Ambidextrie – Quick Check

Effizienz und Innovation gleichzeitig vorantreiben

24.06.2021
Von 
Dr. Gudrun Töpfer ist Geschäftsführerin der Change- und Organisationsberatung Wechselwerk GmbH sowie Gründerin des Thinktank Ambidextrie.
Unternehmen müssen für verlässliche Prozesse, aber auch die Disruption vorhandener Strukturen sorgen. Ein Widerspruch, doch die organisationale Ambidextrie hilft Führungskräften ihn zu managen.

Die IT-Branche steht unter Dauerfeuer: Wie kaum eine zweite Disziplin ist sie davon betroffen, sich anzupassen, zu erneuern und Antworten auf nicht gekannte Fragen zu finden. Dabei schält sich als eines der Handlungsfelder die Zerreißprobe heraus, die aus dem gleichzeitigen Bedienen von widersprüchlichen Anforderungen besteht.

Mit der organisationalen Ambidextrie lässt sich der vermeintliche Widerspruch aus dem Erhalten und Optimieren bewährter Dinge einerseits sowie der Erforschung neuer Wege - also Innovation - andererseits moderieren.
Mit der organisationalen Ambidextrie lässt sich der vermeintliche Widerspruch aus dem Erhalten und Optimieren bewährter Dinge einerseits sowie der Erforschung neuer Wege - also Innovation - andererseits moderieren.
Foto: shpakdm - shutterstock.com

Auf der einen Seite finden sich das Streben nach Effizienz, Stabilität, Qualität, die Einhaltung von Service-Level-Agreements, das Management von Bestands- beziehungsweise Legacy-Systemen und die Absicherung etablierter, standardisierter Prozesse, die klaren Anforderungen genügen müssen. Auf der anderen Seiten sehen wir uns mit der fortschreitenden Digitalisierung konfrontiert, die unser Wirtschaftsgeschehen immer stärker beeinflusst. Mit ihr wächst das Streben nach Innovation, agilem Vorgehen und immer kürzeren Entwicklungszyklen (time 2 market), in denen eine IT-Dienstleistung am Markt erscheinen und sich bewähren muss.

Steuerung und/oder Selbstorganisation?

Neben diesen Anforderungen haben sich auch neue Arbeitsformen in den IT-Bereiche durchgesetzt. Das traditionelle Paradigma von Kontrolle/Steuerung anhand zentraler KPIs stellt sich als widersprüchlich zu eigenverantwortlichem Arbeiten, verteilter Führung und der Berücksichtigung individueller Personen und deren Entwicklungszielen dar. In dieser Gemengelage Struktur, Sortierung sowie Orientierung und damit Handlungsfähigkeit zu gewinnen, wird zunehmend zum neuen Arbeitsfeld für IT-Führungskräfte.

Die beste Möglichkeit, diese Widersprüchlichkeit zu managen, bietet die organisationale Ambidextrie. Mit Ambidextrie ist ausdrücklich der Widerspruch aus dem Erhalten und Optimieren bewährter Dinge einerseits und der Erforschung neuer Wege - also Innovation - andererseits gemeint. Obwohl beide Ziele für Unternehmen wichtig und relevant sind, bleiben in ihren Konsequenzen, Grundannahmen und Werkzeugen doch konträr.

Ambidextrie bedeutet wörtlich "Beidhändigkeit" und bezieht sich eigentlich auf Personen, die mit beiden Händen annähernd gleich gut schreiben können. Übertragen auf Organisationen heißt dies, dass Unternehmen sich für stabile, verlässliche Prozesse und gleichzeitig die Auflösung und Disruption vorhandener Strukturen engagieren müssen. Es ist offensichtlich: Beides geht nicht einfach so, der Widerspruch muss aufgelöst werden. Nur wie?

