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Frisiert IBM seine Bilanzen?

24.11.1999

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Einige Marktspezialisten und Analysten haben die von IBM ausgewiesene Neun-Monats-Bilanz heftig kritisiert. Das berichtete die amerikanische Zeitung "Wall Street Journal". Auf den ersten Blick erscheine das Ergebnis äußerst positiv: IBM hatte für die ersten drei Quartale des laufenden Geschäftsjahres mit 63,4 Milliarden Dollar ein Umsatzwachstum von zwölf Prozent und mit 8,9 Milliarden Dollar eine Steigerung des operativen Gewinns um 53 Prozent gemeldet. Stutzig machte die Analysten, daß die operativen Kosten um eine Milliarde Dollar gefallen sein sollen. Bei näherem Hinsehen entdeckten die Kritiker den Grund: IBM hatte die einmaligen Einkünfte in Höhe von vier Milliarden Dollar aus dem Verkauf seiner Einheit Global Network an AT&T im zweiten und dritten Quartal in der Bilanzspalte "SG&A" (Selling, General and Administrative Expenses) für allgemeine und

administrative Kosten verbucht. Auf gut Deutsch heißt das: Die Kosten wurden gesenkt, das operative Einkommen angehoben.

Nun hagelt es von allen Seiten Kritik für IBMs unorthodoxe Bilanzierungsmethode. Ein Analyst bemängelte, daß diese verzerrte Darstellung der operativen Kosten es den Investoren erschwere, die wahre Leistung des Unternehmens abzuschätzen. Und diese werde nach wie vor am operativen Ergebnis gemessen. Der amerikanische Buchhaltungs-Wachhund Howard Schilit, der eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft leitet, befürchtet, daß die Investoren künftig den IBM-Bilanzen nicht mehr trauen werden. Eigentlich habe das Unternehmen in den ersten drei Quartalen ein operatives Einkommen von 6,5 Milliarden Dollar erwirtschaftet, statt der ausgewiesenen 8,9 Milliarden Dollar, erläuterte Schilit. Ein IBM-Sprecher wollte zu dieser Analyse nicht Stellung nehmen, erklärte jedoch, daß das Unternehmen einmalige Einkünfte seit 1994 unter den allgemeinen Ausgaben abbuche. Paul Kepple, ein Sprecher der Börsenaufsichtsbehörde SEC (Securities and Exchange

Commission), meinte nüchtern dazu, Firmen sollten ihre einmaligen Einkünfte in der dafür vorgesehenen Bilanzspalte "Non-operating Income" eintragen. Diese befinde sich unterhalb der Zeile für das operative Einkommen.