Sun-Gründer Scott McNealy

"Es fehlt an Managern mit Courage"

16.07.2018
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.
Scott McNealy, Mitgründer von Sun Microsystems und Ikone des Silicon Valley, ist um einen guten Spruch nie verlegen. Jetzt hat er in einem Interview seine „Lessons Learned“ als Gründer kundgetan. Eine These: Manager mit Courage sind nur selten zu finden.

McNealy zeigt im Interview mit Professor Roberto V. Zicari, Betreiber des Blogs ODBMS Industry Watch, dass er auch im Alter von 64 Jahren nichts von seinem alten Biss verloren hat. Mit Erlaubnis von Zicari veröffentlichen wir McNealys "Lessons Learned", die er in wenigen markanten Sätzen zusammenfasst:

  1. Unternehmen und Technologien können so schnell fallen, wie sie aufgestiegen sind.

  2. Führung fällt leichter, wenn man es mit klugen Leuten zu tun hat.

  3. Manager mit Courage sind selten zu finden.

  4. Technologie hat die Haltbarkeit einer Banane.

  5. CEO zu sein, ist etwas für junge Leute.

  6. Glück hilft.

  7. Daten sind das neue Öl. Tatsächlich.

  8. Früher gaben Microsoft und Apple den Ton an, jetzt sind es Google, Facebook und Amazon.

  9. Die Technologie entwickelt sich weiter, schon morgen können andere den Ton angeben.

  10. Du isst das Mittagessen, oder Du bist das Mittagessen. Manche suchen sich auch eine Festanstellung und gehen zum Mittagessen.

Scott McNealy ist Mitgründer von Sun Microsystems sowie Investor und Business Angel. Ein gesundes Feindbild
Scott McNealy ist Mitgründer von Sun Microsystems sowie Investor und Business Angel. Ein gesundes Feindbild
Foto: Wayin

Auf die Frage, was die Gründe für den rasanten Aufstieg von Sun Microsystems gewesen seien, sagt McNealy: "Wir haben es geschafft, sehr kluge, visionäre Menschen einzustellen und sie einfach ihre Arbeit machen zu lassen." Ihm sei es stets wichtig gewesen zu delegieren und Mitarbeitern viel Verantwortung zu übertragen. Das Management müsse das Problem benennen, es zu lösen solle man den besten Fachkräften überlassen. Wichtig dabei seien schnelle Entscheidungen. Im IT-Markt warte kein Wettbewerber auf den anderen. "Ich habe eine Menge Druck auf meine Manager ausgeübt, schnell zu sein." Fehler zu machen sei in Ordnung, solange daraus gelernt werde.

McNealy über Innovation

Die drei wichtigsten Kriterien für erfolgreiche Innovation sind für McNealy eine hohe Qualität der Menschen, mit denen man zusammenarbeitet, ein Managementstil, der partizipativ aber nicht zwingend konsensorientiert ist und die Fähigkeit zuzuhören - den Kunden, aber auch den eigenen Ingenieuren. Um eine Unternehmenskultur zu schaffen, die Innovation nachhaltig erzeugt, brauche man vor allem ein gemeinsames Ziel, auf das sich alle einschwören können. In seinem Unternehmen habe man immer einen klaren Plan und ein "spezifisches Set an Feinden" gehabt. Auf beides hätten sich die Mitarbeiter mit ihren unterschiedlichen Hintergründen, Ideen und Kulturen immer gut verständigen können. Ein Konsens bezüglich der Sichtweisen und Ziele sei entscheidend, Diversität bezüglich Herkunft, Kultur oder Geschlecht träten dahinter zurück. "Das Verfolgen gemeinsamer Ziele ist es, was wirklich gute Unternehmen auszeichnet."

Und was bremst Innvationen? Für den Sun-Gründer sind Innovationen und Gründergeist immer mit hohen Risiken verbunden. Deshalb sei ein Klima der Risikovermeidung immer auch ein Innovationskiller. "Ich habe zu verschiedenen Gelegenheiten in Japan gesprochen. Die Leute dort sind fleißig und smart, aber die Innovationskraft leidet darunter, dass die Angst zu Scheitern tief in der Kultur verwurzelt ist." Es sei normal, dass Dinge schiefgingen, wenn man etwas riskiere, so McNealy. Die Kunst bestehe darin, in solchen Fällen die Folgen einzudämmen und keinen Flächenbrand entstehen zu lassen.

Eine zweite Innovationsbremse sind für den Sun-Gründer Manager, die davor zurückschrecken, ihre erfolgreichen Produkte und Geschäftsmodelle zu kannibalisieren. Fakt sei: Wenn man es nicht selbst tut, werden es andere machen. Auch deshalb ist es laut McNealy so wichtig, die richtigen Manager an Bord zu haben. "Ein Unternehmen innovativ zu machen, setzt voraus, die richtigen Innovatoren zu identifizieren und sie machen zu lassen."

McNealy über Datenschutz

Der Sun-Gründer ist überzeugt, dass Privacy schon lange eine Illusion ist: "Für mich ist Datenschutz seit den 90er Jahren ein Mythos. Viele Leute haben sich über diese Aussage aufgeregt, doch jetzt, mit all den Nachrichten über Facebook und Cambridge Analytical, können sie sich den Fakten nicht mehr entziehen." Tatsächlich sei aber die einzige Institution, die man in diesem Zusammenhang wirklich fürchten müsse, die Regierung. "Sie können unser Leben tatsächlich negativ beeinflussen - durch Betriebs- und Steuerprüfungen, Studentendarlehen, juristische Entscheidungen, die Auswahl der Krankenversicherung und vieles mehr. Es ist wirklich beängstigend, wie viel die Behörden über uns wissen und wie stark sie unser Leben beeinflussen können." Facebook könne man entkommen, den Behörden mit ihren Regularien und Genehmigungsprozessen aber nicht.

McNealy über Big Data und Machine Learning

"Die Gorillas von heute werden nicht die Gorillas von Morgen sein", orakelt der Silicon-Valley-Gründer und spielt damit auf große Unternehmen an, die daran scheitern, ihren Datenschatz zu heben und deshalb im Wettbewerb zurückfallen werden. Big Data sei eine übergreifende und damit besonders große Herausforderung für traditionelle Organisationen. Mit der Zeit und den wachsenden Datenbeständen werde sie sogar noch viel größer.

Machine Learning und Algorithmen der Künstlichen Intelligenz gehörten letztendlich zum Spektrum von Big Data. Je reifer die Technik werde und je mehr Einblicke durch Daten genommen und Schlussfolgerungen gezogen werden könnten, desto mehr neue Daten würden entstehen. Die Fähigkeit, Daten intelligent und umfassend zu nutzen, rücke ins Zentrum jeder Innovationsanstrengung. Sun habe seinerzeit MySQL gekauft, um den gesamten Datenmarkt für Innovationen zu öffnen, behauptet McNealy.

Heute wüchsen die Datenmengen ins Unermessliche und die Use Cases und Anwendungen verlangten schnelle Transaktionen bei Verfügbarkeiten von mindestens 99,99 Prozent. Die richtige Datenbank zu haben, sei absolut kritisch. Die Zahl der Web-Anwendungen steige rasant, die der IoT- und Edge-Use-Cases ebenso. Schnelligkeit und Zuverlässigkeit seien für beides die Voraussetzung. Deshalb seien neue Ansätze mit Rückendeckung aus der Open-Source-Szene so wichtig. Das sei der Grund, warum McNealy beispielsweise im Verwaltungsrat des Startups Redis sitze.