Sidepreneurship

Hauptberuflich bei Siemens Energy, nebenberuflich Gründerin

13.07.2021
Von 
Schreibt und recherchiert Führungs- und Karrierethemen - in der Redaktion von CIO-Magazin und COMPUTERWOCHE. Ihre Schwerpunkte sind CIOs, IT-Karrieren und -Nachwuchs, Führung, New Work und Diversity.  Wenn sie nicht gerade Projekte wie den "CIO des Jahres" betreut. Setzt sich für mehr Frauen in der IT ein.
Linda Kramer ist Abteilungsleiterin bei Siemens Energy und gründete mitten in der Coronakrise einen Onlineshop, der modische Schnürsenkel für Männer anbietet.

Linda, du bist nicht nur Head of Regional Development and Support bei Siemens Energy, du hast auch nebenher gegründet. Warum?

Linda Kramer: Ich wollte mich nicht entscheiden! Siemens ist meine Company, die Arbeit dort macht mir total Spaß. Aber ich wollte auch mein eigenes Business gründen. Denn ich habe eine Opportunität gesehen, das hat mich fasziniert und nicht mehr losgelassen.

Die 34-Jährige ist Abteilungsleiterin bei Siemens Energy. Die weitgereiste Wirtschaftsingenieurin, die unter anderem zwei Jahre für Siemens in Florida tätig war, kehrte mitten in der Coronakrise in ihre Heimat Ettenbeuren zurück und gründete dort die GbR Remark Exclusive. Über ihren Online-Shop bietet sie hochwertige, trendige Schnürsenkel für Männer an. Fun Fact: Remark ist rückwärts für Kramer und angelehnt an "remarkable" [außergewöhnlich]".
Die 34-Jährige ist Abteilungsleiterin bei Siemens Energy. Die weitgereiste Wirtschaftsingenieurin, die unter anderem zwei Jahre für Siemens in Florida tätig war, kehrte mitten in der Coronakrise in ihre Heimat Ettenbeuren zurück und gründete dort die GbR Remark Exclusive. Über ihren Online-Shop bietet sie hochwertige, trendige Schnürsenkel für Männer an. Fun Fact: Remark ist rückwärts für Kramer und angelehnt an "remarkable" [außergewöhnlich]".
Foto: privat

Mit deiner Firma Remark Exclusive bietest du trendige Schnürsenkel vor allem für Männer an. Wie kamst du denn ausgerechnet auf Schnürsenkel?

Kramer: Ich habe meinem Mann immer gerne modische Accessoires von meinen Geschäftsreisen mitgebracht. Vor zwei Jahren waren bunte Socken das Highlight. Leider ist die Modewelt des Mannes ja ziemlich schnell zu Ende. Aber ich dachte, man könnte bei den Schuhen anfangen, und habe recherchiert, was da möglich ist. So kam ich auf Schnürsenkel, die es zwar hochwertig gab, aber meist nur uni-farben. So kam mir der Gedanke, bunte, nachhaltig produzierte Schnürsenkel für den Mann anzubieten.

Was kam nach der ersten Idee? Wie bist du vorgegangen?

Kramer: Ich habe wirklich viel recherchiert - in jeder Hinsicht: was Materialwissen anbelangt, wo ich produzieren lassen kann, rechtliche Vorgaben, Versicherungsfragen bis hin zu IT-Themen rund um den Onlineshop.

Du lässt deine Schnürsenkel nachhaltig in Asien produzieren. Wie hast du den passenden Zulieferer gefunden?

Kramer: Ich habe erst einmal alle üblichen verdächtigen Produktionsländer gescannt, also Portugal, Spanien, Türkei und Asien. Da musste ich viel kommunizieren – chatten, schreiben, telefonieren. Ich habe verschiedenen Kandidaten Skizzen meiner Schnürsenkelentwürfe geschickt und gefragt, wie sie das herstellen würden. Da ich aber mit einer überschaubaren Bestellmenge gestartet bin, war es sehr herausfordernd, gar unmöglich, einen europäischen Hersteller an Bord zu bekommen. Ein asiatischer Hersteller bekam dann den Zuschlag, weil er deutlich günstiger herstellt als die EU-Anbieter, auf meine Wünsche einer kleinen Serie eingeht und zuverlässig ist. Das Unternehmen hat 30 Mitarbeiter und benutzt Garne, die STANDARD 100 by OEKO-TEX®-zertifiziert sind und beteiligt sich freiwillig an der internationalen Global Recylced Standard (GRS) Zertifizierung, das war mir wichtig.

