Frauen in der IT

„In die Medizin wollte ich, BWL konnte ich und der IT gehört die Zukunft“

23.05.2019
Von 
Freie Journalistin und Kommunikationsberaterin aus Frankfurt
Nadiia Glock ist Informationsmanagerin bei der Wohngemeinschaft für Senioren in Filderstadt bei Stuttgart. Die junge Mutter und Chefin von 14 Mitarbeitern hat Digitalisierungsprojekte für den Pflegedienstleister umgesetzt. Dafür ist ihr Arbeitgeber mit dem deutschen Exzellenzpreis ausgezeichnet worden.

Nadiia Glock wollte eigentlich Ärztin werden. Doch der gebürtigen Ukrainerin war ein Medizinstudium in ihrem Heimatland nicht möglich. Deshalb entschied sie sich für Betriebswirtschaftslehre. Als sie vor zwölf Jahren nach Baden-Württemberg kam, führten ihre Bewerbungen zunächst nicht zum Erfolg: „Kandidaten, die einen Master-Abschluss in Deutschland gemacht hatten, wurden bevorzugt“. Deshalb studierte sie an der Technischen Hochschule Ulm noch Informationsmanagement im Gesundheitswesen. „BWL konnte ich, in die Medizin wollte ich und der IT gehört die Zukunft“, begründet die 32-Jährige ihre Wahl.

Nadiia Glock, Informationsmanagerin bei der Wohngemeinschaft für Senioren (WGfS GmbH) in Filderstadt bei Stuttgart.
Nadiia Glock, Informationsmanagerin bei der Wohngemeinschaft für Senioren (WGfS GmbH) in Filderstadt bei Stuttgart.
Foto: WGfS

Vor vier Jahren begann Glock in Filderstadt bei der Wohngemeinschaft für Senioren (WGfS GmbH) ihre Arbeit als Projektmanagerin. Die Geschäftsführerin, Rosemarie Amos-Ziegler, hatte vor mehr als 30 Jahren einen privaten ambulanten Dienst eröffnet, dem eine erste Senioren-Wohngemeinschaft folgte. Mittlerweile hat sich daraus ein Unternehmen mit drei Häusern und einem ambulanten Pflegedienst entwickelt. Die 250 Mitarbeiter versorgen rund 150 Bewohner.

Von der Projekt-Managerin zur IT-Managerin

Glocks erste Aufgabe war es, das betriebliche Gesundheitsmanagement zu strukturieren. Dann entschied das Management, sich von einzelnen Softwareprogrammen und Datenbanken zu lösen. Ein einheitliches Informationssystem sollte die Arbeitsprozesse verschlanken und eine vollständige Pflegedokumentation ermöglichen. Zusätzlich war geplant, die Verwaltung mit zwei komplexen Software-Programmen stärker zu digitalisieren. Apotheker und Ärzte, die mit der Pflegeeinrichtung zusammenarbeiten, sollten außerdem online Zugriff auf einen datengeschützten Bereich im WGfS-System erhalten.

Nadiia Glock wurde Systemadministratorin, überzeugte das Pflegepersonal von den neuen IT-Projekten und gewann das Vertrauen ihrer Vorgesetzten. Seit Anfang 2019 leitet die Informationsmanagerin die komplette Verwaltung mit 14 Mitarbeitern. Die Digitalisierungsprojekte, für deren Umsetzung sie mit verantwortlich war, kosteten ihren Arbeitgeber etwa 100.000 Euro. Demgegenüber steht ein um bis zu zwölf Prozent gestiegener Ertrag pro Jahr. Weil die Papierdokumentation abgenommen hat und das Personal mobil mit Tablets arbeiten kann, bleibt außerdem mehr Zeit für die Pflegebedürftigen.

Familie und Karriere vereinen

Als Glock 2016 ihre inzwischen zweieinhalbjährige Tochter zur Welt brachte, nahm sie lediglich den gesetzlichen Mutterschutz in Anspruch und begann nach zwei Monaten als 70-Prozentkraft wieder zu arbeiten. Über ihren Arbeitgeber kam sie in Kontakt mit einer Tagesmutter in unmittelbarer Arbeitsplatznähe. So konnte sie – neben ihrer Berufstätigkeit – ihr Kind ein Jahr lang voll stillen. Danach fing die junge Mutter an, wieder in Vollzeit zu arbeiten.

„Die Doppelbelastung ist oft hart, aber mit entsprechender Organisation ist alles machbar“, sagt Glock. Viel Unterstützung erhält die ehrgeizige junge Frau von ihrem Mann, der ihr „keine Steine in den Weg legt“. Ein Vorteil sei für sie außerdem, dass sie in Gleitzeit arbeiten kann und auch Home Office eine Option ist.

Netzwerke helfen

Frauen, die nach einer Babypause wieder in den Beruf einsteigen wollen und noch keinen passenden Arbeitgeber gefunden haben, empfiehlt Glock das Netzwerk „Frau und Beruf“, dessen Vertreterinnen sie kürzlich auf einer Messe kennengelernt hat. Fast jedes Bundesland verfügt über ein entsprechendes Landesprogramm, das sich für Chancengleichheit im Erwerbsleben einsetzt (Beispiel Baden-Württemberg). Hier können sich Frauen von Expertinnen zu allen beruflichen Belangen beraten lassen und von Kontakten zu familienfreundlichen Arbeitgebern profitieren.

Anfang 2019 nahm die Informationsmanagerin mit WGfS-Geschäftsführer Daniel Splettstößer den deutschen Exzellenzpreis im Bereich „Digital Service B2C“ entgegen.
Anfang 2019 nahm die Informationsmanagerin mit WGfS-Geschäftsführer Daniel Splettstößer den deutschen Exzellenzpreis im Bereich „Digital Service B2C“ entgegen.
Foto: DISQ

Besonders stolz ist Nadiia Glock auf eine Auszeichnung, die der WGfS zu Beginn des Jahres verliehen wurde: In Frankfurt stand die Informationsmanagerin gemeinsam mit Geschäftsführer Daniel Splettstößer neben Unternehmensvertretern von Daimler, DPD oder Microsoft Deutschland auf der Bühne und nahm den deutschen Exzellenz-Preis im Bereich „Digital Service B2C“ entgegen.