Künstliche Intelligenz und Arbeitsmarkt

Glaubenskrieg um die Automatisierung von Jobs

08.05.2019
Von Michael Hartmann
Die einen glauben, dass digitale Technologien Personalkosten senken und zugleich die Produktivität steigern, andere dagegen warnen vor den verheerenden Folgen für den Arbeitsmarkt. Welche Risiken und Chancen bietet nun die Vernetzung zwischen Mensch und Maschine?

Seit den 1970er Jahren übernehmen immer mehr Maschinen Jobs von Menschen. In Zukunft könnten mit der digitalen Revolution aber auch humanoide Roboter und Computer die Arbeit in ganzen Branchen übernehmen. Japan ist international schon lange Vorreiter und macht seit längerem erste Erfahrungen damit, dass einzelne Mitarbeiter und ganze Abteilungen durch KI (Künstliche Intelligenz) ersetzt werden.

Sehr gescheit sollen sie sein, die Roboter, und noch gescheiter werden, dennoch beruhigen die Experten: Es wird auch für den Menschen noch genug zu tun geben.
Sehr gescheit sollen sie sein, die Roboter, und noch gescheiter werden, dennoch beruhigen die Experten: Es wird auch für den Menschen noch genug zu tun geben.
Foto: Phonlamai Photo - shutterstock.com

Wie beim japanischen Versicherungskonzern Fukoku, wo 30 Mitarbeiter aus dem Unternehmen entlassen und durch KI ersetzt wurden. Diese liest nun medizinische Berichte von Ärzten und andere Dokumente, aus denen Informationen hervorgehen, und berechnet anhand dessen Auszahlungssummen, die an Kunden gehen. Ein Einzelfall ist Fukoku damit indes nicht. Auch andere japanische Versicherer wie Dai-Ichi Life Insurance oder Nippon Life Insurance setzen bereits solche Programme ein. Doch auch in Deutschland will man in Zukunft mehr auf KI setzen. Anders als bei betrieblichen Maschinen, die im Laufe der 70er Jahre traditionelle Knochenjobs wie die Fließbandarbeit in einer Fabrik überflüssig machten, könnte KI auch Jobs erobern, die kreative und abstrakte Denkprozesse verlangen.

Routinearbeit gehört den Maschinen

Erst letztes Jahr sorgte die Meldung, Zalando ersetze 250 seiner Marketing-Mitarbeiter durch Software, für Aufsehen - im Gegenzug schuf das Unternehmen jedoch 2.000 neue Jobs, viele davon im IT-Bereich. Diese Meldung könnte bald eine unter vielen sein, schenkt man zahlreichen Studien Glauben. Demnach soll weltweit rund die Hälfte aller Jobs durch Maschinen und Software ersetzbar sein - aber gleichzeitig werden ganz neue Stellen schaffen. Treffen die Prognosen in dieser Form zu, wird die Digitalisierung den Arbeitsmarkt so massiv verändern, wie zuletzt die Industrialisierung. Doch kein Grund zur Panik: Eine jährlich durchgeführte Studie der Unternehmensberatung McKinsey sagt den Prognosen zum Trotz voraus, dass lediglich fünf Prozent aller Berufe vollständig durch die Digitalisierung verschwinden werden.

Dennoch könne man gerade physische Routinearbeiten, wie sie im industriellen Umfeld häufig anfallen, sehr gut in Algorithmen übertragen. Auf dieser Grundlage könnten etwa 60 Prozent aller Tätigkeiten in der herstellenden Industrie substituierbar sein. Auch andere Branchen trifft es hart. In der Nahrungsmittel- und Hotelbranche könnten gewaltige 75 Prozent und im Einzelhandel über 50 Prozent der Arbeitszeit durch den Einsatz von Software und Maschinen eingespart werden.

Ob und inwieweit Tätigkeiten zukünftig automatisiert werden, hängt wie so oft vom Kosten-Nutzen-Faktor ab. Ein Beispiel: Die Tätigkeit eines Buchhalters kann relativ einfach und günstig in einen Algorithmus übersetzt und von einem gewöhnlichen Computer mit recht geringer Rechenkapazität ausgeführt werden. Ein einfacher Koch ist hingegen sehr viel schwieriger maschinell zu ersetzen. Denn man stelle sich eine Maschine vor, die Fleisch brät, Gerichte zubereitet und zugleich den Ablauf in der Küche organisiert. Technisch stünde der Konstruktion eines solchen Automaten sicherlich nichts im Wege, doch da die Gehälter in der Systemgastronomie ohnehin nicht sonderlich hoch sind, ist fraglich, inwieweit es lohnenswert wäre, sich diese Mühe zu machen. Deshalb gehen Experten davon aus, dass in Zukunft verhältnismäßig mehr Routinetätigkeiten automatisiert werden, die mit Datenverarbeitung und Erhebung zu tun haben. Es könnte also insbesondere Bürokräfte wie Sachbearbeiter in der Versicherungs- und Finanzbranche treffen. Je nach Tätigkeit könnte die Zahl sogar noch höher ausfallen, denn manche Experten warnen sogar vor dem Wegfall zwei Drittel aller Jobs im Bankgewerbe.

