Bundesdeutsche beurteilen Computer bei Umfragen emotional:

DV bringt Marktforscher in die Klemme

12.12.1986

Die Einstellung der Bundesdeutschen gegenüber dem Computer scheint sich zum liebsten Kind der Marktforscher zu entwickeln. Nahezu monatlich werden neue Untersuchungen auf den Markt geworfen, deren Aussagen zwischen Technikoptimismus und -pessimismus hin und her schwanken. Bei ihrer Beurteilung ist es wichtig, neben der Trendaussage auch den Auftraggeber, die Zielgruppe sowie die Fragestellung unter die Lupe zu nehmen.

Während noch vor ein paar Jahren das Problem Technikakzeptanz vor allem in DV-Insider-Kreisen untersucht wurde, beschäftigen sich seit ein paar Monaten auch renommierte Marktforschungsinstitute wie Emnid und das Allensbacher Institut für Demoskopie damit. Für Überraschungen sorgen indes die widersprüchlichen Trendaussagen der Marktauguren zu diesem Thema: Sie wechseln von "der Computer ist schlicht unsympathisch", "Angst vor Arbeitslosigkeit wächst" bis zu "Bundesbürger keine Computer-Angsthasen mehr". Dabei tauchen die größten Meinungsschwankungen in der Beurteilung des Verhältnisses von Computer und Arbeitslosigkeit auf.

Interesse der Jugend hält sich in Grenzen

So stellt Detlef Müller-Böling, Dekan des Fachbereichs Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Dortmunder Hochschule, in einer Akzeptanz-Untersuchung folgendes fest: Waren 1974 lediglich 14 Prozent der Computer-Benutzer der Meinung, daß DV-Systeme mehr Arbeitslosigkeit verursachen, stimmten 1983 bereits 58 von 100 Befragten dieser These zu. Ganz anders sieht dagegen das Ergebnis der Emnid-Forscher aus, die zum dritten Mal ihre Studie "Mikrocomputer-Trends" im Auftrag der Messe Frankfurt durchgeführt haben: In ihrer Umfrage haben nur noch zehn Prozent der interviewten Bundesbürger Angst vor Arbeitslosigkeit, während es vor einem Jahr mit 18 Prozent fast doppelt so viele waren. Die Erklärung für die widersprüchlichen Resultate liegt in diesem Fall auf der Hand: Der Dortmunder DV-Wissenschaftler hatte ausschließlich Computer-Benutzer befragt, die Bielefelder Marktforscher dagegen die Einstellung von Bundesbürgern jeglicher Couleur unter die Lupe genommen.

Aber auch bei Umfragen, die sich an die gleiche Zielgruppe richten, warten die Marktanalysten häufig mit unterschiedlichen Resultaten auf.

So sorgte im Frühjahr dieses Jahres eine Umfrage des Instituts für Desoskopie in Allensbach zur Technik-Akzeptanz für einige Aufregung. Die Noelle-Neumann-Forscher fanden heraus, daß Interesse und Lust am Computer bei den Bundesbürgern weitaus geringer seien, als bisher von der DV-Industrie und etlichen Experten angenommen. Einerseits würden Begriffe wie Technik immerhin noch von 56 Prozent der Befragten als "sympathisch" empfunden und Computer vor allem mit dem Begriff "Zukunft" assoziiert. Andererseits aber fänden 54 Prozent der interviewten Testpersonen Computer und 49 Prozent Mikroelektronik "eher unsympathisch" - ebenso die Werbung oder Sozialismus. Da negative Technik-Folgen befürchtet werden, wolle man sich auch nur notgedrungen mit der DV beschäftigen.

Enttäuscht kommentierte denn auch das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln das Ergebnis. Enttäuscht vor allem, weil nicht wenigstens die Jugend - wie vorher angenommen - ein entkrampfteres Verhältnis zur Technik habe. Tatsache ist, daß die sogenannten Computer-Freaks in der Allensbacher Untersuchung nur als eine kleine Minderheit, nämlich sechs Prozent, ausgewiesen sind. Klaus Brepohl, Leiter der Zentrale für neue Medien im Institut der deutschen Wirtschaft äußert sich besorgt über dieses Resultat: "Wenn man bedenkt, wie viele Informatiker im Jahre 2000 benötigt werden, ist das Desinteresse der Jugendlichen eine Katastrophe."

