Tech-Rezession

Big Tech baut Personal ab

02.08.2022
Von Redaktion Computerwoche
Viele der großen Technologiekonzerne schalten in ihrer Einstellungspolitik einen Gang zurück, manche bauen sogar Personal ab. Die Rezession wirft ihren Schatten voraus.
Die Rezession macht auch vor dem Tech-Sektor nicht halt.
Die Rezession macht auch vor dem Tech-Sektor nicht halt.
Foto: Lee Charlie - shutterstock.com

Wer wissen will, ob und und in welchem Ausmaß amerikanische Tech-Unternehmen angesichts der unsicheren Wirtschaftslage Personal abbauen, kann sich auf Seiten wie layoffs.fyi oder TrueUp einen Überblick verschaffen. Diese Tracker von Arbeitsmarktzahlen zeichnen ein eher düsteres Bild. Im Mai 2022 sollen 20.000 Beschäftigte entlassen worden sein, so TrueUp, im Juni seien es noch einmal 26.000 gewesen - Tendenz steigend also. Vom Mobile-Startup über das Fintech bis zum Essens-Lieferdienst, kaum ein Unternehmen bekommt die gegenwärtigen Marktturbulenzen nicht zu spüren. Die Dunkelziffer bei den Entlassungen soll noch viel höher sein.

Fakt ist aber auch, dass die meisten Unternehmen auch in Krisenzeiten gute IT-Professionals einstellen. Manche Betriebe nutzen die Situation, um die Under-Performer in der Belegschaft loszuwerden und später dann neue Talente einzustellen. Die nächsten Wochen dürften diesen Trend verstärken, denn dann werden etliche Big-Techs ihre vermutlich eher mäßigen Quartalsbilanzen vorlegen.

Der Layoffs-Tracker von TrueUp zeigt, dass die Entlassungen im amerikanischen Technologiesektor zunehmen.
Der Layoffs-Tracker von TrueUp zeigt, dass die Entlassungen im amerikanischen Technologiesektor zunehmen.
Foto: TrueUp.io

Folgende Unternehmen haben schon vorab ihre Sorgen zum Ausdruck gebracht und teilweise auch Einstellungsstopps oder Entlassungen angekündigt:

Amazon.com

Die Mitarbeiterzahl bei Amazon sei zwischen dem ersten und zweiten Quartal 2022 um 99.000 auf 1,52 Millionen gesunken, schreibt GeekWire mit Bezug auf Amazons eigenen Erklärungen zu den Geschäftszahlen des 2. Quartals 2022. Amazon hatte während der Pandemie seine Lager und Sortierzentren mit zusätzlichem Personal ausgestattet, um den hohen Andrang zu bewältigen. Durch natürliche Fluktuation soll die Personaldecke nun wieder verkleinert werden. CFO Brian Olsavsky sagte, das Einstellungeniveau der vergangenen Jahre werde erst einmal nicht wieder erreicht, obwohl in einigen Bereichen, insbesondere Anmazon Web Services, weiter gute Mitarbeiter gesucht würden.

Apple

Wie der Nachrichtendienst Bloomberg berichtet, hat Apple seine Personalplanung für das kommende Jahr angepasst. Einige Unternehmensbereiche sollen keine zusätzlichen Mitarbeiter einstellen, außerdem sollen manche freiwerdende Positionen nicht neu besetzt werden. Offizielles lässt der Konzern dazu allerdings nicht verlauten, die Informationen sind aus Mitarbeiterkreisen an die Öffentlichkeit gedrungen.

Coinbase

Rund 1.100 Mitarbeiter - 18 Prozent der Belegschaft - hat die Kryptowährungs-Börse Coinbase entlassen. Als Gründe nannte CEO und Mitgründer Brian Armstrong die sich abzeichnende Rezession und den andauernden "Kryptowinter", in dem die Anleger immer weniger in Bitcoin & Co. investieren. Coinbase lebt vom Handel mit Kryptowährungen und verdient an den Transaktionen. Die betroffenen Mitarbeiter wurden sehr kurzfristig von allen Systemen abgeklemmt und entlassen, was Unruhe im Unternehmen auslöste. Da sie Zugriff auf vertrauliche Kundendaten gehabt hätten, sei es nicht anders möglich gewesen, so Armstrong.

