Rekordverdächtige Nasdaq-Talfahrt

Heulen und Zähneklappern bei Tech-Investoren

14.06.2022
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE, CIO und CSO sowie Chefredakteur der europäischen B2B-Marken von IDG. Er kümmert sich um die inhaltliche Ausrichtung der Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. 
Jahrelang ging es an den Börsen nur aufwärts für die großen Technologiewerte. Doch das ist nun vorbei, und viele Marktteilnehmer fragen sich, ob sich die Dotcom-Pleite aus dem Jahr 2000 wiederholen könnte.
Wer sein Geld in Tech-Aktien gesteckt hat, dem dürfte derzeit nur noch zum Heulen zumute sein.
Wer sein Geld in Tech-Aktien gesteckt hat, dem dürfte derzeit nur noch zum Heulen zumute sein.
Foto: Marijus Auruskevicius - shutterstock.com

In diesem Jahr ist der IT-Sektor des S&P 500 bereits um 25 Prozent gefallen. So ein schlechtes erstes Halbjahr gab es zuletzt 2002. Auch der Dow-Jones-Index hat schwer gelitten, was angesichts von Inflation und Zinssteigerungen, Lieferkettenproblemen im Handel mit China und natürlich dem Ukraine-Krieg wenig überraschen dürfte. Doch der Rückgang beträgt nur knapp 17 Prozent. Dennoch ist er der größte seit 2004. In Deutschland sieht es noch schlimmer aus: Der TecDax liegt seit Jahresbeginn um rund 26 Prozent im Minus.

Jahrelang trieben Tech-Aktien die Märkte von Rekord zu Rekord, die Begeisterung für alles, was mit Cloud Computing, Software und Social Media zusammenhing, war kaum zu bremsen. In diesem Jahr ist alles anders. Die Renditen von Staatsanleihen sind auf den höchsten Stand seit 2018 gestiegen, während die Anleihekurse gefallen sind. Viele der Trends, die insbesondere während der Corona-Pandemie intakt waren - beispielsweise Mergers and Acquisitions (M&A), Optionsgeschäfte auf steigende Kurse oder heiße Wetten auf Kryptowährungen - sind regelrecht abgewürgt.

Der Markt für Kryptowährungen wird sogar von Panikverkäufen dominiert. Der Wert des Bitcoin lag zu Jahresbeginn noch bei über 46.000 Dollar, inzwischen hat sich sein Wert auf 22.700 Dollar halbiert. Gut ein Drittel des Wertes vom Januar 2022 beträgt noch der Wert von Ethereum: der Kurs kollabierte von 3.300 auf 1.150 Dollar.

Börsen-Indices - eine einzige Bilanz des Schreckens

Dass die Bilanz der großen Indizes wie dem S&P 500 mit den 500 größten börsennotierten US-Unternehmen oder hierzulande der DAX mit den 40 größten deutschen Börsenunternehmen noch halbwegs erträglich aussieht, ist leicht erklärbar: Energieversorger, Ölkonzerne und andere Rohstofflieferanten erleben derzeit eine Sonderkonjunktur, da sie die Versorgungsengpässe, die durch den Ukraine-Krieg und die weltweiten Lieferkettenprobleme entstanden sind, für sich zu nutzen wissen.

Klassische Werte wie die der Energieversorger aus der Öl- und Gasindustrie sind wieder stärker gefragt.
Klassische Werte wie die der Energieversorger aus der Öl- und Gasindustrie sind wieder stärker gefragt.
Foto: Rangsarit Chaiyakun - shutterstock.com

Hinzu kommt, dass die großen Investment- und Fondsgesellschaften ihre Anlagen im großen Stil umschichten. Schon vor Monaten begann die Stunde der sogenannten Value-Investoren zu schlagen. Sie begannen nach dem Vorbild von Investorenlegende Warren Buffet nur noch solche Aktien zu kaufen, die gemessen an ihrer Ertragsleistung oder ihrem Buchwert billig sind. Aktien von "langweiligen" Unternehmen wie Exxon Mobil, Coca-Cola oder dem Tabakkonzern Altria Group erlebten einen Aufschwung.

Substanz statt Wachstum ist gefragt

Das Geld fließt derzeit im großen Maßstab ab aus Fonds und Anlagen, die auf Wachstumswerte setzen, stattdessen fließt es in sogenannte Substanzwerte. Symbolcharakter hat in diesem Zusammenhang der Aufstieg und Fall der Silicon-Valley-Investorin Cathie Woods, die mit ihrer Fondsgesellschaft Ark Invest und ihrem Flaggschiff-ETF Ark Innovation (ARKK) auf Wachstumswerte im Technologiesektor setzte und atemberaubende Wertsteigerungen erzielte. Ihr Fonds verlor allein in diesem Jahr 58 Prozent seines Wertes, seit dem Höchststand im Februar 2021 beträgt der Wertverlust sogar mehr als drei Viertel.

Die deutsche Cathie Wood heißt Frank Thelen, Unternehmer, Investor und bestens bekannt aus der Unterhaltungs-Show "Die Höhle der Löwen", wo Startup-Gründer aufmerksamkeitswirksam um Risikokapital und Unterstützung von Investoren pitchen. Thelen startete im September 2021 den Fonds "10XDNA Disruptive Technologies", ein Fonds, der in disruptive Geschäftsmodelle investieren und Geldgeber schnell sehr reich machen sollte. Doch der Zeitpunkt war schlecht gewählt: Thelens Fonds büßte seit der Auflage rund die Hälfte seines Werts ein. Investments in Unternehmen wie Tesla, Palantir, Tencent, UIpath, Twilio und viele andere Highflyer der vergangenen zwei Jahre schienen durchaus sinnvoll, rächen sich jetzt aber bitter - zumindest für diejenigen, die Verluste nicht aussitzen können.

