Anwender fordern bessere Unterstützung

Digitale Transformation mit SAP

06.09.2017
Von Gerhard Göttert
Mit S/4HANA liefert SAP nach eigenen Angaben den digitalen Kern für die Unternehmen. Gleichzeitig bietet der Softwarehersteller für alle relevanten IT-Betriebsmodelle ein großes Produktportfolio. Doch was auf den ersten Blick erfreulich für die Kunden scheint, offenbart bei näherem Hinsehen, dass auch SAP bezogen auf ihre Produkte und Services noch mitten im Transformationsprozess steckt.

Ob On-Premise-, Cloud- oder hybride Betriebsmodelle: Wenn Kunden Prozesse End-to-End über integrierte IT-Systemlandschaften abbilden möchten, finden sie bei SAP ein umfangreiches Produktangebot. Auf den ersten Blick brauchen sie, wenn überhaupt, nur wenige Non-SAP-Systeme, um eine Vielzahl ihrer Unternehmensprozesse abzubilden. Näher betrachtet zeigt sich aber, dass SAP in Bezug auf ihr Produktportfolio noch mitten im Transformationsprozess steckt und in einigen Bereichen ihren Kunden noch nicht das bieten kann, was diese brauchen.

Mit S/4HANA liefert SAP nach eigenem Bekunden den neuen "digitalen Kern" für die Unternehmen. Damit wächst die Verantwortung von SAP, die Unternehmen im Rahmen der digitalen Transformationen über die SAP-Produktwelt hinaus zu unterstützen. Die Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe e.V. (DSAG) fordert deshalb, dass SAP verschiedene Instrumente und Services anbietet, um herstellerunabhängig Systemlandschaften hinsichtlich der Umsetzung einer Digitalisierungsstrategie analysieren sowie einfach und wirtschaftlich betreiben zu können.

Wartung und Entwicklung haken an manchen Stellen

Konkret: Von SAP zugekaufte Cloud-Lösungen wie beispielsweise Concur oder SuccessFactors müssten einfach und smart an die existierende Business-Suite-Lösung beziehungsweise an S/4HANA angebunden werden können. Das ist aktuell jedoch noch nicht in dem Maße der Fall, wie es von "dem" Lösungsanbieter für Unternehmensprozesse zu erwarten wäre.

Zudem fällt es Entscheidern in Anwenderunternehmen bei der eingangs genannten Vielzahl an Lösungen auch nicht immer leicht, den Überblick zu behalten. Natürlich ist ein umfangreiches Angebot für Kunden attraktiv, doch in manchen Fällen stellt sich dann die Frage, welches Produkt ist das richtige? Denn: An einigen Stelle weist die Produktpalette von SAP Redundanzen auf - zum Beispiel bei Business Planning, Human Capital- oder Customer-Relationship-Management.

Gleichzeitig sorgt das große Produktportfolio auch dafür, dass Wartung und Weiterentwicklung der noch breit eingesetzten Business Suite in einzelnen Bereichen nicht immer nach den Markt- und Kundenbedürfnissen erfolgen. Es liegt auf der Hand, dass die massiven Anstrengungen von SAP bei der Weiterentwicklung von S/4HANA, der Integration der Business-Network-Solutions, der Entwicklung der SAP Cloud Platform und auch von SAP Leonardo - der SAP-Digitalisierungs-Plattform für Anwendungen und Micro-Services - enorme Entwicklungskapazitäten benötigen.

Kurz: Für die Kunden ist die aktuelle Situation nicht ideal. Auf der einen Seite stehen die neuen Produkte, die der Stützpfeiler der Digitalisierung in den Unternehmen werden sollen, und auf der anderen Seite stehen die Business-Suite und die Branchenlösungen, die noch immer einen Großteil der "Installed base" ausmachen.

Einflussnahme-Plattform macht sich bezahlt

Trotz aller Kritik: SAP hat in den vergangenen Jahren intensiv daran gearbeitet, Strukturen und Ressourcen zu etablieren, die es ermöglichen, Weiterentwicklungen umzusetzen, die aus Kundenanforderungen resultieren. Diese so genannte "Einflussnahme-Plattform" ist ein wichtiger Kanal für Kunden, ihre Anforderungen strukturiert bei SAP zu platzieren. Die Ergebnisse können sich sehen lassen.

Alleine in 2017 wurden bisher über das Einflussnahme-Programm mehrere hundert Produktverbesserungen entwickelt und ausgeliefert. Die DSAG sieht es als erforderlich an, auch in Zukunft den Kunden diesen Weg der Einflussnahme zu ermöglichen. Er darf aber nicht der einzige Treiber für eine Weiterentwicklung der SAP-Produkte werden.