Wäre Amazon nicht einfacher gewesen?

Du hast derzeit zehn verschiedene Produktvarianten. Die vertreibst du über deinen eigenen Shop. Wäre Amazon nicht einfacher gewesen?

Kramer: Ja, hatte ich auch überlegt und versucht, vor allem, weil mein Mann vor kurzem auch ein Nebengeschäft über Amazon aufgebaut hat. Jedoch ist Amazon nicht die Plattform, auf der neue Produktideen die ausreichende Aufmerksamkeit bekommen können. Der Amazon-Kunde weiß ziemlich genau, was er sucht. Vielleicht sucht er ein rotes T-Shirt und vergleicht dann noch die Preise und ist dann wieder flott weg. Aber normalerweise streifen die Kunden nicht durch die Produkt-Kategorien und schauen, was es sonst noch Schönes gibt und kommen dann zufällig bei meinen neuartigen Schnürsenkeln vorbei. Und ein Amazon-Kunde, der Schnürsenkel sucht, weiß auch schon genau, welche Schnürsenkel er braucht. Daher bedarf es bei meinen Produkten einen anderen Kanal, welcher durch entsprechende Social-Media-Aktivitäten unterstützt wird. Und wenn mein Produkt dann einmal bekannt ist und die Leute hoffentlich gezielt die Produktsuche nach meinem Markennamen bemühen, dann wird ein Verkauf über Amazon auch kostendeckend möglich sein. Aber meine Zeit kommt noch (lacht)!

Du hast dich also entschlossen, deinen eigenen Shop zu bauen?

Kramer: Ja, auch dazu habe ich gründlich recherchiert. Ich bin ziemlich schnell darauf gekommen, dass es viele Shop-Systeme gibt, für die man monatlich relativ hohe Gebühren zahlt. Also habe ich bei Myhammer.com meine Requirements für meinen Shop eingestellt und innerhalb von 30 Minuten 15 Angebote von Programmierern erhalten. Die Wahl fiel auf Maxim, einen jungen Studenten, der sich auch gerade ein eigenes Business aufbaut. Ich hatte mein Konzept schon genau vorgedacht und ihm eine Powerpoint-Präsentation dazu erstellt. Er hat dann innerhalb von vier Wochen den Shop programmiert.

Welche Programme verwendet ihr?

Kramer: Als Webseiten-Tool benutze ich "Wordpress" kombiniert mit "Elementor" und dem Shop-Plugin "WooCommerce". Die technische Übergabe von Maxim an mich habe ich auf Video aufgezeichnet, so kann ich meinen Shop jetzt komplett alleine bedienen.

Wer macht die Fotos von deinen Produkten für den Shop?

Kramer: Die mache ich selbest. Anfangs noch mit unserer Urlaubskamera, mittlerweile habe ich mich aber ausgestattet mit Fotobox, Licht, Stativ und Grafikprogrammen.

Linda Kramer fotografiert ihre Produkte selbst – häufig ihren Mann, der die Schnürsenkel dann trägt.
Linda Kramer fotografiert ihre Produkte selbst – häufig ihren Mann, der die Schnürsenkel dann trägt.
Foto: Remark-Exclusive

Du hast sehr viel Eigenleistung in dein Business hineingesteckt. Hattest du auch Hilfe?

Kramer: Ich bin jemand, der Sachen gerne richtig und vor allem selber macht. Aber natürlich gab und gibt es Unterstützer, allen voran mein Mann, der immer auch Versuchskaninchen und Foto-Fußmodel für die Produkte ist. Zudem habe ich mir Feedback von den engsten Freundinnen und Freunden geholt. So konnte ich schnell reagieren. Man neigt ja manchmal dazu, alles für sich zu behalten und denkt, man sollte erst mit dem fertigen Produkt an die Öffentlichkeit gehen - es wie ein Päckchen mit Schleife präsentieren. Aber wenn man auch andere Meinungen hört, dann lernt und reagiert man schneller, bevor man sich alleine vielleicht in eine Richtung verrennt.