Kreative und soziale Skills werden wichtiger

Überraschenderweise sind Fachkraftberufe ebenso betroffen wie Helferberufe. Dies führen die Studienverantwortlichen darauf zurück, dass Helfer in einigen Branchen insbesondere Nicht-Routine-Tätigkeiten erledigen. Spezialisten und Expertenberufe sind wie erwartet relativ schwer maschinell ersetzbar. Die größte Substituierbarkeit berechnen die Experten mit 70 Prozent für Tätigkeiten im Bereich der industriellen Fertigung. Die niedrigste mit unter 10 Prozent für soziale und kulturelle Dienstleistungsberufe. Das erscheint logisch, denn Robo-Erzieher oder Robo-Lehrer sind kaum vorstellbar. Auch hier geht die Prognose eher in die Richtung, dass weniger Berufe gänzlich verschwinden, sondern sich vielmehr verändern werden. Um diesen Veränderungen gewachsen zu sein, kommt der Weiterbildung und dem flexiblen Umgang mit Soft- und Hardware von klein auf besondere Bedeutung zu. Denn nur auf diese Weise kann der Mensch mit den technischen Entwicklungen Schritt halten. Deshalb werden kreative und soziale Skills für den Menschen in Zukunft immer wichtiger werden, um auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen.

Doch die Automatisierung von Routinearbeit hat nicht nur schlechte Seiten, denn die Mitarbeiter haben so mehr Zeit für interessantere und komplexere Aufgaben. Außerdem können Fehlerquoten durch den Einsatz von Computern gesenkt und die Performance vieler Branchen über die menschlichen Fähigkeiten hinaus erhöht werden. Das könnte in der Folge zu einem Anstieg des globalen Wachstums führen. Es ist zudem nicht sicher, wann die technischen Vorrausetzungen für die Automation bis in alle Branchen vorgedrungen sind. Sicher ist lediglich, dass viele Aufgaben aus dem Verantwortungsbereich der Menschen hinein in die von Computern und Maschinen fallen werden. Dadurch werden sicherlich einige Teilgebiete wegfallen, aber auch andere entstehen. Doch es ist ebenso sicher, dass nicht alle Aufgaben von Computern übernommen werden können. Tätigkeiten für die Flexibilität, emotionale Intelligenz, Kundenkontakt, Führungskompetenz und Urteilsvermögen werden nach heutigem Forschungsstand auch in Zukunft in der Hand des Menschen bleiben.

Die Kommunikation der Zukunft verläuft virtuell

Vor allem darf nicht übersehen werden, dass die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz nur eine der vielen Facetten der Digitalisierung darstellt. Diese Transformation bedeutet aber auch, dass die Vernetzung zwischen den Menschen immer weiter zunimmt. Das sogenannte global village wäre ohne die Cloud gar nicht erst möglich. Wichtig ist bei der fortschreitenden Vernetzung, der globalen Kommunikation und der dadurch umfangreichen Datenauswertung nicht die Angst vor irgendeinem Roboter, der sie ersetzen will - sondern der Schutz der eigenen Daten. Halten wir fest, dass der weltweite Datentransfer 2005 von 130 Exabytes bis nächstes Jahr auf 40.000 Exabytes anwachsen wird. Nicht Angst vor dem Jobverlust, sondern Compliance sollte ganz oben auf der Agenda stehen, wenn es um die Risiken der Digitalisierung geht. Denn der natürlich nachwachsende Rohstoff der KI sind nun mal die Daten - teilweise auch Ihre Daten. Wer sich also von den Algorithmen und intelligenten Maschinen bedroht fühlt, sollte nicht den digitalen Wandel aufhalten, sondern ihn mitgestalten und zum Regisseur der Datenverwaltung avancieren. Dafür bedarf es aber einer entsprechenden Netzwerkinfrastruktur und hoher Bandbreite, damit die Daten mit exakter Geschwindigkeit ausgelesen werden können, um auf deren Grundlagen Entscheidungen zu treffen. Schließlich sprechen wir bereits jetzt schon die Sprache der Roboter oder besser gesagt: Wir kommunizieren über ihre Kanäle, denn die Kommunikation der Zukunft verläuft virtuell.

Es wird zu einem Wandel in der Arbeitswelt kommen, bei dem es Gewinner und Verlierer geben wird. Aber diesen Wandel hat es schon immer gegeben; besonders seit dem Beginn der Industrialisierung. Unser Planet ist schließlich kein Karussell, dass man nach Belieben einfach anhalten kann, sondern es dreht sich stetig weiter und weiter. Wie wir mit den Algorithmen und intelligenten Maschinen umgehen, hängt demnach vom Grad der Vernetzung ab und wie weit wir uns von ihnen abhängig machen wollen. Ein Szenario wie in Filmen a la "Matrix", wo alle Menschen mit ihrem Gehirn an eine Cloud angeschlossen sind, wird es so nicht geben. Zumindest wird uns die KI nicht in solch eine Welt zwingen können, sondern wir entscheiden uns freiwillig für den Weg.

*Michael Hartmann ist Senior Vice President DACH & CEE bei GTT Communications.