MWC 2018: Accenture-Studie zur digitalen Disruption

Fast zwei Drittel aller Konzerne sind von Disruption betroffen

Jürgen Hill ist Teamleiter Technologie. Thematisch ist der studierte Diplom-Journalist und Informatiker im Bereich Communications mit all seinen Facetten zuhause. 
Neue Technologien wie sie auf dem MWC zu sehen sind und neue Wettbewerber setzen etablierte Anbieter aller Branchen immer stärker unter Druck. Fast zwei Drittel der großen Unternehmen (63 Prozent) sind heute bereits von Disruption betroffen, so der Disruptability Index von Accenture, der auf dem Mobile World Congress erstmals vorgestellt wurde.
Auf dem MWC präsentierte Mike Sutcliff, Group CEO Accenture Digital, erstmals den Disruption Index des Unternehmens.
Auf dem MWC präsentierte Mike Sutcliff, Group CEO Accenture Digital, erstmals den Disruption Index des Unternehmens.
Foto: Hill

Viele Unternehmen scheint die digitale Disruption noch immer unvorbereitet und unvorhergesehen zu treffen. "Dabei findet Disruption kontinuierlich statt und man kann ihr nicht entkommen", so Mike Sutcliff, Group CEO Accenture Digital, anlässlich der Vorstellung des Disruptability Index, "die gute Nachricht lautet aber, dass sie vorhersehbar ist."

Und sie trete nicht willkürlich auf, sondern folge bestimmten Mustern. Deshalb könnten etablierte Unternehmen auf Herausforderer reagieren und sich zukunftsfähig aufzustellen. Hierzu soll der Index die Anfälligkeit von Unternehmen und ganzen Branchen für die digitale Umwälzung messen und die dahinter stehenden Muster beschreiben.

Im Zuge der Studie analysierte Accenture 3.600 Unternehmen aus 20 Branchen in 82 Ländern mit einem jährlichen Umsatz von über 100 Millionen US-Dollar. Dabei galt es, herauszufinden, wie stark diese Unternehmen sowohl heute als auch zukünftig von Disruption betroffen sind oder sein werden. Mehr als vier von zehn Unternehmen (44 Prozent), so ein Ergebnis, sind zukünftig davon bedroht - dazu zählen sowohl Unternehmen, die aktuell schon digitale Umwälzungen erleben als auch solche, die bisher in ruhigen Fahrwassern unterwegs sind.

Die Betroffenheit macht Accenture an 15 Faktoren in fünf Dimensionen fest. Auf Grundlage dieser Analyse wurde der Disruptability Index erstellt, welcher die Anfälligkeit von Unternehmen und ganzen Branchen für digitale Umwälzung misst und die dahinter stehenden Muster beschreibt.

Die Studie identifiziert dazu konkrete Muster für Disruption, die sich anhand von vier Phasen beschreiben lassen:

Standhaftigkeit

Die Disruption ist zwar spürbar doch für die etablierten Akteure bisher nicht Existenz gefährdend. Gegenüber den Herausforderern profitieren sie von strukturellen Vorteilen und einer soliden Performance. Diese Phase durchlaufen derzeit knapp ein Fünftel aller Unternehmen (19 Prozent). Dazu zählen insbesondere Autohändler und -zulieferer, Produzenten von alkoholischen Getränken und diversifizierte Chemie-Unternehmen.

Anfälligkeit

Disruption findet statt, erreicht aber nur ein moderates Ausmaß. Jedoch sind die etablierten Unternehmen sehr anfällig für zukünftige Disruption, da sie mit strukturellen Herausforderungen bei der Produktivität zu kämpfen haben und dadurch verwundbar sind. Dazu gehören beispielsweise hohe Arbeitskosten. Ebenfalls ungefähr ein Fünftel der Unternehmen (19 Prozent) befindet sich aktuell in dieser Phase. Dazu zählen ganz besonders Versicherer, Gesundheitsunternehmen sowie der Lebensmitteleinzelhandel.

Volatilität

Diese Phase ist von massiver und plötzlich auftretender Disruption geprägt. Dabei geraten etablierte Unternehmen unter Druck, da bisherige Erfolgsrezepte sich auf einmal als Schwächen erweisen. Jedes vierte Unternehmen (25 Prozent) ist aktuell in dieser Phase, vor allem Hersteller von Unterhaltungselektronik, diversifizierte Banken, Werbeunternehmen und Transportdienstleister sind betroffen.

Zukunftsfähigkeit

Die ständige Disruption gehört in dieser Phase zur Tagesordnung. Wettbewerbsvorteile sind nur von kurzer Dauer, da permanent neue Herausforderer auf den Plan treten. In dieser Phase befinden sich aktuell die meisten Unternehmen, nämlich mehr als ein Drittel. Dazu gehören vor allem Software- und Plattformanbieter, Telekommunikationsunternehmen, Medien- und High-Tech-Unternehmen sowie Automobilhersteller.

Die einzelnen Branchen sind unterschiedlich stark von Disruption betroffen, das gilt auch für ihre zukünftige Anfälligkeit.
Die einzelnen Branchen sind unterschiedlich stark von Disruption betroffen, das gilt auch für ihre zukünftige Anfälligkeit.
Foto: Accenture

Je nachdem in welcher Phase der Disruption ein Unternehmen sich befindet, hat es der Studie zufolge unterschiedliche Handlungsoptionen. Unternehmen, die sich in der Phase der Standhaftigkeit befinden, sollten laut Accenture ihr bestehendes Geschäftsmodell neu erfinden anstatt alles daran zu setzen, es unverändert zu bewahren.

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Hierzu sei zum einen die Kostenführerschaft im Kerngeschäft zu verteidigen, zum anderen sollten sie ihr Angebot für die Kunden noch relevanter zu machen. Unternehmen in der Phase der Anfälligkeit rat Accenture die Produktivität in ihrem heutigen Kerngeschäft zu erhöhen. Auf diese Weise schaffe man die Voraussetzung, um künftige Innovationen entwickeln und nutzen zu können. So sollten sie zum Beispiel die Abhängigkeit von Anlagegütern verringern und nicht ausgelastete Anlagen stärker monetarisieren.

In der Phase der Volatilität hängt die Überlebensfähigkeit der Unternehmen einzig davon ab, ob sie in der Lage sind, ihren jetzigen Kurs entschieden aber dennoch mit Maß zu verändern. Dabei müssen sie sowohl die radikale Transformation des Kerngeschäfts angehen als auch gleichzeitig neue Geschäftsmodelle aufbauen. Die Gefahr dabei: Handeln sie zu überstürzt, können sie ihren finanziellen Puffer zu schnell aufbrauchen.

Ist die Schlagzahl dagegen zu niedrig, besteht das Risiko, dass sie früher oder später überflüssig werden. In der Phase der Zukunftsfähigkeit sind permanente Innovationen das Gebot der Stunde. Da empfiehlt Accenture einen zweigleisigen Ansatz: Zum einen sollte das Angebot für bestehende Kunden deutlich stärker um innovative Angebote erweitert werden. Zum anderen gilt es, aggressiv in verwandte oder bisher außen vor gelassene Marktsegmente vorzudringen.