CeBit 97CCDs statt Filme - PCs als Labor

Digitale Kameras: Noch lächeln Fototraditionalisten

07.03.1997

Die Idee liegt nahe: Man nehme die Licht in Strom umwandelnden CCD-Sensoren (CCD = Charge-coupled Devices) aus einem Scanner und baue sie anstelle eines Films in Kameras ein. Die Bilddaten fließen direkt oder auf dem Umweg über einen Massenspeicher in einen PC, wo sie sich weiterverarbeiten lassen.

Nach Größe und Gewicht bieten sich einäugige Kleinbild-Spiegelreflexkameras (Single Lense Reflex = SLR) für digitalen Einsatz an. Außerdem läßt sich die Rückwand vieler SLRs entfernen, um sie durch "Backs" für weitere Kamerafunktionen zu ersetzen. Man könnte auch eine mit CCD-Sensoren bestückte Rückwand einbauen, wobei auf dem frei gewordenen Raum von Film und Aufwickelspule elektronische Steuer- und Speicherelemente Platz hätten. (In der Praxis ist das allerdings erheblich komplizierter.)

Tatsächlich gibt es seit Jahren digitale Fotokameras, die nach dieser Konzeption funktionieren, unter anderem von den größten SLR-Herstellern Canon, Nikon und Minolta. Die meisten haben für den Massenspeicher einen Unterbau, der fast so groß ist wie die eigentliche Kamera.

Vor allem Fotografen der Tagespresse verwenden diese Kameras. Der Grund liegt nahe: Digi- tale Fotografie erspart die Zwischenschritte Laborentwicklung sowie Scan und erlaubt so mehr Aktualität. Der Preis solcher Kameras ist exorbitant, ab 15000 Mark sind die einfachsten zu haben. Die entsprechende analoge Kamera würde etwa ein Zehntel davon kosten.

Damit bliebe digitale Fotografie auf einen sehr kleinen, exklusiven Anwenderkreis beschränkt. Doch jenseits vom schwach gestarteten neuen Film- und Kameraformat Advanced Photo System (APS) vollzieht sich derzeit eine Revolution auf dem Fotomarkt. Seit der Kölner Fachmesse Photokina letzten Jahres kann von einem Durchbruch für die digitale Fotografie die Rede sein.

Seither sind zahlreiche digitale Kameras zu Preisen zwischen 1000 und 2000 Mark erschienen. Gerade der deutsche Markt hat die Hersteller überrascht, in keinem anderen Land der Welt sind (bezogen auf die Bevölkerungszahl) die digitalen Kameras ein derartiger Renner. Selbst in den USA, wo es Ärger geben kann, wenn ein Fotolabor einen entblößten Busen auf dem Film entdeckt, scheinen die potentiellen Anwender noch nicht erkannt zu haben, welche Vorteile es hat, quasi im Heim-PC die Fotos "entwickeln und abziehen" zu können.

Die neue Kamerageneration sieht äußerlich zunächst einmal überhaupt nicht "professionell" aus. Manche Hersteller nutzen die Gelegenheit, sich ganz von den durch "Optik plus Film rechts und links" bestimmten Gestaltungsgrenzen zu befreien. Die Designer durften sich austoben.

So wanderte bei der von der Fotopresse hochgelobten "Powershot 600" von Canon das Objektiv in eine Ecke. Ähnlich die "DS-7" von Fuji sowie die Casio "QV-10" und "QV-300", letztere hat ein vertikal schwenkbares Objektiv. Bei der "Dimage" von Minolta ist es gar seitlich am Hauptgehäuse befestigt.

Der Verwendungszweck einer "Coolpix 100" von Nikon ist auf einen flüchtigen Blick überhaupt nicht zu erkennen. Die (preislich in einer höheren Region angesiedelten) "PDC"-Kameras von Polaroid könnten auch als futuristische Raumschiff-Modelle durchgehen. Die "Quicktake"-Geräte von Apple, Kodak ("DC 40/50"), die Samsung "SSC 410N", die Sony "DKC ID1" und andere Geräte der ersten Generation sehen aus wie falsch gehaltene Videokameras.

Die nicht für Alltagsfotografie vorgesehene, auf der CeBIT erstmals der Öffentlichkeit gezeigte "Powershot 30T" von Canon kommt als unmittelbares PC-Peripheriegerät nach Art ähnlicher Geräte von Logi gleich ganz ohne Sucher aus. Diese Geräte stehen am Übergang zu den Bereichen Still-Video- und Low-end-Video-Conferencing.

