Apple-Keynote

Ein revolutionäres Produkt, das alles veränderte

Kommentar  21.09.2018
Von   IDG ExpertenNetzwerk

Patrick Büch ist bei der FNT GmbH verantwortlich für den Geschäftsbereich Service Management und die Marktstrategie. Davor bekleidete er verschiedene Positionen im Business Development, Produkt Management und in der strategischen Marktentwicklung bei IDS Scheer AG und Software AG. Herr Büch ist seit mehr als 18 Jahren in der IT Branche tätig und als Evangelist für die Themen Service Management, Enterprise Architecture und Business Process Management international aktiv. Er publiziert regelmäßig in Fachmagazinen und ist Co-Autor von "The Intelligent Guide to Enterprise BPM".

"And we are calling it iPhone." - Ein Gänsehautmoment und was davon geblieben ist.

Apple. Das war in meiner Jugend irgend so eine Computerfirma aus den USA und das war es dann auch schon. Meine Freunde waren damals im Commodore-Fieber und so war auch mein erster Computer der legendäre C64. Nach dem traurigen Niedergang von Commodore kam zuerst einmal ein PC auf meinen Schreibtisch. Ein 486er, selbst zusammengebaut versteht sich. Als Apple dann den iMac G3 auf den Markt brachte - diese bunten Eier, die Bildschirm und Rechner in einem Gehäuse vereinten - nahm ich zum ersten Mal ein Apple-Produkt bewusst wahr.

Ebenfalls zum ersten Mal hat mich ein Computer mehr wegen seines Aussehens als wegen seiner Funktionalität interessiert. Aber bis zum Erwerb meines ersten Apple-Produkts sollte es noch ein wenig dauern. Natürlich war es ein iPod. Die dritte Generation, weiß und stylisch. Ich habe ihn geliebt: Das Touch Wheel, das Design und sogar die Verpackung. Ich weiß noch, dass der schwarzweiße Pappwürfel mindestens ein Jahr lang als Dekoration auf meinem Regal ausgestellt war. Apple hatte einen neuen Fan gewonnen.

"Every once in a while a revolutionary product comes along that changes everything"

Dann kamen die ersten Gerüchte auf und verdichteten sich immer mehr: Apple arbeite an einem Mobiltelefon. Genaueres wusste man nicht, aber ich war wie gefesselt von dem Gedanken und voller Spannung verfolgte ich im Jahr 2007 Steve Jobs‘ Keynote, in der er das iPhone nicht nur präsentierte, sondern perfekt inszenierte. Rückwirkend betrachtet sollte dieser Moment tatsächlich nicht nur gleich mehrere Branchen revolutionieren, sondern auch die Bedeutung des Mobilfunkgeräts in der tagtäglichen Nutzung für immer verändern.

Als ich vor ein paar Wochen las, dass Apple die magische Grenze von einer Billion US-Dollar Marktkapitalisierung durchbrochen hatte, nahm ich die Meldung zum Anlass, mir die Keynote von 2007 noch einmal anzuschauen und fand sie faszinierend.

"Are you getting it? These are not three separate devices, this is one device! And we are calling it iPhone."

Noch einmal zu beobachten, wie im ganzen Saal kollektiver Jubel ausbrach, als klar war, dass Apple tatsächlich ein Mobiltelefon auf den Markt bringen würde, rief bei mir wieder Gänsehaut hervor. Es war aber auch absolut faszinierend zu sehen, wie das Publikum staunend raunte und Beifall spendete, als Steve Features wie das Scrollen durch Playlisten, das Hinein- und Hinauszoomen in Fotos mit zwei Fingern, die Visual Voicemail, wie Chats angeordnete Kurznachrichten oder Google Maps mit der Satellitenansicht vorstellte. Ich weiß noch, dass auch ich diese Features umwerfend fand.

Dies alles waren noch nie dagewesene Funktionen, die heute absoluter Standard auf jedem Smartphone sind und die kein Kind mehr hinter dem Sofa hervorholen. Während ich Steve noch einmal bei der Demonstration des iPhones zuschaute, wurde mir bewusst, dass diese damals vorgestellten Funktionen so gut durchdacht waren, dass ich sie zum großen Teil noch heute auf meinem iPhone jeden Tag nutze. Genauer gesagt sind die meisten Features, die er damals voller Stolz zeigte, noch heute fast genauso in der aktuellen iPhone-Generation zu finden. Ein Beleg für die Reife, die schon damals hinter dem Benutzerkonzept stand.

In der Retrospektive zeigt es deutlich, welche gewaltige Innovation Apple mit dem iPhone vollbracht hatte. Ich muss zugeben, dass mir das gesamte Ausmaß damals nicht bewusst war, und ich hätte nie gedacht, dass der Satz “Your life in your pocket“ aus Steve Jobs’ Präsentation zur absoluten Realität werden würde.

