Gendersprache

Gendern - mal anders

Kommentar  20.01.2022
Von 
Beate Wöhe leitet als Director Experts Network das IDG Experten-Netzwerk für alle Online-Portale der IDG Tech Media GmbH. Sie hat diese Position nach über zehnjähriger Tätigkeit als Redakteurin und leitende Redakteurin des IDG-Titels ChannelPartner im Juli 2014 übernommen. Ihr obliegt die Betreuung der Experten sowie der weitere Ausbau der Community.
Gendersprache - eine wahre Geschichte. Lassen Sie sich überraschen.
Gendersprache: Die Qual der Wahl.
Gendersprache: Die Qual der Wahl.

Liebe Leserys,

gestern flatterte mir die Pressemitteilung eines großen Softwareherstellers ins elektronische Postfach. Der Text enthielt mehrere teilweise bis zu drei, durch einen Doppelpunkt getrennte, genderkonforme Substantive pro Satz. Das führte dazu, dass ich die Kernaussage vieler Sätze erst beim dritten Mal Lesen erkennen konnte. Und das ist nun mal die Grundvoraussetzung, um aus einer Pressemitteilung einen Artikel zu machen.

Noch am selben Abend fand ich durch Zufall in der ZDF Mediathek einen Beitrag von Jasmina Neudecker von Terra Xplore, in dem sie sich mit gendergerechter Sprache auseinandersetzt. Für Journalistys, die Menschen erreichen möchten, ist genderneutrale Sprache durchaus ein Thema.

Gendersprache hat viele Gesichter

Aber auch in der Gesellschaft existieren unterschiedliche Meinungen. Dass es bisher keine klaren Regeln dazu gibt, macht das Ganze nicht einfacher:

  • Gendern durch geschlechtsneutrale Formulierung: Lesende

  • Gendern durch die Paarform: Leserinnen und Leser

  • Gendern durch Schrägstrich: Leser/in

  • Gendern durch Doppelpunkt: Leser:in

  • Gendern durch Punkt: Leser.in

  • Gendern durch Ausrufezeichen: Leser!in

  • Gendern durch Genderstern: Leser*in

  • Gendern durch Unterstrich: Leser_in

  • Gendern durch Binnen-I: LeserIn

(keine Garantie auf Vollständigkeit)

Gegenderte Sprache ist nichts Neues

Auf der Suche nach neuen, vielleicht einfacheren Lösungsvorschlägen für das Gendern, führte Neudecker der Weg zu Thomas Kronschläger. Er ist Literaturdidaktiky an der TU Braunschweig und kennt natürlich auch all die Meldungen der vergangenen Wochen, die sich mit Vorgaben zur gendergerechten Sprache in Universitätsprüfungen beschäftigten. Kronschläger präsentierte in der Sendung einen Vorschlag - der nicht ganz neu ist. Er lehnt sich an das "Entgendern" von Hermes Phettberg, der es bereits 1992 in seinen Kolumnen in der Wiener Stadtzeitung eingeführt hat.

Die Regeln:

  • Im grammatikalischen Geschlecht gibt es kein "Der" und "Die". Es wird immer das sachliche "Das" verwendet.

  • Im Singular wird dem Wortstamm ein "y" angehängt.

  • Im Plural wird dem Wortstamm ein "ys" angehängt.

Das Ergebnis einer solchen Schreibweise finden Sie in diesem Text. Kronschlägers Idee ist eigentlich (in den meisten Fällen) ziemlich einfach umzusetzen. Aber ist diese Form des Genderns auch sprachlich angenehm und straßentauglich? Das wollte auch das ZDF-Reportery Neudecker wissen und hat dazu Passantys in einer Fußgängerzone befragt. Männer und Frauen wurden gebeten, unterschiedliche nach der Phettberg-Methode gegenderte Texte laut vorzulesen und ihre Meinung dazu zu sagen. Die Meinungen der überraschten Passantys fielen unterschiedlich aus. Neudeckers Beitrag ist sehenswert, da sie das schwierige Thema Gendern neutral betrachtet und das häufig in dieser Frage zu beobachtende Polemisieren vermeidet. (bw)