Eine andere Herstellergruppe verfolgt ein klassisches Kameradesign. Hier wären unter anderem Olympus mit der "C-400(L)" und "C-800L", Agfa ("Ephoto 307"), Sanyo ("VPC G1"/"D-Cam") und Epson ("Photo-PC 500") zu nennen.

Martin Hubert, Marketing-Leiter bei Olympus, begründet diese Herangehensweise an den Markt damit, daß auch digitale Kameras den Kunden vertraut erscheinen sollten. Daraus folgt auch, daß die C-800L, derzeit in der Klasse bis 2000 Mark die Kamera mit dem höchsten Auflösungsvermögen, so einfach zu bedienen ist wie ein kompakter "Knipser"-Apparat.

Die meisten dieser Kameras fallen durch eine sehr kleine Optik auf. Sie haben nur eine Brennweite von etwa fünf Millimetern, was einer Brennweite von ungefähr 40 bis 50 Millimetern im traditionellen Kleinbildformat entspricht, sind also nicht mehr als ein etwas weites Normalobjektiv. Die Ursache hierfür sind die CCD-Chips. Die meisten Kamer-Anbieter verwenden dieselben Lichtsensoren, die auch in Videokameras zu finden und aufgrund ihrer Massenproduktion preisgünstiger als spezielle Fotochips sind. Im allgemeinen nutzen die Hersteller sie zur Zeit bei einer Auflösung von 640 x 480 Pixel.

Meistens Video- statt spezieller Foto-CCDs

Die einzelnen Sensorenelemente werden laufend kleiner, es bereitet jedoch Schwierigkeiten, sie in immer größerer Zahl auf einen Chip zu packen. Die Chips würden dabei überproportional dicker und noch wärmeempfindlicher, als sie es ohnehin schon sind. Außerdem steigt in der Produktion die Ausschußquote mit der Packungsdichte.

Allerdings beginnt sich zur Zeit eine neue Generation von "Progressive CCDs" durchzusetzen. Aber noch sind diese Chips teurer als die vom Video-Massenmarkt. Und sie erlauben derzeit nur eine Auflösung, die etwa dem VGA-Standard entspricht.

Das beschränkt das Auflösungsvermögen von digitalen Kameras aus der erträglichen Preisklasse. Dies hat wiederum zur Folge, daß deren Optik nicht so hochwertig sein muß wie bei normalen SLRs. Die Größe der CCD-Elemente sollte dem in "Linien" pro Millimeter gemessenen Auflösungsvermögen der Optik entsprechen. Um bei digitalen Kameras eine höhere Auflösung zu erreichen, wären CCDs höherer Packungsdichte nötig.

Das hat die zu erwartenden Folgen für die Bildqualität. Wenn heute Fotomagazine Spitzennoten für digitale Kameras vergeben, so beschreiben sie nur ein Preis-Leistungs-Verhältnis vergleichbarer Systeme. Digitale Bilder von Kameras in der Klasse bis 2000 Mark können sich noch nicht mit Dias mittelmäßiger Kompaktkameras messen.

Ein mit SLR aufgenommenes Dia auf 100-ASA-Film trägt rund vier Millionen Bildinformationen, dasselbe digitale Bild hat bei der Olympus C-800L in hochauflösender Einstellung 768 432 Pixel. Auch viele der oben erwähnten, sehr viel teureren "Digis" auf SLR-Basis können es mit ihren analogen Schwestern nicht aufnehmen. Erst eine Spitzenkamera wie die Kodak/Nikon "DCS-460" schafft das - und zwar gleich mit sechs Millionen Pixeln.

Noch weit entfernt von normaler Filmauflösung

Daraus folgt, daß schon ein paar einfache digitale Fotos auch bei Komprimierung - das gängige Verfahren ist JPEG - enorm viel Speicher erfordern. Manche Hersteller digitaler Kameras legen die Bilddaten auf wechselbaren Flash-Speichern im PC-Card-Format ab. Diese sind allerdings für Kameraverhältnisse groß, mit einem Preis von 150 bis 200 Mark pro MB sehr teuer und fassen nicht mehr als etwa 40 Fotos in hoher Auflösung auf einer Karte.

Andere Anbieter verzichten zur Zeit auf Wechselspeicher und legen die Fotos in internen RAM-Chips ihrer Kameras ab. Das ist die momentan kostengünstigere Lösung, aber auch die unflexibelste, weil sie - garantiert im unpassendsten Moment - verlangt, die Fotodaten auf die Festplatte eines PCs herunterzuladen.

