Produktion der Zukunft

Eine Dating-Plattform für Maschinen

10.09.2020
Von 
Uwe Küll ist freier Journalist in München.
Die CATCH.direct GmbH, eine Kooperation von Ebner Industrieöfen GmbH mit AIT Austrian Institute of Technology GmbH und X-Net Holding GmbH, hat einen Service zur digitalen Vermarktung von Produktionskapazitäten entwickelt.
Die M2M Dating-Plattform soll zur zentralen Komponente einer verteilten IT-Lösung zur schnellen und effizienten unternehmensübergreifenden Vergabe & Abwicklung von Produktionsaufträgen werden.
Die M2M Dating-Plattform soll zur zentralen Komponente einer verteilten IT-Lösung zur schnellen und effizienten unternehmensübergreifenden Vergabe & Abwicklung von Produktionsaufträgen werden.
Foto: AIT

Die Ebner Industrieöfen GmbH als klassisches Maschinenbauunternehmen aus Österreich produziert Anlagen zum Wärmebehandeln von Metallen. Typische Anwendungen der Industrie-Öfen sind Härten oder Homogenisieren. Permanente Optimierungen der Produktionsprozesse bei gleichzeitiger Ausweitung des Leistungsportfolios bestimmen die Anforderungen der Kunden von Ebner, die jedoch häufig keine hohen Investitionen in neue Maschinen und Anlagen tätigen wollen.

So entsteht ein Markt für kurzfristige, oft auch kleinere Chargen von Produktionsaufträgen. Gleichzeitig streben die Betreiber von Industrieöfen eine möglichst hohe Auslastung ihrer Produktionskapazität an. Mit seiner hochsicheren Dating-Plattform für Maschinen bietet die CATCH.direct GmbH nun einen Service an, der Aufträge und Kapazitäten vermittelt und dabei eine deutlich schnellere Abwicklung entlang der Supply-Chain ermöglicht.

Einfach kooperieren

Mit diesem neuen digitalen Geschäftsmodell für Produktionsbetreiber will sich das Maschinenbauunternehmen zu einem Industrie-4.0-Anbieter entwickeln. Kern des neuen Angebots ist eine verteilte IT-Lösung zur schnelleren und effizienteren unternehmensübergreifenden Vergabe und Abwicklung von Produktionsaufträgen. Die M2M Dating-Plattform soll nicht nur die Produktion flexibilisieren, sondern auch Agilität und Effizienz der Unternehmen steigern, indem sie Kooperationen einfacher macht.

Digitale Disruption braucht überlegtes Handeln

Die M2M Dating-Plattform eröffnet neue Prozesse, Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodelle im Maschinenbau. Grundvoraussetzung für ihre erfolgreiche Umsetzung war die Einsicht, dass ein wirklicher Change des Mindsets für die Digitalisierung im Unternehmen ein Portfolio von abgestimmten Maßnahmen braucht.

Dazu gehört die Einbindung des Top-Managements von Beginn an, um das Digitalisierungsverständnis im Management des Unternehmens zu verankern und vorzuleben. Als ebenso wichtig erwies sich die Erkenntnis, dass große Innovationsschritte in der Digitalisierung eines Maschinenbauunternehmens digitale Kompetenzen und Technologien erfordern, die sich am einfachsten durch Kooperationen mit Innovationspartnern erschließen lassen - gemeinsam mit KMUs, Universitäten und Forschungszentren. Die frühe Einbindung unterschiedlicher Unternehmensbereiche wie IT, Vertrieb, Produktmanagement, Strategie und Betrieb, trug dazu bei, das Verständnis für disruptive Effekte durch die Digitalisierung im Unternehmen rasch zu entwickeln.

Strukturiertes Projektportfolio

Im Zuge seines Digitalisierungsvorhabens implementierte das Unternehmen ein klar strukturiertes Projektportfolio:

  • Ein Forschungsprojekt für grundlegende technologische Fragestellungen wie beispielsweise Quantencomputer-sichere Verschlüsselungstechnik, Verarbeitung verschlüsselter Daten, Matchmaking-Algorithmen auf Produktionsdaten-Ebene etc.

  • Ein unternehmensinternes Digitalisierungsprojekt.

  • Pilotprojekte zur raschen Implementierung von Lösungen, um Innovationsprozesse sowie Feedbackschleifen mit den Innovationspartnern zu ermöglichen.

Automatisiertes M2M-Matchmaking ...

Die Herausforderung bei der Umsetzung lag in der Vereinbarkeit von Sicherheit und Einfachheit. So erwarten die Nutzer eines Marktplatzes für Produktionsaufträge und -kapazitäten, dass die Spezifikationen des Angebotes und der Nachfrage für andere Marktakteure nicht lesbar sein dürfen. Gleichzeitig soll das Match-Making von Angebot und Nachfrage automatisch durch die Maschinen erfolgen. Dafür müssen die Plattform und die benötigten Daten einfach zugänglich sein. Die Lösung bestand darin, eine Dating-Plattform für Maschinenproduktionsdaten in der Cloud mit einem Matchmaking auf verschlüsselter Datenbasis zu kombinieren - und das ganz ohne zentrale Datenhaltung. Die Basis dafür bilden drei aufeinander abgestimmte technologische Ansätze.

... dezentral und verschlüsselt

Die passenden Anlagen und Dienstleistungsangebot für zu vergebende Aufträge ermittelt eine Matchmaking-Funktion, die Produktionsdaten wie Maschinenauslastung, Kalkulationen für die Preisermittlung, Logistikdaten etc. abgleicht, die nur lokal und verschlüsselt beim jeweiligen Anbieter liegen. Multi Party Computation (MPC) unterstützt Auftraggeber und -nehmer bis zum tatsächlichen Zustandekommen eines Deals, ohne Daten offen zu legen oder Geschäftsgeheimnisse preiszugeben. Für die erforderliche Nachvollziehbarkeit und Transparenz sorgt die integrierte Blockchain-Technologie.

Security by Design

Die geschickte Kombination unterschiedlicher digitaler Technologien mit dem Produktions- und Markt-Know-how des traditionellen Maschinenbauunternehmens ermöglicht die Buchung freier Produktionskapazitäten unterschiedlichster Werke weltweit. Das eröffnet den Kunden von Ebner, ihre bestehenden Anlagen besser auszulasten. Außerdem können sie kurzfristig zusätzliche Umsätze generieren, wenn die eigenen Öfen belegt sind und Leistungen in ihr Portfolio aufnehmen, für die es sich nicht lohnt, eine eigene Anlage anzuschaffen. Nach dem Prinzip Security by Design trägt die Lösung dabei dem Schutzbedürfnis der Kunden für ihr geistiges Eigentum Rechnung. Ein Aspekt, der mit zunehmender Digitalisierung der Fertigungsbranche an Bedeutung gewinnt.