibt sich Accenture überraschend bodenständig: Alle ausgestellten Lösungen stammen aus Kundenprojekten und befinden sich bereits im Einsatz.

Was das Accenture-Team hier innerhalb von sechs Monaten hochgezogen hat, hat für den Systemintegrator Pilotcharakter. Nach dem Vorbild in Garching/München sollen zwei weitere Flagship-Labs in Shanghai und Detroit entstehen.

Vom Produkt zum Service

IT trifft auf Steuerungstechnik.
IT trifft auf Steuerungstechnik.
Foto: Hill

Im Mittelpunkt des Centers in Garching steht Industry X.0, also das Neudefinieren des Produkts, der internen Abläufe und der Beziehung zum Kunden, wie Eric Schaeffer, erklärt. "Die Zukunft passiert jetzt und Technologien wie IoT, Analytics oder Cloud treiben diese Zukunft voran", mahnt Schaeffer, "die Disruption geschieht jetzt in der Industrie." Ein Beispiel dafür ist für Schaeffer der Reifenhersteller Michelin. Dieser verkauft inzwischen nicht mehr nur Reifen, sondern hat mit Michelin Tire Care und Michelin solutions ein digitales Service-Angebot für die Betreiber von LKW-Flotten aufgebaut. Dabei, so das Versprechen des Reifenherstellers, kümmert sich Michelin um alles rund um den Reifen - angefangen vom passenden Luftdruck bis hin zum rechtzeitigen Reifenwechsel, wenn dessen Nutzung unökonomisch wird. Den Kunden verspricht Michelin unter anderem sieben Prozent weniger Diesel-Verbrauch pro Jahr - das sind 3.300 Euro weniger pro Jahr und Truck. Industry X.0 aber auch deshalb, weil wir laut Schaeffer bereits Mitten in dem digitalen Transformationsprozess stecken und noch etliche neue Technologien mit disruptivem Charakter auf uns zukommen. AI, Robotics, deep learning, Quantencomputer nennt der Manager hier als Beispiele.

Drei Prämissen

Greif-Roboterm mit Emotionen im IIoT-Lab.
Greif-Roboterm mit Emotionen im IIoT-Lab.
Foto: Accenture

Daraus ergeben sich für Schaeffer drei Prämissen, warum sich ein Unternehmen mit dem Thema beschäftigen sollte:

1. Die Disruption in der Fertigung ist unumgänglich, sie findet bereits statt - und es kommt noch mehr nach.

2. Das smarte und vernetzte Produkt steht im Mittelpunkt der Transformation.

3. Die Zeit zu handeln ist jetzt, morgen ist es schon zu spät.

Die besten Digitalisierungsprojekte - Foto: IDG

Die besten Digitalisierungsprojekte

Was den dritten Punkt betrifft, sieht der Accenture-Manager die europäischen Unternehmen im internationalen Vergleich gar nicht so schlecht aufgestellt, wie oft kolportiert. Eher im Gegenteil: Aus der Kundenperspektive habe das Thema Digitalisierung, was das Verständnis für die Herausforderungen etc. betreffe, in Europa viel mehr Traktion als in Nordamerika, so Schaeffer. Sehe man von den Caterpillars und John Deeres dieser Welt einmal ab, liege Europa beim Thema IIoT sogar vorne.

In Workshops zum digitalen Unternehmen

Ein Teil der Prozesskette in der virtuellen Fabrik.
Ein Teil der Prozesskette in der virtuellen Fabrik.
Foto: Hill

Für Unternehmen, die diese Dringlichkeit erkannt haben, bietet Accenture in Garching Design-Thinking-Workshops an, in denen gemeinsam Lösungen erarbeitet werden. Das angeschlossene "Liquid Studio" erstellt auf dieser Basis Prototypen und PoCs. Da etablierte Unternehmen, anders als Startups, nicht auf der grünen Wiese starten, sondern auf ihr laufendes Geschäft angewiesen sind, propagiert Accenture bei der digitalen Transformation (grob skizziert) folgende Vorgehensweise: In einem ersten Schritt wird versucht, die interne Effizienz bei der Fertigung zu verbessern, um dem Unternehmen Luft zu verschaffen und die Möglichkeit zu geben, die digitale Transformation zu finanzieren. Danach werden dann digitale Services um die Produkte herum entwickelt. So dass das Unternehmen im dritten und letzten Schritt nicht mehr ein Produkt verkauft, sondern Dienstleistungen wie etwa Druckluft im Falle eines Kompressors. Dass dies keine graue Theorie mehr ist, zeigt Accenture in Garching auf einer über 1400 Quadratmeter großen Fläche mit wechselnden IIoT-Showcase. Allesamt sind diese bereits bei Unternehmen in Betrieb und sorgten an verschiedenen Punkten in der Fertigungskette für Verbesserungen.

