Interview

Finanzkrise - hat die IT versagt?

15.07.2009
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.

Analyseverfahren haben ihre Schwächen

Bringen Simulations- und Analysetools kein Licht ins Dunkel?

Balgheim: Die Analyseverfahren haben ihre Schwächen. Sie sind genauso wie die Risikobewertungs-Tools so strukturiert, dass sie die Risiken auf der Basis von Daten aus der Vergangenheit simulieren. Man nimmt historische Extremschwankungen und überträgt sie auf die Zukunft. Dabei hat man letztendlich die Vernetzung außer Acht gelassen. Früher sind Wirtschafts- und Finanzkrisen um die Welt gewandert. Die Erfahrung lehrte: Es beginnt in Amerika, wandert über Europa nach Asien - und in Amerika erholt sich’s wieder. Die Globalisierung erschien als Ausweg aus dieser Situation, durch internationale Verlagerung der Geschäfte ließ sich das Risiko senken. Jetzt ist das anders: Innerhalb weniger Wochen oder Monate erfasste die Krise den gesamten Erdball.

Wie exakt können Unternehmen denn heute ihre Risiken bewerten?

Balgheim: Da fällt eine pauschale Aussage schwer. Man kann aber beobachten, dass heute Analyse und Simulation noch immer Back-office-Tätigkeiten sind, relativ entkoppelt von der eigentlichen operativen Entscheidungsfindung. Man hat eine strategische Controlling-Abteilung und ein strategisches Risk-Management, das Simulationen vornimmt. Ich glaube, dass das heutige Management diese Tools und Simulationen durchaus zur Entscheidungsfindung verwendet - der eine mehr und der andere weniger.

Es gelingt aber noch immer nicht, Simulation und Analyse in die operative Entscheidung hineinzubringen. Man redet ja schon seit einiger Zeit von Embedded Analytics und diesen Themen. Es ist relativ transparent geworden, dass wir damit in den Unternehmen noch nicht weit sind.

Erwarten Sie, dass sich das jetzt entwickelt?

Balgheim: Ich sehe drei Trends. Wir werden eine stärkere Regulierung bekommen, wobei nicht nur Entscheidungen der Vergangenheit, sondern auch aktuelles, proaktives Handeln beurteilt wird. Bisher sind die Regulierungsmechanismen Analysen gewesen, die auf statistischen Daten aus der Vergangenheit beruhten. Die neuen Regelungen gehen in eine andere Richtung: Wie muss sich das Management verhalten? Was liegt in seiner Verantwortung? Wie muss ein Unternehmen organisiert sein? Der Trend bei den Banken geht mit MIFiD und teilweise auch mit Basel 2 in diese Richtung. Er wird sich verstärken.

Der zweite Punkt: Embedded Analytics werden zunehmend verwendet. Das wird geschehen müssen, denn im Rahmen der zunehmenden Regulierung wird von Managern erwartet, dass sie nachträglich belegen können, welche Entscheidungen sie wann und warum getroffen haben. Sie müssen nachweisen, dass sie alle wichtigen Implikationen berücksichtigt haben.