Facebook/Meta

In einem internen Memo forderte Maher Saba, Head of Engineering bei der Meta-Tochter Facebook, die Manager im Unternehmen auf, die Low-Performer in ihren Teams zu identifizieren - Facebook sprach lieber von "Mitarbeitern, die Support brauchen". Sie sollten umgehend in einem internen HR-System gemeldet werden.

Mark Zuckerberg wird jeden Mitarbeiter brauchen, wenn der Traum vom Metaverse Realität werden soll.
Mark Zuckerberg wird jeden Mitarbeiter brauchen, wenn der Traum vom Metaverse Realität werden soll.
Foto: Elms Art - shutterstock.com

Zuvor hatte Gründer Mark Zuckerberg in einer virtuellen Firmenversammlung gesagt, dass nicht alle Beschäftigten den hohen Unternehmensstandards genügten. Wer sich angesprochen fühle und gehen wolle, dem werde das Unternehmen keine Steine in den Weg legen. Zuckerberg sagte außerdem, dass die Zahl neu eingestellter Software-Ingenieure in diesem Jahr um mindestens 30 Prozent gesenkt werde. Alle anderen sollen "aggressivere Ziele" erhalten.

Google

Sundar Pichai, CEO von Alphabet und Google, hat den Beschäftigten in einer internen Memo mitgeteilt, dass sich der Konzern in der zweiten Jahreshälfte 2022 mit Neueinstellungen zurückhalten werde. Allein im zweiten Quartal habe Google 10.000 neue Arbeitskräfte angeworben, jetzt sei es an der Zeit, das Tempo zu drosseln. Kritische Positionen würden aber weiter neubesetzt, Softwareingenieure und Techniker gehörten dazu.

Pichai startete Anfang August 2022 die Initiative Simplicity Sprint, in der die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu mehr Effizienz und Produktivität, schnelleren Ergebnissen und mehr Kundennähe angehalten werden. Auch sollen gute Ideen aus den Reihen der Beschäftigten schneller erkannt und in Produkte umgesetzt werden. Pichai soll laut CNBC in einer Mitarbeiterversammlung gesagt haben, die Produktivität des Unternehmens sei nicht dort, wo sie angesichts der hohen Mitarbeiterzahl sein müsse. Die "makroökonomischen Bedingungen" blieben herausfordernd, es werde sogar noch mehr Unsicherheit auf das Unternehmen zukommen.

Klarna

"Buy now pay later" - das ist das Motto des schwedischen Startups Klarna, das nach stürmischem Wachstum nun in Turbulenzen geriet. Mitgründer und Unternehmenschef Sebastian Siemiatkowski teilte mit, mehr als zehn Prozent der rund 7.000 Mitarbeiter starken Belegschaft entlassen zu müssen, darunter einige, die erst seit ein paar Wochen an Bord waren. Als Grund nannte er die inflationsbedingte Wirtschaftskrise, die zu Kaufzurückhaltung bei den Kunden geführt habe.

Umstritten war die Maßnahme, eine Liste mit 560 Mitarbeitenden auf LinkedIn zu veröffentlichen, in der Hoffnung, diesen Beschäftigten schnell zu einem neuen Job zu verhelfen. Die Maßnahme löste eine heftige Debatte im Social Network aus. Auch die Tatsache, dass Klarna seinen Beschäftigten in den USA teilweise doppelt so hohe Gehälter zahlt wie in anderen Ländern, ist Gegenstand heftiger Diskussionen.

Microsoft

Ungefähr ein Prozent der rund 180.000 Mitarbeiter starken Belegschaft bei Microsoft soll den Hut nehmen. Die Auswahl erfolgt über alle Büros und Produktdivisionen hinweg. "Wie alle Unternehmen evaluieren wir regelmäßig unsere Geschäftsprioritäten und nehmen vorsichtig strategische Anpassungen vor", teilte das weltgrößte Softwarehaus der Nachrichtenagentur Bloomberg mit. Microsoft hatte zuvor seine Geschäftserwartungen für das Ende Juni abgeschlossene vierte Finanzquartal nach unten korrigiert.