Mit der richtigen Hand anpacken

Wie beim Schreiben kann man zwar als Rechtshänder mit der linken Hand ein längeres Stück Text abschreiben. Es gibt dabei aber verschiedene Probleme: Das Schriftbild sieht schief und verwackelt aus (Qualitätsproblem), man braucht entschieden länger (Quantitätsproblem) und außerdem verkrampft die Hand beim Schreiben, man ermüdet leichter und ist schließlich mit dem Verhältnis zwischen hohem Aufwand und schlechtem Ergebnis unzufrieden. Die Lösung muss also sein, die entsprechenden Arbeiten, Projekte und Aufgaben bewusst und transparent mit der "richtigen Hand" anzupacken.

Ambidextrie kann man sich mit dem Prinzip der bimodalen IT vergegenwärtigen, die schon länger genau diesen Widerspruch aufzulösen versucht: Auch hier wird das große Spielfeld der IT in jene Bereiche eingeteilt, wo stabile und an Standards orientierte Prozesse für Zuverlässigkeit sorgen. Solche Projekte haben oft einen längeren Planungshorizont und die Ergebnisse sollen längerfristiger eine stabile Basis liefern. Dem gegenüber stehen jene Bereiche, in denen kurzfristig, spontan und meist durch Versuche mit Prototypen grob in eine Richtung entwickelt wird.

Explore und Exploit harmonisieren

Die beiden Spielfelder unterscheiden sich dadurch, dass beim ersten das Problem oft klar ist, die Werkzeuge vorhanden oder zumindest bekannt und das Ziel meistens gut beschreibbar ist. Hier geht es darum zu optimieren. Die Anhänger der Ambidextrie sprechen von "Exploit". Im zweiten Fall ist oft nur klar, dass es ein Problem gibt. Das Ziel ist nur teilweise oder mit wenigen Eigenschaften bekannt, der Weg dahin kann verschieden sein und auch die Werkzeuge sind nicht vorhanden oder müssen sogar erst geschaffen werden. Dieser Bereich wird mit dem Begriff "Explore" beschrieben.

Zwischen beiden Vorgehensweise ist nicht zuletzt auf Basis der Debatte um die Agilität ein Grabenkampf eröffnet worden, der den Eindruck erweckt, nur eine der beiden Vorgehensweisen sei richtig. Die Ambidextrie positioniert sich hierzu klar und beschreibt, wie wichtig beide Prinzipien für gelingendes Arbeiten sind. Es kommt nicht darauf an, sich für eines der beiden zu entscheiden, sondern beide je nach Bedarf einzusetzen und zu steuern. Führungskräften kommt, wie so oft, im ganzen Geschehen eine Schlüsselrolle zu. Sie sind diejenigen, die im Bedarfsfall den Überblick über Aufgaben, Ziele und einzuhaltende Vorgaben haben. Auf dieser Grundlage können sie eine gezielte Steuerung von Ressourcen vornehmen.

Orga-Check: Von der Analyse zur Verbesserung

Um vom Zufall zur gezielten Steuerung zu kommen, sind zwei Komponenten nötig: Eine Analyse kann die momentane Praxis erheben und aufdecken, wie derzeit gearbeitet wird, gegebenenfalls getrennt nach Abteilungen oder Gruppen. Dieses Ergebnis sollte im Anschluss kritisch hinterfragt werden. Wo der Exploit-Modus stark ausgeprägt ist, sollte Raum für Innovation und Veränderung geschaffen werden. In Bereichen mit starker Explore-Ausprägung sollte immer wieder auf die Möglichkeit geachtet werden, sinnvoll Prozesse zu standardisieren und formalisieren, um Qualität zu sichern und mit den Ressourcen zu haushalten.

Der folgende "Quick Check Ambidextrie" unterstützt IT-Führungskräfte dabei, ihre Abteilung oder Tätigkeitsfelder auf die Ausprägung in Sachen "Explore" und "Exploit" zu untersuchen und daraus Verbesserungsmaßnahmen abzuleiten.