Der Fonds "10XDNA Disruptive Technologies" von Starinvestor Frank Thelen büßte die Hälfte seines Wertes ein.
Der Fonds "10XDNA Disruptive Technologies" von Starinvestor Frank Thelen büßte die Hälfte seines Wertes ein.
Foto: Logitech

Chris Covington, Leiter der Anlageabteilung bei AJO Vista, zeigt sich im Gespräch mit dem Wall Street Journal skeptisch, was die mittelfristigen Perspektiven für den Tech-Sektor angeht: "Es fällt mir schwer zu glauben, dass die extreme Outperformance, die wir in den letzten fünf Jahren gesehen haben, wieder eintritt", warnt der Börsenprofi. Mit dieser Meinung steht er nicht allein. Viele Anleger fühlen sich an die Marktturbulenzen erinnert, die folgten, als im Jahr 2000 die Dotcom-Blase platzte. Der Hype um die jungen, aufstrebenden Firmen verflog im Zeitraffer, es folgten schmerzhafte Pleiten mit hohen Verlusten für die oft unerfahrenen Investoren. Der Nasdaq Composite stürzte zwischen März 2000 und Oktober 2002 um sage und schreibe 80 Prozent ab.

Billionen Dollar an Marktwerten vernichtet

In diesem Jahr gingen ebenfalls bereits mehrere Billionen Dollar an Marktwerten verloren, einige Technologieunternehmen erwischte es besonders hart - manchmal, wie im Falle von Snap, binnen weniger Stunden. MarketWatch veröffentlichte eine Liste mit 19 großen IT-Firmen, deren Börsenwert innerhalb eines Jahres um mindestens 60 Prozent gefallen ist. Namen wie PayPal, DocuSign, Zoom, Netflix, Okta, Atlassian, Zscaler und viele andere einstige Highflyer finden sich darauf.

Und was ist mit den Schwergewichten des ITK-Marktes? Tapfer schlagen sich vor allem die Telcos und das Urgestein IBM - Unternehmen also, die in den zurückliegenden Jahren kaum vom Hype profitieren konnten, dafür jetzt aber auch nicht leiden müssen. Microsoft indes büßte seit Jahresbeginn 23 Prozent seines Börsenwerts ein, in ähnlicher Größenordnung verloren Apple und Alphabet, während Amazon sogar ein Drittel seiner Marktkapitalisierung abgab. Noch heftiger mussten - mit Blick auf die FAANG-Aktien (FAANG = Facebook, Apple, Amazon, Netflix und Google) - Netflix (minus 70 Prozent) und der Facebook-Mutterkonzern Meta (minus 47 Prozent) bluten.

"Korrektur war überfällig"

Ist das ganze nun eine bedrohliche oder eher eine gesunde Entwicklung? Ben Inker vom Bostoner Vermögensverwalter GMO hält die Korrektur auch in diesem heftigen Ausmaß für überfällig. Die Prämie, zu der Wachstumsaktien im Vergleich zu Value-Aktien gehandelt würden, liege auch jetzt noch über dem historischen Mittel, sagte er dem WSJ. Die Finanzstrategen der Bank of America schrieben am 27. Mai, dass Technologiewerte immer noch einen Anteil von rekordverdächtigen 27 Prozent am breiten S&P-500-Index ausmachten. Die Bewertung sei zwar nicht so hoch, wie damals vor dem Platzen der Dotcom-Blase, aber immer noch zu hoch. Wer nach dem jüngsten Kursrutsch glaube, billige Aktien einsammeln zu können, täusche sich.

Ein wichtiger Faktor sind die laufenden Zinserhöhungen der US-Notenbank, die noch längst nicht abgeschlossen sind und zum Zweck der Inflationsbekämpfung eher noch beschleunigt werden dürften. Das bedeutet, dass Sparen und sichere festverzinsliche Anlagen wieder attraktiver werden - was schon immer keine gute Nachricht für Tech- und andere Wachstumswerte war.

Startups in Gefahr: Investoren schlagen Alarm

Übernahmen werden teurer

Tech-Unternehmen müssen sich also mit dem Gedanken anfreunden, dass die neuerliche Technologieblase an den Börsen geplatzt ist. Die Bewertungen der Unternehmen sind im Mittel deutlich geringer, was immer negative Auswirkungen hat. So wird der Zugang zu billigem Geld schwieriger, da Banken den Börsenkurs ihres Kunden fest im Blick haben, wenn sie über die Konditionen bestimmen, zu denen sie Geld verleihen wollen.

Zudem muss, wer beispielsweise eine Übernahme plant und diese mit Aktien bezahlen will, tiefer in die Taschen greifen. Ebenso wird es teurer, mit Aktienverkäufen den eigenen Cash-Bestand zu erhöhen - auch hierfür müssen mehr Anteile versilbert werden. Und wer seinem (Top-)Management Boni in Form von Unternehmensanteilen zukommen zu lassen gedenkt, wird damit derzeit keine Jubelstürme auslösen. Die Stimmung unter den Mitarbeitenden, die Aktienoptionen als Teil ihrer Verfügung erhalten, dürfte schon jetzt ziemlich gedrückt sein.