Microsoft zollt insbesondere der zuletzt schwachen Entwicklung im PC-Markt Tribut. Die Analysten von Gartner haben im abgelaufenen zweiten Geschäftsquartal einen Einbruch am weltweiten PC-Markt um 12,6 Prozent verzeichnet, in Europa gingen die Lieferzahlen sogar um 18 Prozent zurück. HP, Acer und Lenovo seien besonders betroffen, doch auch Microsoft dürfte als PC-Hersteller und zentraler Softwarelieferant nicht ungeschoren davonkommen.

Der weltweite PC-Markt befindet sich im Sinkflug. Bleibt abzuwarten, ob die Anbieter ihr Personal halten können.
Der weltweite PC-Markt befindet sich im Sinkflug. Bleibt abzuwarten, ob die Anbieter ihr Personal halten können.
Foto: Gartner

Wie Bloomberg in jüngsten Meldungen (Stand: 22. Juli 2022) berichtet, geht es nun aber auch Bereichen an den Kragen, von denen sich Microsoft besonders viel verspricht: Cloud Computing und IT-Sicherheit. Microsoft hatte erst im vergangenen Jahr den Cloud-Experten Charlie Bell von Amazon Web Services (AWS) angeworben, der die IT-Sichererheitssparte des Unternehmens weiter ausbauen sollte. Zudem war überlegt worden, die Cybersecurity-Firma Mandiant zu übernehmen. Nun scheint auch für diesen Geschäftsbereich Ernüchterung eingetreten zu sein.

Netflix

Nach einem heftigen Einbruch bei seinen Abozahlen und der Aussicht auf weitere Kündigungen teilte Netflix, der weltweit führende Video-Streaming-Dienst, bereits im Mai 2022 mit, 150 von insgesamt 11.000 Mitarbeitern zu entlassen. Netflix arbeitet derzeit daran, ein preisgünstigeres, teilweise werbefinanziertes Abomodell zu entwerfen. Dafür hat das Unternehmen Microsoft als technischen Partner gewonnen.

Nvidia

Von einem "Hiring Freeze" will Nvidia-Boss Jensen Huang zwar nichts wissen, wohl aber von einer "Einstellungspause". Man wolle das Tempo drosseln und sich nun die Zeit nehmen, die Tausenden von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die in den vergangenen Monaten eingestellt worden seien, vernünftig einzuarbeiten, heißt es in einer internen Mail. Nur zehn Prozent der Kandidaten, die sich neu vorstellten, hätten noch Aussicht auf einen Job. Bei der Auswahl werde Diversity eine entscheidende Rolle spielen.

Oracle

Wie Reuters berichtet (Stand: 1. August 2022), hat Oracle mit Stellenstreichungen in den USA begonnen. Der Nachrichtendienst bezieht sich auf Informationen eines Insiders, der direkt mit der Angelegenheit zu tun habe. Im Juli hatte The Information geschrieben, Oracle erwäge die Streichung von Tausenden von Stellen in Europa und den USA. Das weltweit zweitgrößte Softwarehaus wolle so Einsparungen in Höhe von einer Milliarde Dollar erzielen.

Die Maßnahme habe aber nichts mit der - insgesamt intakten - wirtschaftlichen Entwicklung zu tun. Sie sei vielmehr Folge der Übernahme des auf das Gesundheitswesen spezialisierten Unternehmens Cerner, die Oracle rund 28 Milliarden Dollar kostet und die Belegschaft um 28.000 Personen erweitert. Laut Reuters wurden jetzt die ersten Kündigungen in San Francisco ausgesprochen, in den kommenden Wochen und Monaten werde weiterer Personalabbau in Kanada, Indien und Teilen von Europa folgen.

SAP

Einem Bericht der Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ) zufolge hat SAP einen Einstellungsstopp verhängt. Mit den Sparmaßnahmen reagiere man auf die wirtschaftlichen Herausforderungen, hieß es. In Reihen der Belegschaft bedauere man den Sparkurs. Die Zeitung zitiert den Vorsitzenden der Arbeitnehmervertretung Eberhard Schick: "Ich kann das in gewisser Weise nachvollziehen." Offenbar wolle es die Konzernführung unbedingt vermeiden, ihre Renditeziele zu verfehlen.

