Von API bis Two-Speed-IT

Glossar für die digitale Transformation

01.02.2017
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.

Digital Native/ Digital Immigrant

Während als "Digital Natives" Personen bezeichnet werden, die in der digitalen Welt aufgewachsen sind, handelt es sich bei "Digital Immigrants" um digitale Einwanderer - Menschen also, die erst im Erwachsenenalter mit digitalen Themen vertraut wurden. Wer nach 1980 geboren wurde, gilt als digital sozialisiert, da sie oder er mit Internet, Handy, E-Mail, Computerspielen, Chat-Programmen etc. aufgewachsen ist (siehe John Palfrey und Urs Gasser: "Born Digital" https://www.amazon.de/Born-Digital-Understanding-Generation-Natives/dp/0465018564).

Umstritten ist die These, wonach Digital Natives Informationen anders verarbeiten als digitale Einwanderer, und über andere Denkmuster, vielleicht sogar andere Gehirnstrukturen verfügen. So wird mitunter behauptet, dass Digital Natives überdurchschnittlich schnell Informationen verarbeiten und zudem Aufgaben parallel erledigen können (Multitasking). Digital Immigrants ticken eher analog: Sie benutzen noch den Drucker, veranstalten reale anstatt virtuelle Konferenzen und arbeiten durchgängig konzentriert an einer Sache, anstatt beispielsweise parallel Medien zu konsumieren.

Wissenschaftler halten es mittlerweile für wenig zielführend, das Alter als ausschlaggebend für die Zugehörigkeit zu einem der beiden Lager zu bezeichnen. Der Unterschied liege eher in der Art und Weise, wie mit Technik und Medien umgegangen werde. So gebe es durchaus Digital Immigrants, die mit der Technik so sicher umgingen, als wären sie damit aufgewachsen. Gleichzeitig versteht sich nicht jeder Jüngere als Nerd und bevorzugt eher traditionelle Formen der Kommunikation und Zusammenarbeit.

Internet der Dinge/Industrie 4.0

Stellen wir uns eine Welt vor, in der nicht nur PCs, Smartphones und Wearables, sondern auch Maschinen, Haushaltsgeräte, medizinisches Equipment und so ziemlich jeder Gegenstand, den wir vor Augen haben, vernetzt ist und Daten erzeugt. Auf ein solches Internet der Dinge (Internet of Things = IoT) steuern die industrialisierte Welt und große Teile der Consumer-Märkte zu. Wachsende Netzbandbreiten, eine steigende Abdeckung durch Mobilfunk und WLAN, neue erschwingliche Übertragungstechniken und leistungsfähige Sensoren sind einige der Ingredienzien, die diesen Trend begünstigen.

Die daraus entstehenden Nutzungsszenarien sind geradezu schwindelerregend vielfältig. Denkbar ist beispielsweise der Wecker, der mit seinem morgendlichen Klingeln Kaffeemaschine, die elektrische Jalousie und die Heizung in Betrieb setzt. Oder ein smarter Fußball, dessen integrierter Chip Geschwindigkeit, Drehmoment, Entfernungen und mehr misst. Oder - im größeren Bild - eine Smart City, in der Bewegungsdaten den Verkehr optimieren, öffentliche Parkhäuser ihren Belegungsgrad anzeigen, Sensoren den Grad der Luftverschmutzung transparent machen oder schlicht Mülleimer um Entleerung bitten.

Geht es darum, die industrielle Produktion intelligenter zu machen, kommt der in Deutschland erfundene Begriff "Industrie 4.0" ins Spiel. Ziel ist hier die sich selbst organisierende Produktion, in der Maschinen, Anlagen, Transportfahrzeuge, Produkte und Menschen direkt miteinander kommunizieren, so dass ganz Wertschöpfungsketten optimiert werden. Im Zentrum dieser Entwicklung stehen sogenannte "Cyberphysische Systeme", die Aufgaben autonom erledigen und nur in Ausnahmefällen Aufgaben an eine übergeordnete Instanz verlagern. Vorteile sind kürzere Produktionszeiten, ein höherer Automatisierungsgrad und reduzierte Personalkosten. Außerdem wird es möglich, individueller auf Kundenwünsche einzugehen und in der vielzitierten "Losgröße 1" zu fertigen.

Noch ist es aber nicht so weit. Das Thema Datensicherheit ist nicht gelöst, außerdem bestehen offene Rechtsfragen: Wem gehören in einer vernetzten Fabrik eigentlich die Maschinendaten? Anbieter, Kunde, Betreiber von IoT-Plattformen, Händler und andere Parteien könnten darauf Anspruch erheben. Zudem fehlt es immer noch an Standards und Normen, um die Kommunikation zwischen Maschinen zu ermöglichen. Mit großem Engagement arbeiten derzeit Industriekonzerne, Standardisierungsgremien, Lobbyisten und Politiker daran, bei diesem volkswirtschaftlich wichtigen Thema voranzukommen.

