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"Enronitis:"Zahl der SEC-Ermittlungen steigt auf 49 Fälle

03.04.2002

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die US-Börsenaufsicht SEC kann für die ersten zwei Monate des noch jungen Jahres einen traurigen Rekord vorweisen: Wegen des dringenden Verdachts auf "Enronitis" beschäftigt sich die Kontrollbehörde mit 49 neuen Fällen - vor einem Jahr lag das damalige Allzeithoch bei 18 Ermittlungen. Nach Angaben von Charles Niemeier, Leiter der Abteilung für Bilanzfälle bei der SEC, werden nun mehr Fortune-500-Unternehmen als jemals zuvor verdächtigt, ihre Finanzberichte geschönt zu haben.

Die falsche Verbuchung von Umsätzen war laut Niemeier schon immer das Hauptproblem. Nun registriert die Börsenaufsicht außerdem immer häufiger Bilanzmanipulationen bei der Vereinbarung von Firmen, bestimmte Vermögenswerte zu tauschen. Aktueller Fall ist eine Untersuchung bei den Carriern Global Crossing und Qwest (Computerwoche online berichtete). Die Firmen werden von der SEC verdächtigt, bei einem Austausch von Kabelkapazitäten den Umsatz ausgewiesen und die damit verbundenen Kosten beim Endergebnis weggelassen zu haben. Nach US-GAAP müssen diese jedoch als Kapitalaufwendungen verbucht werden.

Eine andere Form von Bilanzierungstricks wird offenbar angewendet, wenn größere Unternehmen kleinere Firmen finanzieren und diese wiederum einen Auftrag an den Investor vergeben. Die Börsenaufsicht vermutet, dass der Geldgeber damit die Möglichkeit erhält, den Auftrag als Umsätze zu verbuchen und gleichzeitig den Vermögenswert in seine Bücher aufzunehmen. Niemeier wollte jedoch keine Firmennamen nennen. Die US-Börsenaufsicht ermittelt derzeit unter anderem gegen Gemstar, einen US-Anbieter von interaktiver TV-Software. Das Unternehmen wird unter anderem verdächtigt, fiktive Einnahmen in Höhe von mehr als 100 Millionen Dollar verbucht zu haben. Zum anderen sollen Einnahmen aus einem Tauschgeschäft in Höhe von 20 Millionen Dollar als Umsatz verbucht worden sein. Einen neuen Rekord im Zusammenhang mit der jüngsten "Enronitis"-Welle stellte Xerox auf: Wie Anfang der Woche bekannt wurde, will der Drucker- und Kopiererhersteller seine

Bilanzen der letzten fünf Jahre korrigieren und an die SEC eine Strafe in Höhe von zehn Millionen Dollar zahlen. Es handelt sich dabei um die bislang höchste Zivilstrafe, die an die US-Behörde entrichtet wurde (Computerwoche online berichtete). (mb)