Gameboys in Nadelstreifen

03.08.2005
Von Constantin Gillies 
"Projektleiter gesucht. Voraussetzungen: Teamfähigkeit, gute Englischkenntnisse, Zauberkraft- Level 66 im Online-Spiel ,Everquest’." Sieht so in Zukunft eine Stellenanzeige aus?

Gehört neben der Diplomnote bald auch der persönliche Rekord bei populären Computerspielen in den Lebenslauf? Völlig abwegig ist die Idee nicht. Denn Gameboy, Playstation & Co. sind die optimale Vorbereitung auf das Berufsleben. Das zumindest behauptet John Beck, amerikanischer Universitätsprofessor und Unternehmensberater. Zusammen mit seinem Kollegen Mitchell Wade hat er 2500 Angestellte befragt, Spieler und Nicht-Spieler. Das erstaunliche Ergebnis: Die Playstation-Fraktion tickt wirklich anders - und hat im Berufsleben die Nase vorn. Für Beck steht fest: "Die Business-Welt muss den speziellen Wert dieser Generation nutzen!"

Das Credo der Gamer-Generation

• Gewinnen ist alles. Wettbewerb ist ein Naturgesetz.

• Wandel prägt die Welt.

• Nur Experten kommen weiter.

• Misserfolg ist keine Schande. Es gibt immer einen zweiten Versuch.

• Jedes Problem kann mit genug Übung gemeistert werden.

• Denke global. Nicht Nationalität, sondern gemeinsame Interessen verbinden.

• Misstraue Hierarchien. Echte Autorität erwächst daraus, ein Experte zu sein.

• Versuch und Irrtum ist der beste Weg zum Lernen. Nur Verlierer lesen Handbücher.

Hier lesen Sie …

• was Computerspieler fürs Leben lernen - und was nicht;

• was sie von Gebrauchsanweisungen halten;

• worauf sich Personaler einzustellen haben, wenn sie solche Mitarbeiter rekrutieren.

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*44283: Gewalt in Videospielen;

*46292: Deutsche lieben Online-Spiele;

*49076: Konsolenpreiskampf.

Beck hat seine Erkenntnisse in Buchform gebracht. "Got Game" lautet der Titel der Handreichung, die in den USA schon viele Käufer gefunden hat. "Das sind vor allem Eltern, die hören wollen, dass aus ihren Kindern doch etwas wird", lacht Beck, der vor drei Jahren mit dem Buch "The Attention Economy" einen Bestseller gelandet hatte. Diesmal hat der Organisationswissenschaftler mit Harvard-Doktortitel die Computerspiel-Kids unter die Lupe genommen. In seinem Buch erklärt er Managern, die noch mit Matchbox-Autos aufgewachsen sind, das Wertesystem der Gamer- Generation.

Und dieser Kanon klingt zunächst recht simpel: "Das ganze Leben ist ein Wettbewerb. Lerne durch Ausprobieren. Irgendwann schaffst du den Level. Du bist der Held." Diese Überzeugungen haben Beck und Wade Autoren aus ihrer Studie herausdestilliert. Der Aussage "Gewinnen ist alles" zum Beispiel stimmten Gamer um rund zwölf Prozent häufiger zu als ihre Kollegen, die nicht mit dem Joystick in der Hand geboren wurden.

Allerdings ist diese Zielstrebigkeit auf den ersten Blick kaum erkennbar. "Auf Baby-Boomer wirkt die Computerspiel-Generation oft unkonzentriert und ziellos - doch das ist sie nicht", betont Beck. Denn hinter der Fassade des hyperaktiven Handy-Telefonierers, Internet-Junkies und Herumspielers versteckt sich ein großes Potenzial. Und das kann nur auf einem Weg erschlossen werden: Auch das Berufsleben muss zum Spiel werden. "Setzen Sie Gamer in eine Wettbewerbssituation, und Sie werden überrascht sein", rät Beck, der an Universitäten in Nordamerika, Kanada und Japan lehrt.

Er selbst gehört mit seinen 43 Jahren definitiv nicht zur Gamer-Generation - obwohl er angibt, schon seit dem ersten Videospiel "Pong" vom Bildschirmsport fasziniert gewesen zu sein. "Während meiner Collegezeit bin ich süchtig nach Computerspielen gewesen", erinnert sich der Autor. Heute greift der zweifache Familienvater nur noch zur Playstation, um für seine Kinder den Sparringspartner zu geben.

Nun mangelte es in den letzten Jahren nicht an Literatur, die irgendwelche Generationen ausrief. Warum sollten gerade Computerspiele die entscheidende Prägung sein und nicht - wie Autoren in den 90er Jahren vermuteten - das Internet? "Die Kids verbringen viel mehr Zeit mit Spielen, vor allem in jungen Jahren, wenn die neuronalen Pfade in ihrem Hirn gebildet werden", erklärt Organisationsforscher Beck.

Für seine Theorie spricht, dass Computerspiele heute tatsächlich ein Massenphänomen sind: Rund ein Drittel aller Einwohner über 14 Jahren hat im letzten halben Jahr ein Computerspiel gekauft, so eine Studie von TNS Emnid aus Deutschland. Reiner Kinderkram sind Konsolen ebenfalls nicht mehr: 38 Prozent der Bildschirmsportler haben die 35 schon überschritten. Frauen stellen mittlerweile ein Drittel der Joystick-Akrobaten.

Wie sieht das Psychogramm eines typischen Computerspielers aus? Fest steht: Das Vorurteil vom ziellosen Zappelphilipp stimmt nicht. "Gamer gehen sehr leidenschaftlich und konzentriert ihrer Arbeit nach - wenn man sie als Experte in ihrem Feld akzeptiert", so Beck. Außerdem punkten die Zocker mit hoher Ausdauer - schließlich bestehen auch Computerspiele aus einer schier endlosen Folge von Frustration und Neuanläufen.

