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Forrester prophezeit den Tod der IT(-Abteilung)

04.02.2000
Statt dessen "exT": Prozess-Management und externe Dienstleister

MÜNCHEN (tc) - Die US-Marktforscher von Forrester Research rücken in ihrer Studie "The Death of IT" dem Paradigmenwechsel auf den Pelz, den der allgegenwärtige Trend zum elektronischen Geschäft für die organisatorischen Strukturen in Unternehmen mit sich bringt. Die Kernaussage der Auguren: Das E-Business macht die DV-Abteilungen in ihrer heutigen Form überflüssig. An ihre Stelle treten (geschäfts-)prozessorientierte Teams und externe Dienstleister.

E-Business verändert die Gegebenheiten

Die Crux der derzeitigen Entwicklung ist laut Forrester, dass die Bedürfnisse des E-Business eine Lücke im Technik-Management aufreißen, die die heutige IT nicht mehr schließen kann. Die Geschäftsprozesse sind zu dynamisch und erfordern zu rasche Anpassungen und Veränderungen. Einen Geschäftsprozess - etwa Beschaffungswesen oder Kundendienst - definieren die Auguren dabei als "Interaktion zwischen menschlichen, physikalischen und Informations-Ressourcen, die bestimmte Geschäftsziele erfüllen".

Mit dem Aufkommen von E-Business-Netzen verknüpfen Unternehmen ihre Geschäftsprozesse in Echtzeit über das Netz. Ein stetig wechselnder Mix aus Kunden und Handelspartnern muss in der Lage sein, seine jeweiligen Systeme untereinander abzufragen und wechselseitige Transaktionen durchzuführen. Gleichzeitig stammen die eingesetzten Applikationen aus immer mehr Quellen. In komplexen, heterogenen Umgebungen müssen die Anwender Standardsoftware, Entwicklungen aus dem eigenen Hause und das Angebot externer Dienstleister unter einen Hut bringen.

Die heutige IT kann nicht mehr mithalten

Die daraus resultierenden Anforderungen an die Informationstechnik im Unternehmen dürften die meisten DV-Leiter keineswegs überraschen. Seit Jahren werde darüber diskutiert, wie Software stärker komponentisiert werden könne, inwieweit Anwender Kontrolle über ihre Programme haben sollten oder welche Sicherheitsvorkehrungen Einzug halten müssten. Dennoch stoße das heutige Technik-Management aus mehreren Gründen an unüberwindbare Grenzen:

Schwer zu implementierende unternehmensweite Standards führen zu schwerfälligem Austausch von EDI-Messages, Datentransfers und Reports zwischen Back-Office-Systemen. Allzweckprotokolle wie EDIFACT können spezielle Anforderungen nicht erfüllen.

Der unternehmensweite Einsatz einer betriebswirtschaftlichen Standardsoftware wie R/3 von SAP bringt zwar intern Konsistenz, unterstützt aber keineswegs die Anbindung von Partnern an Prozesse, die über die Unternehmensgrenzen hinausreichen.

Das Bemühen der IT, Abläufe über gewachsene Strukturen hinweg zu automatisieren, wird dadurch konterkariert, dass in vielen Fällen Geschäftsanforderungen nicht genügend berücksichtigt werden können, weil die Anwendungsfunktionalität die Prozesse diktiert.

Folge: Die heutige IT wird verschwinden

Forrester geht deshalb davon aus, dass das "organisatorische Konstrukt", das wir heute mit IT bezeichnen, in der Welt der E-Business-Netze nicht überleben wird. Die "Eigentümer der Prozesse" werden statt dessen die Zügel unternehmensweiter und -übergreifender Aktivitäten in die Hand nehmen und dabei bis dato isolierte "Stand-alone"-Organisationen - man kann auch von internen Dienstleistern sprechen, um die es sich etwa bei Call Centern oder der IT-Abteilung handelt - integrieren. Die bisherigen IT-Universalisten werden zwischen wettstreitenden Prioritäten und Budgets aufgerieben, weil sie die individuellen Bedürfnisse der Prozesseigner nach Beweglichkeit und Fokussierung nicht erfüllen können.

Auch in anderen Bereichen könne die IT eines einzelnen Unternehmens in den Zeiten von E-Business nicht länger mithalten, so Forrester. Die Komplexität und die raschen Veränderungen innerhalb der E-Business-Netze erfordern hohe Skalierbarkeit, um plötzlich steigende Nachfrage abzudecken, eine hohe Zuverlässigkeit, um 24x7-Erreichbarkeit sicher zu stellen, eine "Allgegenwart", um alle Segmente potentieller Märkte abzudecken sowie eine hohe Geschwindigkeit bei der Anpassung von Anwendungen an veränderte Marktbedingungen. IT-Teams könnten dies nicht alles allein stemmen, so dass Firmen sich nach externer Hilfestellung umsehen müssen.

