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EMC schnappt sich VMware

16.12.2003
EMC kauft erneut überraschend zu und wirbelt mit der Übernahme von VMware für 635 Millionen Dollar die Utility-Computing-Pläne von IBM und HP gehörig durcheinander.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - EMC tätigt seine zweite überraschende Akquisition in diesem Jahr und zahlt 635 Millionen Dollar in bar für VMware. Damit wirbelt der Storage-Spezialist aus Hopkinton, Massachusetts, die Utility-Computing-Pläne von IBM und HP gehörig durcheinander.

Die nicht börsennotierte Softwareschmiede VMware bietet seit geraumer Zeit sehr erfolgreich Software zur Virtualisierung von Servern an. Mit VMwares Software lassen sich auf Desktop- und Server-Prozessoren von Intel mehrere Instanzen von Linux, Windows und Novell-Betriebssystemen und Anwendungen betreiben. Außerdem ist es möglich, Betriebssysteme und Applikationen im laufenden Betrieb zwischen Prozessoren zu verschieben und Workloads über mehrere CPUs hinweg zu verteilen.

EMC-Chef Joe Tucci hätte mit dem Kauf von VMware ganz gern noch bis zum Sommer gewartet.
EMC-Chef Joe Tucci hätte mit dem Kauf von VMware ganz gern noch bis zum Sommer gewartet.

Solche Software ist Kern der Virtualisierungsbemühungen der großen Server-Hersteller. Sie ist nun im Besitz des Rivalen EMC, und es gibt keine wirkliche Alternative mehr als Quelle solcher Technik (speziell nachdem Connectix bereits von Microsoft übernommen wurde). EMCs CEO Joe Tucci hat laut "Computerwire" erklärt, er habe sowohl IBM als auch HP bereits kontaktiert und beiden Branchenriesen zugesichert, dass EMC VMwares Neutralität beibehalten werde. Einer von beiden (welcher ist nicht bekannt) habe bereits geantwortet und erklärt, man sei "ausgesprochen interessiert", die Beziehung zu VMware weiter zu pflegen.

Es ist davon auszugehen, dass EMC im Bieterwettstreit um VMware sowohl IBM als auch HP ausgebootet hat. Tucci sagte, eigentlich sei der Kauf nicht vor dem kommenden Sommer geplant gewesen, "aber der Augenblick der Wahrheit hat sich auf jetzt verschoben". EMC hatte in diesem Sommer bereits Legato gekauft und wird am Donnerstag dieser Woche außerdem die Übernahme von Documentum abschließen. Sicher hätte das Unternehmen mit VMware lieber noch abgewartet, bis diese beiden größeren Zukäufe einigermaßen verdaut gewesen wären.

Schon die Akquisition von Documentum hatte viele Beobachter überrascht, weil sich EMC damit in einen nicht direkt Storage-verwandten Markt begab. Durch den Zukauf von VMware betritt das Unternehmen weiteres Neuland. Es kann allerdings seine guten Beziehungen zu Dell als Kanal in den Server-Markt für VMwares Produkte nutzen. EMC betonte ausdrücklich, es werde das gute Verhältnis zu Dell nicht dadurch aufs Spiel setzen, dass es eigene Server-Hardware offeriere.

Durch die Integration der Virtualisierungssoftware von VMware mit der hauseigenen Disk-Mirroring-Technik wird EMC in der Lage sein, ein Produkt für den automatische Failover einer ganzen Server-, Anwendungs- und Storage-Gruppe auf Remote- oder Backup-Systeme anzubieten. Erste Ergebnisse der Integration sollen einige Monate nach Abschluss der Übernahme auf den Markt kommen, die vermutlich Anfang des nächsten Quartals erfolgt.

Ein potenzielles Risiko birgt die Übernahme - IBM und HP könnten der VMware-Software künftig die kalte Schulter zeigen und dieser damit einen Großteil des Marktes für Intel-basierende Server verschließen. Diane Greene, CEO von VMware, hält dies aber für wenig wahrscheinlich. "Das wäre zweifellos eine große Enttäuschung, aber ich wüsste nicht warum sie das tun sollten. So etwas könnte eigentlich nur passieren, wenn wir ihnen gegenüber unfreundlich würden - und dass wir das nicht tun, war Grundvoraussetzung für die Übernahmeverhandlungen." Die Übernahme durch EMC sei nicht zuletzt deswegen lohnenswert erschienen, weil sich VMware so nicht an einen der dominierenden Server-Hersteller binde, so Greene weiter.

IBM und HP bleibt auch kaum eine andere Wahl, als weiter mit VMware zusammenzuarbeiten. Die Entwicklung eigener Virtualisierungssoftware wäre vermutlich zu langwierig und zu kostspielig. IBM hatte im vergangenen Jahr erste Software für eine logische Partitionierung unter AIX herausgebracht - Jahre nachdem das Produkt angekündigt wurde. Logische Partitionierung funktioniert ähnlich wie Prozessorvirtualisierung, ist aber weniger komplex.

VMware-Chefin Diane Greene macht sich keine Sorgen über das Verhältnis zu IBM und HP.
VMware-Chefin Diane Greene macht sich keine Sorgen über das Verhältnis zu IBM und HP.

Neben VMware wäre Connectix ein weiterer Übernahmekandidat für IBM und HP gewesen. Dieser ging aber Anfang des Jahres an Microsoft, nachdem sich der Redmonder Konzern mit VMware nicht auf einen Kaufpreis hatte einigen können. Weiterhin agiert in diesem Marktsegment Mark Andreessens Firma Opsware, deren Produkte allerdings auf höherer Ebene angesiedelt sind und eher Server-Provisioning angehen. Gleiches gilt für von Terraspring und Opsware entwickelte Produkte, die sich inzwischen im Besitz von Sun Microsystems respektive Veritas befinden.

Der von EMC gezahlte Kaufpreis von 635 Millionen Dollar beläuft sich auf gut das Dreifache des von VMware für 2004 avisierten Umsatzes von 175 bis 200 Millionen Dollar. EMC erklärte, seine Vertriebsmannschaft werde VMwares Software anfänglich nicht direkt anbieten, aber bei der Lead Generation behilflich sein. Im vergangenen Jahr setzte VMware knapp 100 Millionen Dollar um. Über die letzten vier Jahre hinweg konnte die Firma ihre Einnahmen praktisch jedes Jahr verdoppeln. Wie schon Legato und Documentum wird die Firma aus Palo Alto als Abteilung von EMC agieren, Greene wird weiterhin an der Spitze stehen.

Für den Wert der gegenwärtigen Forschung und Entwicklung von VMware und weitere Kosten im Zusammenhang mit der Übernahme wird EMC im ersten Quartal 2004 voraussichtlich zwischen 15 und 20 Millionen Dollar in seiner Bilanz abschreiben. Das Nettoergebnis für das gesamte Geschäftsjahr soll dadurch praktisch nicht beeinflusst werden. Im Geschäftsjahr 2005 soll VMware dann voraussichtlich erstmals einen Cent zum Jahresergebnis pro Aktie beitragen. (tc)