Die IIoT-Showcases

Detailaufnahme der Fischertechnik-"Fabrik".
Detailaufnahme der Fischertechnik-"Fabrik".
Foto: Hill

Dabei bildet der IIoT-Showcase verschiedene Business-Szenarien rund um das Digital Enterprise sowie den Digital Product Lifecycle nach. Das beginnt etwa mit dem Digital Customer, der sein Produkt virtuell konfiguriert. Ein Beispiel hierfür ist eine Augmented-Reality-Produktvisualisierung für BMW. BMW i war eine der ersten Automobilmarken, die ihren Kunden im Rahmen eines Pilotprojekts ein interaktives, Augmented-Reality-Erlebnis ihrer Produkte in 3-D anbietet. Unter Verwendung von Tango, Googles Augmented-Reality-Technologie für Smartphones, können Interessenten so ihren perfekten BMW i3 oder i8 als interaktive Visualisierung in Originalgröße erkunden. Hierzu wurden Bilddaten der BMW-i-Fahrzeuge in eine App integriert, die die Tango-Technologie verwendet. Der BMW i Visualiser ermöglicht Kunden, ein Fahrzeug auf neuartige, interaktive Art und Weise zu erleben.

IT trifft Simatic

Auch die Modellfabrik hat im Lab ihren Digital Twin.
Auch die Modellfabrik hat im Lab ihren Digital Twin.
Foto: Hill

Einen breiten Raum nimmt in der derzeitigen Ausstellung das Thema Shop-Floor-Integration ein. Mit Fischertechnik werden verschiedene Situationen in der Digital Factory simuliert. Dazu gehören etwa Industrial Analytics. So zeigt eine Demo, wie Unternehmen Analytics in der Werkshalle nutzen können: Eine kleine Modell-Maschine wird mit einem Siemens-Simatic-7-Controller und einer Siemens MindConnect-Box verbunden und überträgt so Daten zur Siemens-IIoT-Plattform "MindSphere", wo eine Predictive-Maintenance-Anwendung Wartungsinformationen errechnet und entsprechende Planungsszenarien erstellt.

Die Digital Twins

Demonstration einer Maschinenfernsteuerung.
Demonstration einer Maschinenfernsteuerung.
Foto: Hill

Ebenso kommt das Thema Digital Twins nicht zu kurz. Diese sind digitale Nachbildungen real vorhandener Maschinen oder Produkte und erlauben es Unternehmen, Simulationen durchzuführen und damit Planungskosten und -risiken zu reduzieren. Ebenso können so neue Maschinenprogramme getestet werden. Die Demo in Garching veranschaulicht den Wertbeitrag solcher Lösungen mittels eines "Digital Twins" einer realen (Modell-) Fertigungsstrecke. Der Zwilling ist zwar virtuell, wird aber durch den gleichen realen "Programmable Logic Controller" gesteuert wie die Fertigungsstrecke selbst (hier von einem Siemens Simatic 7). Zudem ist die virtuelle Anlage ebenfalls in weitere Fertigungs-Systeme wie SCADA, MES etc. integriert.

HoloLens und KI

Simuliertes Security-Problem im IoT-Netz.
Simuliertes Security-Problem im IoT-Netz.
Foto: Hill

Unter dem Motto "Connected Industrial Workforce adressiert Accenture im IIoT Lab Aspekte der Vernetzung von Maschinen und Mitarbeitern. So eröffnet etwa Augmented Reality eine Möglichkeit, um aufgabenrelevante Informationen und Anweisungen in die unmittelbare Umgebung eines Mitarbeiters "einzublenden". Wird diese Art der Unterstützung noch um Künstliche Intelligenz erweitert, erhöht dies den Wertbeitrag entsprechender Lösungen und Geräte ganz erheblich. Eine solche kombinierte Lösung wurde etwa mit Microsofts HoloLens, einer Spracherkennungssoftware und der "Amelia"-KI von IPsoft realisiert. Die HoloLens-Brille erkennt den genauen Aufenthaltsort des Anwenders und stellt daraufhin kontext- und aufgabenrelevante Informationen bereit. Der Anwender kann mit der "Amelia"-KI "sprechen", ohne die Lösung dabei bedienen zu müssen. So behält er die Hände frei für die eigentliche Arbeit.

Im Innovation Lab spricht Accenture auch das Thema Security offensiv an - sei es die remote Steuerung von Maschinen oder die Sicherheit der eigentlichen Datenübertragung. Ein Ansatz ist hier eine Chip-gestützte Lösung, um so einen entfernten Bediener authentifizieren zu können.

Die hier genannten Showcases sind nur ein Auszug aus dem Innovation Center und stellen eine Momentaufnahme dar. Accenture will nach eigenem Bekunden die Ausstellung kontinuierlich mit neuen Showcases ausstatten.