Fazit: E-Business ist der Sargnagel der IT

Weil die Geschäftsprozesse im E-Business die Hauptrolle spielen, muss auch das unterstützende Technik-Management laut Forrester in die Verantwortung der Prozesseigner übergehen - und zwar innerhalb und außerhalb eines Unternehmens. Die resultierende IT-Umgebung haben die Auguren "exT" (External Technology) getauft. Sie soll interne wie externe Bestandteile unterstützen und dabei Technik sowohl von Geschäftsprozess-Teams wie von externen Dienstleistern nutzen. Wörtlich definiert Forrester exT als "Technik und Dienstleistungen sowie deren Management, die ein Netzwerk von Kunden, Geschäftspartnern und Zulieferern unterstützen".

exT meint dabei ganz ausdrücklich nicht den Wechsel von einer zentralen zu einer dezentralen IT - laut Forrester wird es keine exT-Organisation geben, die die heutige IT ersetzt. Statt dessen verlagern sich Aktivitäten, Aktiva und Personal auf zwei Bereiche:

Interne Prozessteams mischen Geschäft und Technik-Management. Gruppen, die beispielsweise die Wertschöpfungskette oder die Kundenbetreuung verwalten, übernehmen gleichzeitig die Verantwortung für die Entwicklung und Pflege der Technik, die sie für ihre Zwecke benötigen.

Externe Dienstleister stellen die Verbindungen innerhalb der E-Business-Netze sicher. ISPs (Internet-Service-Provider), ASPs (Application-Service-Provider), Web-Hoster, Berater, Outsourcer und Online-Marktplätze verbinden die Systeme von Unternehmen miteinander und führen Prozesse in den so entstehenden Netzen aus.

Auch die Besitzverhältnisse ändern sich

Um Kapital freizusetzen, dass bisher in Aktiva gebunden ist, die nicht direkt zum Erfolg des Unternehmens beitragen, werden die internen Prozessteams nur noch die Lizenzen für die Anwendungen besitzen, mit denen sie arbeiten (es sei denn, sie mieten diese von ASPs).

Die restliche technische Infrastruktur - von Rechnern über Netzwerke und Middleware - und die für horizontale, also firmen- und branchenübergreifende Funktionen nötigen Leute und Anwendungen gehören laut Forrester künftig den exT-Dienstleistern. Eine Ausnahme stellen "Vorreiter-Anwender" dar, die weiterhin ihre eigenen Systeme kaufen werden, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.

In der Folge werden Hard- und Softwareanbieter nach Ansicht von Forrester einen Großteil ihrer bisherigen direkten Kundenbeziehungen aufgeben und sich nur noch direkt an die exT-Service-Provider wenden.

Zu guter Letzt gibt Forrester allen Unternehmen noch einen Leitfaden an die Hand, wie der beschworene Wechsel zu bewältigen ist, wenn alle an einem Strang ziehen. Hier die Anleitung der Auguren für alle, die es probieren wollen:

Eine Anleitung zum Handeln

Jedem Mitglied des Managements kommt beim Wechsel auf eine exT-Umgebung eine individuelle Aufgabe zu:

CIO: Er muss in Zusammenarbeit mit seinen sonstigen Vorstandskollegen die spezifischen exT-Aufgaben im Kontext der strategischen Initiativen planen. Dazu gehören der zeitliche Rahmen, die Definition wichtiger Zwischenziele ("Meilensteine"), Messverfahren und die Zuordnung von Personalressourcen beim Umstieg auf exT. Die tatsächliche Aufteilung des Technik-Managements erfolgt im Zuge gemeinsamer Anstrengungen von IT- und Fachabteilungen, wobei letztere die Richtung bestimmen.

CEO: Einem Chef obliegt es zuvorderst, die Wichtigkeit von exT überall im Unternehmen herauszustellen. Gerade in großen Unternehmen braucht der "Tod der IT" die Führung des Bosses. CEOs müssen 1.) dem Vorstand den Wechsel der Technik-Aktiva verkaufen, 2.) das mittlere Management von einer prozessbasierten Organisation überzeugen und 3.) sicherstellen, dass der CIO die IT auch wirklich loslässt. Man kann den DV-Chef entweder mit anderen Aufgaben betrauen – Prozess-Verwalter, COO – oder schlicht ganz abschaffen.

Presidents und COOs: Das restliche Top-Management als "Besitzer" der eigentlichen Geschäftsprozesse sollte den Rollenwechsel beim Technik-Management leisten – inklusive der Aufgaben, die man nach außen vergibt. Dies erfordert eine enge Zusammenarbeit mit dem CIO bei der Planung und der Verteilung der technikbezogenen Verantwortung auf die Prozesseigentümer.

CFO: Auf den Finanzchef kommt einiges zu – Anlagegüter und Mitarbeiter verlagern sich, Profit-Center werden restrukturiert - herkömmliche Maßstäbe wie "Return on assets" werden dadurch irrelevant. Der CFO sollte sich deswegen bemühen, handlungsorientierte Bewertungsverfahren zu etablieren, um die wirklichen Kosten zu ermitteln, und eine sinnvolle Vergleichsbasis zur heutigen Struktur ansetzen - IT inklusive. So erhält er die Informationen, anhand derer sich die Leistung der neuen Prozessstrukturen und des exT-Technik-Managements bewerten lassen.