Kartellbehörde erwägt harte Sanktionen

EU bedroht Microsoft-Monopol

17.05.2002
MÜNCHEN (CW) - Während im US-amerikanischen Kartellverfahren gegen Microsoft noch kein Ende absehbar ist, mehren sich die Anzeichen, dass die EU-Kommission dem Softwarekonzern harte Auflagen erteilen will.

Bislang unbestätigten Meldungen zufolge fahren die europäischen Kartellwächter unter Leitung von EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti einen deutlich härteren Kurs gegen den Desktop-Monopolisten als die Behörden der Bush-Administration. Wie die "Financial Times" unter Berufung auf EU-Kreise berichtete, soll Microsoft gezwungen werden, das Programm "Media Player" aus dem Windows-Betriebssystem herauszulösen.

Der Softwaremulti müsste demnach neben den heute erhältlichen Windows-Versionen eine abgespeckte Variante ohne damit verbundene Multimedia-Software anbieten. An diesem Punkt gingen die Brüsseler Sanktionen über einen Vergleichsvorschlag hinaus, auf den sich Microsoft mit dem amerikanischen Justizministerium und neun US-Bundesstaaten geeinigt hatte. Dieser erlaubt es PC-Herstellern lediglich, neben Microsofts eigenen Anwendungen zusätzliche Software anderer Hersteller auf neuen Rechnern vorzuinstallieren.

Von einer Regelung im Sinne Montis würde insbesondere der US-Hersteller Real Networks profitieren, dessen populärer "Real Player" andernfalls nur geringe Chancen gegen das Angebot der Gates-Company hätte.

Die Forderungen der EU-Experten gehen noch weiter. Neben diversen Schnittstelleninformationen zum PC-Betriebssystem könnte Microsoft verpflichtet werden, Teile seiner Server-Software offenzulegen. Damit wollen die Kartellwächter verhindern, dass der Hersteller seine marktbeherrschende Position im PC-Segment auf Server-Systeme ausdehnt.

Offiziell äußert sich in Brüssel noch niemand zu den aktuellen Plänen. Monti wolle jedoch das Kartellverfahren noch in diesem Jahr abschließen, ist zu hören. Die EU-Kommission untersucht bereits seit 1998 die Geschäftspraktiken Microsofts. Mit wettbewerbswidrigen Methoden versuche der Konzern, Vorteile in anderen Segmenten wie Server- und Internet-Software zu erlangen, stand in einem vertraulichen EU-Papier, das im November 2001 publik wurde.

Im laufenden US-amerikanischen Kartellprozess gegen den Hersteller sind die Zeugenanhörungen am 10. Mai zu Ende gegangen. Bezirksrichterin Colleen Kollar-Kotelly hat die Plädoyers der verbliebenen neun Klägerstaaten und der Verteidigung für Mitte Juni anberaumt.

Einmal mehr wird dabei die Kopplung von Anwendungsprogrammen wie Media Player oder Microsofts Instant-Messaging-Software an das Betriebssystem eine zentrale Rolle spielen. (wh)