"DV-Anwender befürchten vernetzte Gesellschaft"

Wiederum wesentlich positiver fallen die Ergebnisse zu diesem Thema dagegegen bei den Bielefeldern Emnid-Forschern aus: Acht von zehn der befragten Bundesbürger sind der Meinung, daß die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft den Computereinsatz verlangt. Noch 1984 glaubten lediglich 60 Prozent daran. Das Institut ermittelte darüber hinaus, daß die "Angst der Bürger vor einer computerisierten Gesellschaft" zurückgegangen ist. Äußerten dazu im Jahre 1984 noch rund 37 Prozent ihre Bedenken, seien es heuer weniger als ein Drittel. Weitaus größere Furcht vor einer "computerisierten Gesellschaft" haben dagegen die Befragten, deren Arbeitsplatz in naher Zukunft mit einem Personal Computer ausgestattet werden soll (58 Prozent). Von jenen, die bereits mit einem Mikrocomputer arbeiten, teilen immerhin noch 38 Prozent diese Bedenken.

Unterschiedliche Beurteilungen über die Technik-Einstellung treten sogar dann auf, wenn es sich bei den Befragten ausschließlich um DV-Anwender handelt. So stellte Müller-Böling in einer Untersuchung fest, daß die Benutzer in den Unternehmen der Bundesrepublik in den vergangenen zehn Jahren kritischer und skeptischer geworden sind. Wünschten sich etwa 1974 noch 73 vom Hundert eine Tätigkeit mit Computerunterstützung, waren es 1983 zehn Prozent weniger. Müller-Böling konstatierte ferner, daß die Meinung der Befragten, der Computer erleichtere die Arbeit, gegenüber 1974 zurückgegangen ist: "Derzeit werden erhebliche Chancen bei der Gewinnung der Akzeptanz vertan", betont der Wissenschaftler. Als Ursachen gelten seiner Meinung nach vor allem unzureichende Technik, organisatorische Strukturierung und mangelhafte Technik-Einführung in den Unternehmen. So seien ergonomische Erkenntnisse bei der Hardware keineswegs realisiert, fielen Systeme langfristig aus oder hätten zu lange Antwortzeiten (siehe CW vom 10. Oktober 1986, Seite 81, "Chancen für Akzeptanz werden vertan").

Mit diesen Akzeptanzproblemen scheinen österreichische DV-Benutzer dagegen nicht mehr zu kämpfen. In einer jüngst durchgeführten Untersuchung bei 291 Industriebetrieben mit 220000 Beschäftigten wurde nämlich eine deutlich zunehmende Akzeptanz der Mikroelektronik ermittelt. Die von der Industriellenvereinigung der Vertretung der privaten österreichischen Industrie initiierte Studie präsentiert als Ergebnis, daß die Mitarbeiter die Auswirkungen neuer Techniken als positiv bezeichnen. Pauschalurteile, wie "Jobkiller" oder "Knöpfchendrücker", müssen nach Ansicht der österreichischen Marktforscher aus der Welt geschafft werden.

Eine ambivalente Haltung dem Computer gegenüber ist hierzulande indes nichts Neues. Seit Jahren einzigen Untersuchungen, daß der Rechner von der Mehrheit der Bevölkerung sowohl als Fluch als auch als Segen empfunden wird. "Bei der Bewertung dieser Studien sollte man deshalb sehr vorsichtig sein", rät Georg Geiser, Mitarbeiter des Fraunhofer-Instituts für Informations- und Datenverarbeitung in Karlsruhe. Häufig werden zu viele Faktoren in einen Topf geworfen. Bei der Analyse müsse berücksichtigt werden, wer der Auftraggeber der Umfrage ist, welche Zielgruppe angesprochen wird und wie die Fragestellung lautet. Der Wissenschaftler gibt ferner zu bedenken, daß der Mensch gerne das sagt, von dem er glaubt, daß es von ihm erwartet wird oder daß es "in" ist. Besonders bei Begriffen wie Technik-Feindlichkeit reagiert Geiser mißtrauisch: "Es wird viel gegen Technik gewettert, aber der Alltag in den Büros und auch zu Hause läßt eher Technik-Euphorie vermuten." Außerdem sei es bei der Beurteilung der Technik-Einstellung wichtig zu unterscheiden, ob sich die Befragten mit der Datenverarbeitung an sich auseinandergesetzt hätten oder vielmehr mit möglichen negativen Folgen in unserer Gesellschaft, wie Datenschutz-, Energie-, Umwelt-, Rüstungsproblematik. Auch Datenverarbeiter, die ihren Job lieben, könnten diese Art von Ängsten haben.