Digitalisierung im Gesundheitswesen

Digitaler Graben teilt deutsche Ärzteschaft

04.02.2021
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Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.
Zwar hat die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens in der Coronakrise Fortschritte gemacht. Aber gerade unter den Praxisärzten gibt es immer noch viele Vorbehalte.
In Deutschland können oder wollen viele Ärzte mit digitalen Werkzeugen noch wenig anfangen.
In Deutschland können oder wollen viele Ärzte mit digitalen Werkzeugen noch wenig anfangen.
Foto: wavebreakmedia - shutterstock.com

Grundsätzlich habe die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung in Deutschland zuletzt große Fortschritte gemacht, so das Resümee des Bitkom nach einer Umfrage unter mehr als 500 Ärzten. Der IT-Lobbyverband verwies auf den gerade in der Coronakrise verstärkten Einsatz von Videosprechstunden und Gesundheitsapps sowie die Nutzung der elek­tronischen Patientenakte.

Jedoch sei Deutschlands Ärzteschaft gespalten, was den Einsatz digitaler Technologien angeht. Während Ärzte in Kliniken mehrheitlich offen für digitale Gesundheitsangebote seien, zeigten sich Ärzte in Praxen skeptischer. Demnach sehen dem Bitkom zufolge 86 Prozent der Klinik-Ärzte in der Digitalisierung primär Chancen für das Gesundheitswesen – zehn Prozent halten die Digitalisierung für ein Risiko. Bei den Praxis-Ärzten betonen 53 Prozent die Chancen und 39 Prozent sehen eher die Nachteile.

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Corona legt Defizite schonungslos offen

"Zwischen den Ärzten in Kli­niken und Praxen öffnet sich ein digitaler Graben", sagte dazu Bitkom-Präsident Achim Berg. Die Corona-Pandemie habe den Gesundheitssektor vor riesige Herausforderungen gestellt, Defizite würden schonungslos offengelegt. Dazu zählt Berg die Nachverfolgung von Infektionsketten, die Information potenziell Infizierter sowie die Terminvergabe bei der Schutzimpfung. "Zettelwirtschaft, analoge Prozesse und hohe Datenschutzhürden sorgen noch immer für Verzögerungen, unnötigen Mehraufwand und Informationsdefizite."

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Zwar erstellt mittlerweile jeder zweite Arzt Medikationspläne überwiegend digital, und sechs von zehn Ärzten greifen bei der Verwaltung von Notizen und Dokumentationen auf digitale Tools zurück. Doch die Kommunikation funktioniert größtenteils auf klassischen Wegen: Das Telefon bleibt für Ärzte der wichtigste Kanal im Austausch mit Patienten (77 Prozent), Apotheken (61 Prozent) und Praxen (53 Prozent). Jeder fünfte Arzt (19 Prozent) hält den Kontakt zu anderen Praxen überwiegend per Briefpost, 22 Prozent setzen vornehmlich auf das Fax. Lediglich jeder 20. Arzt kommuniziert überwiegend via E-Mail mit anderen Praxen (fünf Prozent), Apotheken (sechs Prozent) oder den Patienten (fünf Prozent).

Menschen wechseln Ärzte häufiger

"Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig Vernetzung, ein funktionierender, sicherer Datenaustausch und die digitale Dokumentation von Untersuchungsergebnissen sind", betonte IT-Lobbyist Berg. Schließlich seien die Zeiten vorbei, in denen ein Patient ein Leben lang beim selben Hausarzt in Behandlung ist. Die Menschen wechselten nicht nur Wohnorte, sondern auch Ärzte häufiger. "Wenn Akten und Befunde in Papierform abgeheftet werden, sind Doppeluntersuchungen, Sicherheitsdefizite und der Verlust von Informationen vorprogrammiert", warnte der Bitkom-Mann. "Umso wichtiger ist es, dass auch im Gesundheitswesen durchgängig digitale Prozesse eingeführt werden."

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Immerhin zeigen sich in Teilbereichen Verbesserungen. Einen deutlichen Zuwachs habe es beispielsweise beim Angebot von Video-Sprechstunden gegeben. Der Umfrage zufolge würden bereits 17 Prozent der Praxis-Ärzte Video-Sprechstunden anbieten, Vor Corona waren es gerade einmal sechs Prozent. Weitere 40 Prozent können sich dies für die Zukunft vorstellen. Auch die seit dem 1. Januar in Deutschland verfügbare elektronische Patientenakte (ePa) lässt auf eine effizientere Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen hoffen. Fast neun von zehn Klinik-Ärzten erwarten durch die ePa eine einfachere Zusammenarbeit zwischen Ärzten – bei den Praxis-Ärzten sind es 54 Prozent. Zu den weiteren Vorteilen zählt eine größere Transparenz für alle Beteiligten (Klinik-Ärzte: 72 Prozent / Praxis-Ärzte: 45 Prozent).

Allerdings warnen die Ärzte auch vor den Gefahren des Datenmissbrauchs. Darüber hinaus fürchten insbesondere Praxis-Ärzte hohe Investitionskosten, jeder zweite spricht laut Bitkom-Umfrage von einer schwierigen Integration der ePa in den eigenen Behandlungsalltag. Berg will diese Bedenken nicht gelten lassen: "Die elektronische Patientenakte ist ein Kernstück der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Indem sie Befunde, Diagnosen und Behandlungsberichte digital vereint, bietet sie einen schnellen und besseren Überblick für Ärzte und Patienten."

Komplexität bremst Digitalisierung aus

Die größten Hür­den bei der Digitalisierung sind aus Sicht der Ärzte die Komplexität des Gesundheitssystems (84 Prozent), drei Viertel empfinden den Aufwand für IT-Sicherheit und Datenschutz als zu hoch. Mehr als jeder zweite Arzt (56 Prozent) klagt auch über eine mangelnde Digitalkompetenz seiner Patienten. 43 Prozent der Befragten sehen diesbezüglich bei den Ärzten selbst Nachholbedarf.

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Die Digitalisierung verändert auch das Verhältnis zwischen Arzt und Patient. Viele Menschen informieren sich mittlerweile im Internet über Symptome und Krankheiten, bevor sie zum Arzt gehen. Neun von zehn Medizinern konstatierten, dass Patienten durch die Internetrecherche verunsichert werden. Zwei Drittel der Ärzte erklärten, dass sie den Umgang mit Patienten, die sich im Internet vorinformiert haben, als anstrengend empfinden. Andererseits würden die Patienten durch Informationen aus dem Internet auch mündiger, gaben 42 Prozent der Ärzte zu Protokoll. Fast jeder zweite Mediziner (48 Prozent) räumte ein, durch gut informierte Patienten sogar hin und wieder etwas dazuzulernen.

Insgesamt gehen die Ärzte laut Bitkom-Umfrage davon aus, dass mithilfe der Digitalisierung maßgebliche Fortschritte in der Medizin erreicht werden – auch bei der Bekämpfung globaler Pandemien. Acht von zehn Medizinern halten es für wahrscheinlich, dass spätestens im Jahr 2030 computergestützte Voraussagen flächendeckend im Einsatz sind, die vor Pandemien warnen und zum Beispiel durch Algorithmen die Dynamik von Infektionsgeschehen vorhersagen können. 72 Prozent erwarten, dass Organe wie Speiseröhrenimplantate, Haut oder Knorpelscheiben künftig mithilfe eines 3D-Druckers entstehen. 58 Prozent rechnen damit, dass Tierversuche durch Versuche an 3D-gedruckten Zellstrukturen ersetzt werden.

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