Das gute Feature LCD ist ein Batteriefresser

Allerdings zeichnet sich eine Entwicklung ab, die das Speicherproblem erheblich entschärfen könnte. Es haben sich gleich zwei Herstellerkonsortien zusammengefunden: Unter Führung von Toshiba erfolgt die Entwicklung der "Smart-Media"-Karte (SSFDC), die kleiner als eine PC-Card ist, halb soviel kostet und mittels eines Adapters in PC-Card-Slots paßt. Dieser Speichertyp eignet sich besonders für digitale Fotos. Die ersten Kameras mit diesen Karten kommen gerade auf den Markt.

Als nicht weniger interessant könnte sich die Entwicklung in einem Konsortium unter Leitung von Intel herausstellen. Diese "Miniature Card" ist in ihrer Speicherkonzeption besonders auf die digitale Ablage von akustischen Informationen angelegt, scheint aber auch eine gute Speicherverwaltung für Fotos zu bieten.

Aus dem Speicherproblem hat sich kurioserweise ein Feature vieler digitaler Kameras ergeben: Sie haben einen kleinen Farb-LCD. Die sind inzwischen so billig, daß der Einbau sich lohnt. Denn auf ihnen kann der Fotograf nach einigen Sekunden Ladezeit des Bildes in den ROM-Speicher erkennen, ob die Aufnahme gelungen ist. Auch die zurückliegenden Fotos einer Speicherserie lassen sich vergleichen. Schlechtere Aufnahmen kann man löschen und so Speicherplatz sparen.

Das allerdings hat seinen Preis. Jeder LCD ist ein überaus gieriger Stromfresser. Ein Satz Batterien hält bei regelmäßiger Beurteilung jedes Bildes und gelegentlichen Vergleichen nur für eine Serie von 25 bis 30 Aufnahmen. Ein engagierter Fotograf wird im Verlauf eines Tages zur wandelnden Sondermülldeponie. Die Verwendung von Akkus sei dringend empfohlen.

Recht merkwürdig mutet es schon an: Die Hersteller verpacken eine neue Generation von Fotoapparaten in minimalistische Gehäuse, die eher wie Ritsch-Ratsch-Kameras aussehen.

Ihr öffentlich erklärtes Ziel soll der Massenmarkt sein. Zugleich aber verlangen sie einen Preis, der deutlich über dessen Grenzen im Fotobereich liegt.

Tatsächlich sind es heute vor allem Unternehmen und Profifotografen, die digitale Kameras kaufen. Erstere nutzen sie beispielsweise für schnelle Dokumenta- tion, unmittelbare Einbindung der Fotos in Internet-Dokumente oder in Sicherheitsbereichen. Profifotografen haben die Geräte als Polaroid-Ersatz für Set-Fotos entdeckt.

Engagierte Fotoamateure sind eine wichtige Zielgruppe, da viele von ihnen sich für PC-gestützte Bildbearbeitung und -archivierung interessieren. Die aber schieben oft die Anschaffung hinaus, weil ihnen der naheliegende Schritt zur digitalen Fotografie beim jetzigen Preis-Leistungs-Verhältnis noch nicht attraktiv genug ist (siehe Kasten "CD und MO").

Preise und Leistung werden sich allerdings schon in naher Zukunft ähnlich wie bei den PCs entwickeln, wenn auch nicht derartig dramatische Preisrutsche zu erwarten sind.

Schon Ende dieses Jahres dürften Spitzenkameras, die jetzt 2000 Mark kosten, nur noch Mittelklasse sein. Ihr Preis wird deutlich fallen, denn die Branche scheint auch für bessere digitale Consumer-Kameras den 2000-Mark-Level als wichtige Grenze ausgemacht zu haben.

Noch eine Merkwürdigkeit: Mit Epson fällt ein Anbieter auf, der bisher nicht aus der Fotobranche, sondern eher als Druckerhersteller bekannt ist. Gleiches gilt für Kyocera mit der Kamera "DA-1" und NEC ("PC-DC 410"). Die CeBIT wird gar eine Überraschung in Fotodingen erleben: Hewlett-Packard (zwar nicht als Entwickler und Hersteller, aber) als Anbieter einer digitalen Kamera unter eigenem Label.

Wenn man dann noch die Beobachtung hinzunimmt, daß in letzter Zeit die Vorstellung solcher Kameras oft mit der Präsentation neuer "fotorealistischer" Drucker verbunden ist, drängt sich ein Verdacht auf: Digitale Kameras sollen die Nachfrage nach Druckern einer Leistungsklasse stimulieren, die man normalerweise im Büro oder daheim nicht benötigt. Und weil sich an einem Teil der Drucker noch besser verdienen läßt: Digitale Kameras sollen den Verbrauch von teuren Farbkartuschen in die Höhe treiben.

