Bosch Connected Experience - Europas größter Hackathon

Hacken zwischen Kommerz und Social Impact

31.05.2019
Von 
Jürgen Hill ist Teamleiter Technologie. Thematisch ist der studierte Diplom-Journalist und Informatiker im Bereich Communications mit all seinen Facetten zuhause. 
IoT-Lösungen wirklich realisieren. Diese Möglichkeit will Bosch mit seinem Hackathon Bosch Connected Experience bieten, indem Entwickler Zugriff auf IoT-Sensoren, aktuelle Rechnerhardware etc. haben.
Mit rund 700 Teilnehmern gehört die Bosch Connected Experience zu den größten Hackathons Europas.
Mit rund 700 Teilnehmern gehört die Bosch Connected Experience zu den größten Hackathons Europas.
Foto: Hill

Mit rund 700 Teilnehmern, die sich aus Programmierern, Start-up-Mitarbeitern und Designern zusammensetzen, gehört die Bosch Connected Experience (BCX) zu den größten Hackathons der EU. Den Reiz der Veranstaltung macht nicht nur die Möglichkeit aus, neueste IoT-Sensoren, leistungsfähige Hardware, Industrie-Simulatoren (Stichwort: Hardware in the Loop) oder aktuelle Car-to-X-Kommunikationsmöglichkeiten zu nutzen, sondern auch die Zahl der unterschiedlichen Challenges.

Fünf Challenges

Insgesamt gab es fünf Challenges, jeweils eine aus den Bereichen Mobility, Manufacturing, Buildings, Utility Cross Domain sowie Social Impact. Damit das Ganze keine reine Bosch-Veranstaltung ergibt, waren auch Drittfirmen wie EWE, Generali, Here etc. mit von der Partie. Im Bereich Social Impact waren außerdem etliche NGOs mit von der Partie. Hier sollten die Teilnehmer im Rahmen des Hackathons zeigen, wie sich die Welt vor allem in den Entwicklungsländern mit Hilfe von IoT verbessern lässt. So sollten etwa mittels IoT die optimalen Bedingungen für das Insekten-Farming in Afrika gefunden und dann gehalten werden. Mit Insektenmaden will man dort gegen die Mangelernährung vorgehen. Insgesamt drehten sich hier viele Challenges um eine nachhaltige Verbesserung der Ernährungs- sowie Wasserversorgung.

Hacken für soziale Projekte

Ein so genannte Wall of Pain listet die Hreusforderungen der verschiedenen Challenges auf.
Ein so genannte Wall of Pain listet die Hreusforderungen der verschiedenen Challenges auf.
Foto: Hill

In den anderen Challenges, etwa im Bereich Manufacturing, konnten die Teilnehmer mit Industrie-Simulatoren arbeiten. Welche Probleme, Herausforderungen dabei zu meistern waren, wurde auf einer so genannten Wall of Pain festgehalten. Laut Bosch stand bei den Challenges weniger der Gedanke, konkrete Lösungen für eigene Probleme oder Ideen für neue Business-Modelle im Vordergrund, als vielmehr der Wunsch, jungen Entwicklern praktische Programmiererfahrungen im IoT-Umfeld zu ermöglichen. Zumal Bosch zudem echte Daten von IoT-Devices zur Verfügung stellte, denn die Schwaben sind davon überzeugt, dass sie im professionellen B2B-IoT-Umfeld weltweit die größte Datenmenge besitzen.

Trotz aller hehren Zielsetzungen waren auf der BCX neue, clevere Geschäftsideen nicht verpönt. Ein Beispiel dafür ist etwa eine Idee von Triffix, einem Start-up innerhalb der Grow Platform GmbH in Ludwigsburg und damit einehundertprozentige Bosch-Tochter: Das Unternehmen hat eine Plattform entwickelt, die beispielsweise Autofahrern direkt von der Verkehrsleitzentrale aktuelle Informationen zu Verkehrsstörungen auf das Smartphone überträgt und dabei nur die Infos berücksichtigt, die wirklich für die aktuelle Fahrt von Belang sind.

Smartphone als IoT-Sensor

Pfiffige Idee: Per Smartphone-Sensor sollen Radler den Zustand von Straßen und Radwegen automatisch protokollieren.
Pfiffige Idee: Per Smartphone-Sensor sollen Radler den Zustand von Straßen und Radwegen automatisch protokollieren.
Foto: Hill

Auf dem Hackathon stellten sich die Entwickler die Frage, warum die Kommunikation via Triffix nur eine Einbahnstraße ist und nicht bidirektional genutzt wird. Warum können etwa die Nutzer nicht Behinderungen und eventuelle Straßenschäden melden? Aus dieser Idee wurde dann während des Hackathons ein konkretes Projekt: Das Team entwickelte Triffix so weiter, dass Radfahrer Schäden, Bodenwellen etc, auf Straßen und Radwegen an die Plattform melden können und umgekehrt über eventuelle Straßenschäden auf ihrer Route automatisch informiert werden. Um nicht jeden Radfahrer mit kostspieligen Sensoren ausstatten zu müssen, griffen die Entwickler zu einem Device, das fast jeder besitzt: dem Smartphone. Der Trick dabei ist, dass über die Gyrosensoren der Smartphones vertikale und horizontale Bewegungen/Beschleunigungen gemessen werden können - also etwa Bodenwellen, Schlaglöcher etc. über die die Radler fahren. Gleichzeitig wird mit per GPS die jeweilige Position protokolliert.

Die Grenzen der Automatisierung – und wie man sie überschreitet

Die Idee, das Smartphone als intelligenten Sensor zu nutzen, hatte beispielsweise auch die französische Eisenbahn SNCF. Dort wird so, wie berichtet, das Schienennetz überwacht. Auch die Idee des Hackathon-Teams dürfte schnell in der Praxis realisiert werden, denn obwohl wir im 21. Jahrhundert leben und über KI, Digitalisierung etc. diskutieren, erfolgt die Kontrolle und Instandhaltung unserer Infrastruktur in den Kommunen meist noch analog - sprich Menschen kontrollieren Straßen und Radwege zu Fuß auf ihren Zustand.

Eine Arbeit, die mit der Hackathon-Entwicklung künftig automatisiert werden könnte. Damit würden die Entwickler zwei Probleme gleichzeitig lösen: Die Kommunen bekämen kostengünstig und schnell einen Zustandsbericht über ihre Verkehrsinfrastruktur und die Radler könnten zuverlässig vor möglichen Gefahrenstellen gewarnt werden, und so womöglich Unfälle und Verletzungen vermieden werden können.