Gibt es Dinge, die dich überrascht haben?

Kramer: Ja, dass es doch insgesamt ziemlich lange dauert von der Idee bis zum fertigen Business, es gab viel zu beachten und zu recherchieren. Von der Gründung der GbR bis zur Markteinführung im November 2020 hat es ja etwa ein Jahr gedauert … mir ging das nicht schnell genug.

Ein gutes Produkt alleine reicht nicht

Was war dein größtes Learning?

Kramer: Ich dachte zunächst, es reicht, ein gutes Produkt zu haben, dann geht alles von alleine. Aber ohne Kontakte ist es unheimlich schwierig, sichtbar zu sein. Man braucht Reichweite, Netzwerke und Influencer. Das war mein größtes Learning und an dem Thema bin ich immer noch dran.

Für Sidepreneurship braucht man vor allem die Zustimmung des Arbeitgebers. Wie hat dein Vorgesetzter bei Siemens Energy denn darauf reagiert?

Kramer: Siemens Energy hatte nichts dagegen. Auch mein Chef hat sehr cool reagiert. Er schätzt Menschen, die neben dem Hauptjob noch etwas auf die Beine stellen, solange die Performance im Job stimmt. Ihm geht es darum, was jemand wirklich macht und was die Person ausmacht. Menschen, die über den Tellerrand blicken und Biss haben.

Nun hast du mitten in der Coronazeit gegründet. War das schlechtes Timing?

Kramer: Nein, nicht wirklich. Corona hat mich eigentlich angespornt, mein Business noch einmal neu zu betrachten. Ich habe mir in dieser Zeit Aufgaben gesucht, die man machen kann, wie Netzwerke aufbauen und neue Vertriebswege suchen. Ich wurde jetzt auch ins Mentorenprogramm von "Mission female" aufgenommen. Das ist auch eine Nebentätigkeit, die ich betreibe.

Und wenn Corona vorbei ist …

Kramer: Da freue ich mich sehr drauf, denn ich habe mir schon viele Gedanken gemacht, wie ich meine Schnürsenkel in ein Köfferchen packe, losziehe und sie mit einem coolen Pitch in verschiedenen Geschäften, Boutiquen und Herrenausstattern persönlich vorstelle. Und das wird dann auch die Zeit für meine Schnürsenkel sein, wenn Menschen wieder ins Büro und ins Restaurant gehen und ihren Stil ausleben können.

Lindas Tipps für Gründerinnen

  1. Trau dich! Es gibt nicht DIE eine ultimative Idee. Viele Leute haben gute Ideen. Aber man sollte trotzdem mutig sein, die eine oder andere Idee weiterzuentwickeln im Rahmen der eigenen Möglichkeiten (Geld, Zeit, Kraft). Wenn man es so angeht, hat man nichts zu verlieren, im Gegenteil, die Lernfortschritte sind sehr bereichernd.

  2. Mach dich frei von der Angst, kopiert zu werden. Das wird ohnehin kommen. Oder man wird aufgekauft – vielleicht klopft auch der ein oder andere Investor bald an die Tür, weil er mein Produkt genauso cool und elegant findet, wie ich. Nein, im Ernst, es ist sehr hilfreich, sich im Vertrauenskreis auszutauschen, denn man bekommt rechtzeitig wertvolles Feedback. Und andere haben auch gute Ideen!

  3. Du brauchst Begeisterung! Mir war es ganz, ganz wichtig, etwas zu finden, was mir Spaß macht. Das motiviert und hält einen bei Laune, die Extrameile zu gehen. Denn beim Gründen braucht man einen langen Atem.

  4. Lass dir helfen! Delegiere! Man kann nicht alles selber machen.

  5. Gib Fehler zu! Wenn eine Idee mal nicht gut ist oder ein Projekt scheitert, scheu dich nicht, das zuzugeben und Dinge auch mal sein zu lassen.