DIW-Forscher Karl Brenke

"Fachkräftemangel ist Indiz für Trägheit der Unternehmen"

02.12.2013
Von 
Karriere in der IT ist ihr Leib- und Magenthema - und das seit 20 Jahren. Langweilig? Nein, sie entdeckt immer neue Facetten in der IT-Arbeitswelt und im eigenen Job. Sie recherchiert, schreibt, redigiert, moderiert, plant und organisiert.
Über den Fachkräftemangel fand DIW-Forscher Karl Brenke schon 2010 heraus, dass er eine Fata Morgana sei. Ein Befund, der noch immer gelte.

CW: Sind die Klagen der Unternehmen über den Fachkräftemangel berechtigt?

KARL BRENKE: In einer Marktwirtschaft sollte man besser von einer Knappheit reden. Um dieser zu begegnen, bietet unser höchst flexibles System etliche Wege, etwa über höhere Löhne oder die Anwerbung von Fachkräften aus anderen europäischen Ländern. Da die Lohnentwicklung in der IT-Branche in jüngster Zeit aber rückläufig ist, kann von Knappheit keine Rede sein. Die Klagen der Unternehmen über den Fachkräftemangel sind ein Indiz für ihre Trägheit und ihre mangelnde Innovationsfähigkeit.

Volkswirt Karl Brenke arbeitet als Referent am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW). Sein Arbeitsbereich ist Konjunkturanalyse und Konjunkturprognose.
Volkswirt Karl Brenke arbeitet als Referent am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW). Sein Arbeitsbereich ist Konjunkturanalyse und Konjunkturprognose.
Foto: Anna Blancke/DIW

CW: Neue gesetzliche Regelungen wie die Blue Card, mit der IT-Profis aus Nicht-EU-Ländern ab einem Jahresgehalt von 33.000 Euro hier arbeiten dürfen, bringen bislang nicht den gewünschten Erfolg.

BRENKE: Das Beispiel zeigt: Es gibt nur eine Knappheit an Fachkräften, die zu einem niedrigen Preis arbeiten wollen. Jeder Facharbeiter bei einem Autokonzern wie VW verdient im Vergleich dazu mehr, da wundert es mich nicht, dass die Resonanz der ausländischen IT-Experten auf die Blue Card nicht so hoch ist. Auch andere Potenziale, etwa Ältere und Frauen zu fördern, schöpfen die Unternehmen nicht aus.

CW: Was müssten die Arbeitgeber tun, um genügend qualifizierte Bewerber zu finden?

BRENKE: Unternehmen könnten Fachkräfte aus anderen Regionen anwerben, vorhandene Arbeitskräfte qualifizieren und deren Profil anpassen. Lange Zeit herrschte in der IT-Branche ein Jugendkult, in Folge dessen war Weiterbildung für ältere Mitarbeiter kein Thema. Wenn ich Fachkräfte rekrutiere, muss ich ihnen auch Möglichkeiten geben, sich weiterzubilden. Auch betriebliche Gesundheitspolitik ist für viele mittelständische Firmen immer noch ein Fremdwort. Wer seine Mitarbeiter länger halten will, muss ihnen das Gefühl geben, dass sie gebraucht werden. Sonst kündigen sie innerlich.

CW: Wie beurteilen Sie den IT-Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren?

BRENKE: Die Entwicklung der IT-Branche und damit auch des Arbeitsmarktes hängt vor allem von der Konjunktur ab. Zieht die Konjunktur an, wie es aktuell der Fall ist, werden Fachkräfte gesucht, bricht sie ein, werden viele Mitarbeiter entlassen. Diese starke Zyklidität hat eine kurzfristige Personalplanung zur Folge. Eine mittelfristige Planung wäre aber besser, will ein Unternehmen genügend qualifizierte Mitarbeiter haben.

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