Christian Klein, Vorstansdvorsitzender der SAP, stellt zur Zeit keine Mitarbeiter mehr ein.
Christian Klein, Vorstansdvorsitzender der SAP, stellt zur Zeit keine Mitarbeiter mehr ein.
Foto: SAP

Das allerdings ist kaum mehr möglich: SAP meldete am 21. Juli nur mäßige Quartalszahlen und kassierte seine Prognose für 2022. Die Walldorfer erwarten für das laufende Geschäftsjahr währungsbereinigt einen negativen Einfluss auf den Umsatz in Höhe von rund 300 Millionen Euro durch fehlendes Neugeschäft und die Beendigung bestehender Aufträge. Dabei spielt der Krieg zwischen Russland und der Ukraine eine erhebliche Rolle.

ServiceNow

Von Entlassungen oder Einstellungsstopp ist beim führenden Anbieter von Digital-Workflow-Tools keine Rede, aber CEO Bill McDermott hat die Märkte in einem Interview mit CNBC verunsichert und die Aktie auf Talfahrt geschickt (minus 13 Prozent am 12. Juli). McDermott sagte: "Wir haben eine Inflation auf einem Rekordniveau seit 41 Jahren. Der Dollar ist auf dem höchsten Stand seit 20 Jahren. Die Zinsen steigen. Die Menschen sorgen sich um ihre Sicherheit. In Europa haben wir einen Krieg. Da ist die Stimmung nicht gerade großartig." Vor allem in Europa werde nun vorsichtiger in IT investiert und man müsse den Kunden genau erklären können, welchen Return on Investment (RoI) sie von ihren Investitionen zu erwarten hätten.

Tesla

Der Pionier bei Elektrofahrzeugen hat den Abbau Tausender Stellen weltweit angekündigt, rund 3,5 Prozent der 100.000 Mitarbeiter starken Gesamtbelegschaft sind betroffen. Laut tagesschau.de kommt der deutsche Standort wohl ungeschoren davon. Dort würden weiter Mitarbeitende gesucht, da Tesla möglichen Interessenten nicht genügend Geld zahlen wolle und deshalb kein Personal finde.

Unter anderem hat das Unternehmen sein "Autopilot-Team" in San Mateo und in Buffalo, New York, von 276 auf 81 Mitarbeiter zusammengestrichen. Die verbliebenen Spezialisten für autonomes Fahren sollen nun auf verschiedene Offices verteilt werden. Andrej Karpathy, verantwortlich für künstliche Intelligenz und das Autopilot-Team, hat nach fünf Jahren bei Tesla soeben das Handtuch geworfen.

Twitter

Die Kapriolen von Tesla-Chef Elon Musk, der Twitter zunächst für 44 Milliarden Dollar übernehmen wollte, dann aber wegen vermeintlich falsch angegebener Nutzerzahlen (Stichwort: Fake-Konten) wieder Abstand davon nahm, haben dem Unternehmen geschadet. Das soziale Netzwerk verkündete einen Einstellungsstopp und die Entlassung von 30 Prozent seines für Einstellungen zuständigen "Talent Acquisition Teams" im Personalbereich. Ansonsten sollen erst einmal nur noch die wichtigsten offenen Positionen besetzt werden. In der Breite werde es keinen Personalabbau geben, allerdings müssten die Beschäftigten mit organisatorischen Veränderungen infolge der geplatzten Tesla-Übernahme rechnen.

Uber

Dara Khosrowshahi, CEO von Uber, hat die Beschäftigten in einer E-Mail darüber informiert, dass man das Einstellen von Personal künftig als "Privileg" betrachten werde. Angesichts der "seismischen Verschiebungen" an den Märkten müsse Uber auf die Bremse treten. Khosrowshahi schrieb, er habe bei Investoren-Meetings in New York und Boston deutliche Signale erhalten: Man müsse die Kosten in den Blick nehmen, auch auf der Vorstandsebene. "Wir haben große Fortschritte bei der Profitabilität gemacht und uns für 2024 ein Ziel von fünf Milliarden Dollar beim bereinigten EBITDA-Ergebnis gesetzt. Doch jetzt haben sich die Zielvorgaben geändert. Jetzt geht es um den freien Cashflow." (hv)