Plattform-Ökonomie

Für die Studie "The Rise of the Platform Enterprise: A Global Survey" , die von Peter Evans und Annabelle Gawer herausgegeben und vom Center for Global Enterprise gesponsert wurde, wurden 176 "Plattform-Unternehmen" weltweit untersucht. Der Marktwert dieser Unternehmen beträgt insgesamt 4,3 Billionen Dollar. Die Studie identifiziert vier Plattformtypen:

"Innovationsplattformen" dienen als technische Grundlage, auf der eine Vielzahl von Entwicklern komplementäre Produkte und Services anbieten. Apples iOS-Betriebssystem oder Googles Android sind populäre Innovationsplattformen, Entwickler schreiben dafür unzählige Apps für eine Vielzahl von Endgeräten. Die Studie identifiziert hier fünf Plattformen: die von Microsoft, Oracle, Intel, SAP und Salesforce.com.

Die Gattung der "Transaktionsplattformen" - 160 der 176 Plattform-Unternehmen zählen in diese Kategorie - erlaubt Menschen und Institutionen mit gleichen Interessen, sich zu finden und ihre Interaktionen und kommerziellen Transaktionen zu organisieren. E-Commerce-Plattformen wie Amazon und Ebay gehören in diese Kategorie, aber auch "On-demand-Plattformen" wie Uber und Airbnb. Diese Vermittlungsdienste haben einen hohen disruptiven Einfluss, sie setzen traditionelle Branchen massiv unter Druck.

Die dritte Kategorie der "Integrationsplattformen" führt Innovations- und Transaktionsplattformen zusammen. Apple und Google etwa betreiben Innovationsplattformen für ihr Entwickler-Ökosystem, die entstehenden Apps sind dann aber über die Transaktionsplattform für die Massen verfügbar. Zu dieser Kategorie gehören ferner die Plattformen von Facebook, Amazon, Alibaba und XiaoMi.

Hinzu kommen "Investitionsplattformen": Unternehmen, die ein ganzes Ökosystem von Plattformfirmen managen. Die Priceline Group ist so ein Beispiel, sie bietet über eine Reihe von Firmen, darunter Booking.com, die Reisesuche Kayak oder den Restaurant-Reservierungsdienst Opentable diverse Services an, die mehr oder weniger mit Reisen, Tourismus und Freizeitgestaltung zu tun haben.

Wie die Studienautoren schreiben, gibt es 176 Plattformfirmen, 82 davon in Asien und allein 64 in China. In den USA sind 63 Plattformen beheimatet, in Europa nur 27, die sich über zehn verschiedene Länder verteilen. Allein die 44 Plattformen, die in der San-Francisco-Bay Area angesiedelt sind, repräsentieren die Hälfte des gesamten Marktwerts von 4,3 Billionen Dollar.

Die Plattform-Ökonomie ist durchaus umstritten, da hier wenige Topunternehmen unkontrolliert weltweite Standards für die digitale Transformation setzen. Traditionsunternehmen, die nicht mitmachen, laufen Gefahr den Anschluss zu verlieren. Deshalb versuchen immer mehr solcher Industriegiganten eigene Plattformen aufzusetzen, oftmals gestützt durch Übernahmen und Partnerschaften. Weltweit ist General Electric ein Beispiel dafür, hierzulande sind Siemens, Bosch, MAN und andere Konzerne dafür bekannt

Eine aktuelle Studie von Roland Berger und IE.F warnt: "Die höchste Gefährdung für das Fair Play in der Internetökonomie und damit für die Realisierung des mit ihr verbundenen Innovationspotenzials geht von Ökosystemen aus - also Kombinationen aus Hardware, Software, Services, Content und Interaktionen von Nutzergruppen, die wie eine Spinne im Zentrum eines Wertschöpfungsnetzes sitzen und Anwendungen und Technologien verschiedener Ebenen nahtlos integrieren." Europaweite wettbewerbsrechtliche Anpassungen werden gefordert, um zu verhindern, dass Google, Facebook und Co. grundlegende digitale Infrastrukturen kontrollieren und sich wie die Kraken in die verschiedenen Märkte ausbreiten können.

Wie das zu verhindern wäre, ist umstritten. So gibt es Vorschläge, Dritte an den Datenpools von Google und Facebook etwa zu Surf- und Einkaufsverhalten von Konsumenten partizipieren zu lassen. Diskutiert wird auch, ob Google, Facebook und Co. für die europäische Wirtschaft nicht - ähnlich wie die großen Banken - als "systemrelevant" einzustufen sind. Man stelle sich etwa vor, dass die Google-Suchmaschine für einen Tag ausfällt oder Apples AppStore nicht erreichbar wäre. Für unzählige Unternehmen wäre der Schaden immens. Wäre das der Fall, könnten für die Gatekeeper neue rechtliche Rahmen gesteckt oder geltende Gesetze anders als bislang zur Anwendung gebracht werden.

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