Diese Vorzüge entfaltet der Gamer in der Realität allerdings nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen: "Sorgen Sie für klare, eindeutige Regeln; alles muss auf den Erfolg ausgerichtet sein, auch das Gehalt", empfiehlt Beck. Hier sollte sich das Geschäftsleben an einer LAN-Party orientieren: Der Gamer strebt nach dem Highscore; wenn er ihn erreicht, dürfen das ruhig auch alle sehen und hören. Gesellschaftliche Anerkennung sei auch für Gameboys und -girls wichtig. "Die meisten Computerspiele werden im Familienkreis gespielt", betont Beck.

Sobald ein Spielszenario auftaucht, geben Joystick-Akrobaten richtig Gas. Diese Regel gilt auch in puncto Weiterbildung: Kommunikative Einbahnstraßen wie Vorlesungen und Lehrbücher sind den Computerspiel-Kids ein Graus. Nicht umsonst heißt der schlimmste Fluch in ihren Internet-Foren "RTFM". Das steht für "Read the fucking manual!" also "Lies die verdammte Gebrauchsanleitung!" Will sagen: Ein echter Gamer wurstelt sich per Versuch und Irrtum durch. Nur Verlierer brauchen Erklärungen aus einem Buch. Genau diesen Anspruch hat die Gamer-Generation auch an die betriebliche Weiterbildung: "Machen Sie einen Wettbewerb daraus", rät Beck, "Sie werden sich wundern, wie viel mehr Sie in zwei Stunden vor dem Bildschirm erreichen als in zwei Tagen Vorträgen." Er prognostiziert, dass Unternehmen es im eigenen Interesse gutheißen werden, wenn ihre Mitarbeiter sich strategischen PC-Spielen hingeben.

Natürlich sind Videospieler keine Übermenschen. Beck und Wade haben in ihrer Umfrage auch bedenkliche Tendenzen entdeckt. So warnen sie davor, dass das Aufwachsen in der holzschnittartigen Virtualität denkbar schlecht auf das komplexe Sozialgefüge eines Unternehmens vorbereitet.

Einen gewissen "Machiavellismus im Umgang mit Kollegen" hätten sie beobachtet, berichtet Beck. Die Gameboys isolieren sich zwar nicht; doch wenn es ans Entscheiden geht, fallen sie in die Rolle des einsamen Bildschirmhelden zurück. "Ich entscheide am liebsten allein" - dieser Aussage stimmten Gamer deutlich häufiger zu als ihre nichtspielenden Kollegen. Ein wenig scheint es, als verständen die Computerspieler ihr Berufsleben als nicht enden wollenden Egoshooter, in dem der Spieler stundenlang auf alles ballern kann, was sich bewegt.

Doch für den Organisationswissenschaftler Beck überwiegen die positiven Seiten. Sollten Computerspiele auf dem Lehrplan von Schulen stehen? Beck lacht: "So weit würde ich nicht gehen. Aber die Kinder lernen beim Computerspielen wichtige Fähigkeiten, ohne die sie in Zukunft aufgeschmissen sind." Das sage er auch immer den besorgten Eltern: "Es ist nicht alles schlecht."

Die Theorie vom erfolgreichen Gameboy (und -girl) in Nadelstreifen an konkreten Beispielen zu belegen, ist indes nicht leicht. Auf die Frage nach Computerspielern im Management winken die meisten Unternehmen ab. "So etwas steht bei uns nicht in der Personalakte", witzelt ein Firmensprecher. Einzig das Internet-Auktionshaus Ebay bekennt sich zu Bildschirmsportlern in Führungspositionen.

Schnell und anpassungsfähig

Personalexperten bestätigen indes Becks Einschätzung der Gamer-Generation: "Berufseinsteiger von heute können sich sehr schnell auf neue Situationen einstellen; das ist nicht zuletzt eine Folge der Zapping-Kultur", meint etwa Edmund Mastiaux vom Zentrum für Management- und Per- sonalberatung (ZfM), Bonn. Der Personalberater muss es wissen: Seine Fir-

ma veranstaltet im Auftrag großer Unternehmen Assessment Center. Dabei erlebt Mastiaux tagtäglich, wie sich der Arbeitsstil der jungen Generation ändert. "Die Bewerber sind leistungsorientierter geworden, gehen aber vieles auch spielerischer an." Freilich hat diese Experimentierfreude auch eine negative Seite. "Kandidaten informieren sich oft nur oberflächlich - etwa über einen potenziellen Arbeitgeber", beobachtet Mastiaux, "sie verlassen sich zu stark auf ihr Improvisationstalent."

Geteiltes Echo unter den Spielern

Wie aber beurteilen die Computer-spieler selbst Becks Studie? Als das Buch unlängst im Internet-Forum Slashdot besprochen wurde, war das Echo geteilt. Einige Surfer fanden sich in der Charakterisierung wieder, einer gab sogar zu, beim Videospielen das Lesen gelernt zu haben. Insgesamt glauben die Computerspieler allerdings, dass Beck ihre Fähigkeiten überschätzt. Ein Gamer mit dem Spitznamen dmauro fasste es selbstironisch so zusammen: "Ich setze meine erhöhte Problemlösungskompetenz vor allem dazu ein, neue Wege zu finden, bei der Arbeit zu spielen."

John Beck, Mitchell Wade: "Got Game", 224 Seiten, Harvard Business School Press, Oktober 2004, derzeit nur auf Englisch verfügbar. (hk)