KPMG über Accounting

Digitales Rechnungswesen scheitert an Prozessen

Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Viele deutsche Unternehmen stehen bei der Digitalisierung des Rechnungswesens noch am Anfang. Prozesse, Legacy und Streit um Ressourcen verzögern die digitale Transformation.
  • Digitalisierung des Rechnungswesens heißt in erster Linie eine papierlose Buchhaltung, homogene Systeme und das Management der Datenqualität
  • Die Verantwortung übernimmt in jeden zweiten Unternehmen der Leiter Rechnungswesen
  • Mehr als jedes zweite Unternehmen beobachtet eine engere Zusammenarbeit von Rechnungswesen und IT

"Ich glaube, man muss genau überlegen, in welchen Fällen wir Daten zur Geschäftssteuerung schneller und vielleicht sogar in Realtime brauchen", sagt Jochen Schmitz von Siemens. "Wobei man da natürlich auch sehr, sehr gut differenzieren muss, was nur 'schick' ist und was wirklich relevant ist und Wert schafft." Schmitz ist ein Teilnehmer der Studie "Digitalisierung im Rechnungswesen" des Beraters KPMG.

Nach KPMGs Reifegradmodell der Digitalisierung des Rechnungswesens liegen die meisten Firmen im Mittelfeld.
Nach KPMGs Reifegradmodell der Digitalisierung des Rechnungswesens liegen die meisten Firmen im Mittelfeld.
Foto: KPMG

KPMG erhebt den Status Quo deutscher Unternehmen. Die Antworten von knapp 150 Entscheidern, meist CFOs (Chief Financial Officer) oder Chief Accountants, wurden um Einzelgespräche ergänzt. Das Fazit ist eine Matrix aus vier Feldern: Als digitale Vorreiter (beim Einsatz digitaler Lösungen) lässt KPMG kein Unternehmen gelten. 15 Prozent sind digitale Pioniere, die das Thema stark priorisieren. Insgesamt 19 Prozent klassifiziert KPMG als digitale Anfänger oder Konservative. Bleibt eine große Mehrheit von 66 Prozent, die irgendwo im Mittelfeld zu verorten sind.

Erwartungen und Resultate

Unter der Digitalisierung ihres Rechnungswesens verstehen die Befragten in erster Linie eine papierlose Buchhaltung, homogene Systeme und das Management der Datenqualität. Das erklären zwischen 83 und 74 Prozent. Seltener nutzen sie Realtime-Reporting (51 Prozent) und Visualisierungs-Tools (45 Prozent). Mit Cloud Computing arbeitet nur eine Minderheit von 21 Prozent.

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Die Digitalisierung zeigt Wirkung. Rund drei Viertel (74 Prozent) der befragten CFOs erklären, Datenqualität und -konsistenz hätten sich verbessert. Fast ebenso viele (71 Prozent) bekommen ihre Reportings jetzt schneller. 62 Prozent sprechen von einem erweiterten Leistungsspektrum.

Die Prozesse sind die höchste Hürde, die Unternehmen bei der Digitalisierung des Rechnungswesens nehmen müssen.
Die Prozesse sind die höchste Hürde, die Unternehmen bei der Digitalisierung des Rechnungswesens nehmen müssen.
Foto: KPMG

BMW verbessert Datenqualität

Ein Studienteilnehmer, der bei BMW arbeitet, berichtet, das Unternehmen habe seit zwei Jahren weltweit einen einheitlichen Kontenplan als Vorgabe für die Systeme im Einsatz. "Unser Ziel war, dass dieser Kontenplan im System entsprechend implementiert ist, also kein Mapping nur für Konzernzwecke gemacht wird. Und jedes neue System im Rechnungswesen, das auf Kontierungen zurückgreift, ist verpflichtet, diesen Kontenplan zu nutzen." Seine Erfahrung: "Das hat uns in der Datenqualität einen Riesenschritt nach vorne gebracht und hat viel Diskussion beseitigt."

Legacy und Streit um Ressourcen

Mehr als zwei Drittel (68 Prozent) sehen sich im Zuge der Digitalisierung die eigenen Prozesse genauer an. Denn diese gelten als größte Hürde bei der Transformation. Die nächsthöhere besteht in den Legacys: Zu viele Systeme wurden in der Vergangenheit auch bei Standardprozessen zu stark unternehmensintern angepasst. Hinzu kommt Streit ums Geld, genau genommen um die interne Personalallokation zwischen kurzfristigen operativen Zielen und der Umsetzung einer langfristigen Strategie.

Stichwort Geld: Eine klare Mehrheit von 60 Prozent der Unternehmen wird künftig mehr Budget für die Digitalisierung des Rechnungswesens bereitstellen. 28 Prozent erwarten keine Veränderung. Fünf Prozent rechnen dagegen mit sinkenden Etats.

Digitalisierung bedeutet engere Kooperation mit der IT.
Digitalisierung bedeutet engere Kooperation mit der IT.
Foto: KPMG

Wer die Verantwortung trägt

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Die Verantwortung für die Digitalisierung des Rechnungswesens übernimmt in jeden zweiten Unternehmen (50 Prozent) der Leiter Rechnungswesen. In 28 Prozent ist es der CFO und in 15 Prozent die IT. Gleichzeitig erklärt jedoch mehr als die Hälfte der Befragten (54 Prozent), für das Management der Digitalisierung mit der IT zusammenzuarbeiten.

Nicht zuletzt verändern sich die Ansprüche an den Wirtschaftsprüfer, stellt KPMG fest. Fast zwei Drittel (63 Prozent) erwarten eine deutliche Effizienzsteigerung der Abschlussprüfung - "und damit in letzter Konsequenz wohl auch fallende Preise für die Prüfung ihres Unternehmens", schreibt KPMG.