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Es scheint aktuell so, dass die Kunden sich auf einen von SAP gesteuerten Übergang von der Business Suite auf S/4HANA einstellen müssen. Was an Entwicklungsressourcen in S/4HANA und alle anderen innovativen SAP-Produkte fließt, wird für die Installed base wohl fehlen. Was das heißt? Unternehmen sollten ihre Digitalisierungsstrategie prüfen und den Migrations- sowie Transformationsaufwand ermitteln.

Den geschätzten zeitlichen Aufwand sollten sie dann vom Jahr 2025, dem Ende der Mainstream-Wartung für die Business-Suite, subtrahieren, und sie erhalten den spätesten Starttermin zur Erneuerung ihrer ERP-Systeme. Es ist nicht verwerflich "Bewahrer" einer funktionierenden und wirtschaftlichen SAP-Lösung zu sein. Zur Realität gehört mittlerweile aber auch, dass der digitale Reifegrad eines Unternehmens entscheidend für seine Zukunft ist.

Lizenzpolitik - SAP hat hier nicht glücklich agiert

Für zusätzliche Verunsicherung auf dem Weg in die Digitalisierung hat SAP mit ihren Vorstößen zur Etablierung neuer Lizenzmodelle beziehungsweise mit der Auslegung vorhandener Lizenzkonventionen wie bei den Themen NetWeaver 3rd Party Foundation und indirekter Nutzung gesorgt. Auf Kundenseite gab es dazu viele kritische Stimmen.

Wie komplex und schwierig dieses Thema tatsächlich ist, wird dadurch belegt, dass nach langwierigen Gesprächen jetzt ein erster Meilenstein gesetzt wurde. Wirtschaftlich tragbare und vor allem kalkulierbare Lizenzmodelle sind eine der wichtigsten Grundlagen zur Beschleunigung des Transformationsprozesses. SAP hat hier in den vergangenen Monaten nicht glücklich agiert. Unzufriedenheit sowie Misstrauen bei den DSAG-Mitgliedsunternehmen und damit bei ihren Kunden sind die Folge.

SAP in der Bringschuld

Ohne eine klare und nachhaltige Produktstrategie und Transparenz beim Thema Lizenzen werden viele Unternehmen ihre Digitalisierungsvorhaben zurückhaltend angehen. In den kommenden Jahren wird sich SAP bei ihren Kunden neu positionieren müssen - das gilt insbesondere für die Bereiche IoT, Analytics und künstliche Intelligenz.

Sie sind die entscheidenden Treiber für das Business von morgen. Hier sieht sich SAP jedoch einer Vielzahl von neuen und leistungsfähigen Wettbewerbs-Produkten gegenüber. Mit SAP Leonardo hat der Softwarehersteller nun endlich eine wichtige Lücke im Produktportfolio geschlossen. Aber der Weg wird kein leichter. Die Unternehmen müssen den Wandel von einer produkt-zentrischen Welt in ein konsumenten-zentriertes Geschäftsmodell vollziehen.

Fraglich ist, ob sich SAP die Komplexität des vor ihren Kunden liegenden Transformationsprozesses in Gänze bewusst gemacht hat. Die digitale Transformation ist eine gewaltige Gemengelage - sie beginnt bei der Prüfung des Geschäftsmodells und endet in einem kulturellen Wandel. Anbieter wie SAP müssen daher hinsichtlich des Reifegrads ihrer Produkte und den Leistungsumfängen ihrer neuen Applikationen und Anwendungen noch mehr Transparenz schaffen.

Schließlich stoßen Kunden derzeit schon in ihren Systemlandschaften auf eine hohe Komplexität. Die Orientierung, mit welchen Produkten und mit welcher Architektur SAP-Kunden diese Systemlandschaften künftig ausgestalten sollen, wird zunehmend schwieriger. Daher ist es umso wichtiger, dass SAP über die eigene Produktwelt hinausschaut und Tools anbietet, mit denen Transformations- und Migrationsszenarien mit SAP- und Non-SAP-Anwendungen erstellt werden können.

Es gibt noch viel zu tun

Fakt ist nun einmal: Die Kunden tauschen nicht einfach eine Business Suite gegen S/4HANA. Sie ersetzen vielmehr das Herz eines hochkomplexen Organismus, dessen weitere Organe in vielen Fällen nicht von SAP stammen. Es reicht also nicht aus, Migrationsszenarien und Tools für die SAP-Systemwelt zur Verfügung zu stellen.

Die Kunden brauchen umfassendere Analyse-Instrumente und Services, die es ermöglichen, alle wesentlichen IT-Applikationen und -Systeme bei der Entwicklung einer Migrations- und Transformationsstrategie mit einzubinden. Und wer, wenn nicht SAP, der Systemlieferant für den digitalen Kern, sollte diese Instrumente liefern?