Angeklickt

In jüngster Zeit drängen zahlreiche Hersteller mit Kameras auf den Markt, die die Bildinformationen nicht auf einem Film, sondern auf CCD-Sensoren belichten und digital speichern. Die Entwicklung wird überflüssig, PCs werden zum privaten Fotolabor, die Archivierung erfolgt auf preisgünstigen CDs und MOs. Die Preise der digitalen Kameras fallen schnell und nähern sich dem "Jedermann"-Niveau. Die Technik ist allerdings noch nicht so ausgereift, daß sie mit der Qualität analoger Fotos mithalten könnte.

Foto-Archivierung auf CD und MO

Wer mit digitaler Fotografie anfangen möchte, sollte sich darüber im klaren sein, daß sie sofort weitere, nicht unerhebliche Kosten für die Speicherung der Bilder nach sich zieht. Festplatten sind bei der Größe auch komprimierter Bilddateien keine Lösung. Zwei Speichermedien bieten sich an: CDs oder magneto-optische (MO) Scheiben.

Wer einen CD-Brenner besitzt, für den ist die Wahl klar. Für alle anderen dürfte ein MO-Laufwerk die bevorzugte Wahl sein. Deren Preis rutscht gerade in den Keller. So gibt es von Olympus drei Bautypen mit 230 MB Kapazität zum Preis von 500 bis 600 Mark. Als nächstes dürften die Speichervolumina von MOs in dieser Preisklasse Schlagzeilen machen.

MOs bieten, verglichen mit Medien wie CDs, Wechselplatten und Minidisketten, einige Vorteile. Sie sind gegenüber elektromagnetischen Einflüssen, Staub oder Kontakt mit den meisten Fremdmaterialien unempfindlich. Ihre Lese- und Schreibgeschwindigkeit ist erstaunlich. MOs bieten mit mindestens 30 Jahren Speicherstabilität die beste Haltbarkeit von digitalen Informationen und sind für die allgemeine Datensicherung sehr gut geeignet.

Im Gegensatz zu CDs sind MOs außerdem wiederbeschreibbar. Das hat nicht nur den Vorteil, die Fotos der oder des "Ex" wie im richtigen Leben vernichten zu können. Viele Fotos wird man auch mit einigem zeitlichen Abstand nicht mehr aufheben mögen. Vor allen Dingen aber läßt sich eine MO als temporärer Zwischenspeicher in der Bildbearbeitung verwenden.

CDs haben demgegenüber den Vorzug, daß sich überall ein entsprechendes Laufwerk findet. Ein kleines, portables und billiges Photo-CD-Laufwerk läßt sich schnell an jeden Fernseher anschließen. Das ist allemal weniger aufwendig, als eine Verbindung von einem PC zum TV herzustellen oder Diaprojektor und Leinwand aufzubauen. Eine Alternative zum gefürchteten Dia-Abend.

Es könnte für viele Anwender ökonomischer sein, sich keine digitale Kamera zu kaufen, sondern wie gehabt mit analogem Filmmaterial zu fotografieren und nur die interessantesten Bilder scannen zu lassen. Ebenso dürften viele Hobbyfotografen daran interessiert sein, ihre langsam, aber sicher ausbleichenden Dias durch Digitalisierung auf CDs zu sichern.

Einen entsprechenden Service bieten viele kleine spezialisierte Unternehmen und jeder gute Fotohändler an. Je nach der gewünschten Auflösung der Fotos passen unterschiedlich viele auf eine CD. Und entsprechend variieren die Preise - zur Zeit zwischen 0,60 und 1,40 Mark pro Foto. Der Interessent sollte sich über die Auflösungsformate (als Bitmaps), über die Kompressionsverfahren und die entsprechenden Preisstaffeln genauestens informieren.

Zuvor allerdings sollte man sich darüber im klaren sein, zu welchen Zwecken die Fotos später möglicherweise (!) gebraucht werden sollen. Das bestimmt die notwendige Auflösung. Wer eine Veröffentlichung seiner Bilder in Printmedien nicht ausschließen möchte, braucht unbedingt höchste Auflösung.

Es könnte bald preislich attraktiv sein, Dias selbst zu scannen. Die entsprechenden Filmscanner waren bis vor kurzem für Privat- oder Kleinanwender unerschwinglich. Derzeit sinken die Preise von Geräten für private Zwecke mit akzeptabler Auflösung und Farbtreue auf die 1000-Mark-Schwelle.