"Today Apple is going to reinvent the phone."

Steve sagte in seiner Keynote im Jahr 2007: “Today Apple is going to reinvent the phone.” Und das hatte Apple wahrlich getan. Meiner Meinung nach war und ist das Smartphone in dieser Form noch immer das “Ultimate digital device” als das es damals angekündigt wurde. Aber die Rede enthielt auch ein Zitat von Alan Kay, das mich nachdenklich stimmte: “People who are really serious about software should make their own hardware.”

Ich bin ein Apple-Fan. Heute besitze ich nicht nur ein iPhone, sondern auch iPad(s), einen iPod, ein MacBook und ein AppleTV. Aber als ich das Zitat sah, fragte ich mich, warum Apple es nicht geschafft hat, überzeugende Soundsysteme zu entwickeln und mir stattdessen im Apple-Store Produkte von Drittanbietern als Zubehör anpreist, obwohl sie noch nicht einmal ausreichend in die Apple-Produktlandschaft integriert sind, während sich Smartphones der Konkurrenz problemlos verbinden können.

Bislang schaffte es der Homepod von Apple nicht, die Konkurrenz zu überholen.
Bislang schaffte es der Homepod von Apple nicht, die Konkurrenz zu überholen.
Foto:

Auch wenn es um Hardware von Apple geht, haben sich die Dinge verändert: Wieso hat es Alexa in mein Wohnzimmer geschafft, bevor Siri mit dem HomePod überhaupt eine Chance bekam? Warum habe ich mir als bekennender Apple-Fan einen Amazon-Fire-Stick zugelegt? Warum besitze ich eine Smart Watch von Garmin und keine von Apple? Wenn ich mit einem iPhone „My life in my pocket“ habe, warum ist das Gerät dann so schlecht mit meinem Fahrzeug integriert, in dem ich doch einen signifikanten Teil meiner Zeit verbringe? Zugegeben, das ist nur bedingt die Schuld von Apple, da die Fahrzeugindustrie gerne selbst die Kontrolle über die Schnittstelle zum Kunden behält, aber trotzdem: Es nervt mich.

Mit dem iPod und iTunes hat Apple die gesamte Musikindustrie verändert, ja revolutioniert, nur um dann später das Musik-, TV- und Video-Streaming-Business komplett zu verpassen und aus der agierenden in eine reagierende Rolle gedrängt zu werden. Meiner Meinung nach liegen die Gründe für den Erfolg des sehr spät eingeführten Apple Music einzig in der treuen Fan-Basis und im geschlossenen Apple-Ökosystem. Ich habe mich mehrfach gefragt, ob Steve Jobs diese Trends auch verpasst hätte.

Wird es noch einmal ein revolutionäres Produkt geben, das alles verändert?

Für mich hat es den Anschein, als würde Apple im „Innovators Dilemma“ stecken. Tim Cook hat bemerkenswerte Arbeit geleistet, die sich am Ende in der Marktkapitalisierung von einer Billion Dollar niederschlug. Apple hat mit seinen Innovationen die Welt verändert, ohne Zweifel. Ich bin auch überzeugt, dass das Unternehmen weiter hochinnovativ sein wird. Für mich stellt sich aber die Frage, ob Apple noch einmal ein revolutionäres Produkt auf den Markt bringen wird, das alles bis dahin Dagewesene verändert und in den Schatten stellt, so wie es mit dem iPhone gelungen war.

Die letzte Apple-Konferenz vor ein paar Tagen hat leider ein anderes Bild gezeichnet. Sicherlich hat Apple wieder in unnachahmlicher Weise tolle neue iPhones vorgestellt, die mit den besten technischen Features unserer Zeit gespickt sind - kleine Supercomputer, deren Preis inzwischen die der MacBooks jagt. Eine Apple Watch, die sicherlich viele Konkurrenten in den Schatten stellt, und die mit der Fähigkeit, ein EKG durchzuführen, einen großen Schritt in die Medizintechnik macht, wodurch Datenschützer wieder viel Stoff für ihre Sitzungen bekommen.

Nett, aber nicht bahnbrechend: Apple Watch 4 mit großem Display und EKG-Funktion
Nett, aber nicht bahnbrechend: Apple Watch 4 mit großem Display und EKG-Funktion
Foto: Apple

Aber die ganz große bahnbrechende Innovation hat wieder einmal gefehlt. Die Apple-Fans müssen sich also weiter in Geduld üben, bis es hoffentlich irgendwann wieder etwas ganz Großes gibt, einen Game-Changer, der noch einmal die Apple-Community jubeln und die Konkurrenz erzittern lässt – und vielleicht mit Steves berühmten Worten “One last thing” angekündigt wird.