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Großkopfertes Nachdenken über Software

02.03.2004

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - IBM-Chef Samuel Palmisano und Oracles früherer zweiter Mann Ray Lane haben sich gestern unabhängig voneinander zur Zukunft der Software(-branche) geäußert. Lane, inzwischen General Partner bei der Venture-Capital-Firma Kleiner Perkins Caufield & Byers, eröffnete die in diesem Jahr erstmals stattfindende Konferenz Software 2004 in San Francisco, die sich ausschließlich dem Thema Unternehmensanwendungen widmet. "Diese Industrie wächst normalerweise, indem sie das nächste große Ding sucht. Ich weiß nicht, was das nächste große Ding ist, aber so lange wir warten sollten wir dafür sorgen, dass das letzte große Ding funktioniert", erklärte Lane.

Gigantische Investitionen in große Programme wie ERP (Enterprise Resource Planning) gehörten der Vergangenheit an. Künftig würden Unternehmen eher operational investieren, um Prozesse zu verbessern. "Im letzten Jahrzehnt haben wir drei Billionen ins Enterprise gepumpt. Wir müssen das nutzen und nicht einfach herausreißen. Manche Leute sagen, wir hätten keinen Gegenwert, keinen Return on Investment bekommen. Ich sage: Der Gegenwert kommt erst noch", glaubt der Venture Capitalist.

Die Softwareindustrie müsse sich künftig durch Service differenzieren - sowohl im herkömmlichen Sinne des Dienstes am Kunden als auch in der neueren Bedeutung, Anwendungen in die Service-orientierte Architektur (SOA) eines Unternehmens zu liefern und nicht wie früher proprietäre oder Standardsoftware.

Den Wandel in Richtung Service werde unter anderem auch Offshoring voranbringen. "Bevor ich nach Indien gereist bin, hielt ich es für eine Art Blackbox. Man nimmt unwichtige Arbeit, schickt sie dorthin und bekommt sie dann zurück. Was ich aber dort gesehen habe, waren Innovation, Arbeitsethos und Leute mit unglaublichen Fähigkeiten. Sie haben an ihren Universitäten Studenten, auf die jeder Dekan jeder Uni hier in den USA stolz wäre." Softwarefirmen in den USA sollten ihre "Kosten dahin packen, wo sie ihre Kompetenz haben", empfahl Lane.

Samuel Palmisano eröffnete die Partnerworld von Big Blue in Las Vegas mit geschätzt 5400 Teilnehmern. Er machte sich in seiner Keynote für offene Standards stark. "Jede Industrie, die ausgereift ist, hat Standards eingeführt. Die IT-Branche ist eine junge Industrie, die zur Akeptanz von Standards heranreift", erklärte der Konzernchef. "Man muss Standards haben. Man muss! Das ist der einzige Weg, um die wirklich großen, sehr wichtigen, komplexen Probleme zu lösen."

Palmisano bemühte sich darum, die von IBM seit rund zwei Jahren vorangetriebene Vision eines "On-demand-Computing" zu betonen. Diese sei anfänglich mit Verwirrung und Missverständnissen aufgenommen worden, gestand der Konzerchef ein. On demand sei nicht eine Sache, sondern eine Kombination von Ansätzen, um das zu adressieren, was IBM für einen fundamentalen Wechsel in der IT-Welt hält.

"Das Wertversprechen des letzten Jahrzehnts hat versagt", kritisierte Palmisano den Best-of-breed-Ansatz. "Der Kunde zwingt uns, uns auf Lösungen zu konzentrieren. Sie haben keine Lust, irgendwelche Teile zusammenzubauen. Das war einmal, die Welt hat sich verändert." Vorbei seien auch die Zeiten, in denen Hersteller alle möglichen Techniken in den Markt gedrückt hätten um dann zu sehen, was letztlich überdauere. Das habe zwar einige Erfolge gebracht, aber auch "unglaubliche Fehlschläge" wie das papierlose Büro oder die Dotcom-Blase. (tc)