Erst die Infrastruktur, dann der Service

Digital Health - zwischen Chancen und Risiken

30.05.2018
Von 
Jürgen Hill ist Teamleiter Technologie. Thematisch ist der studierte Diplom-Journalist und Informatiker im Bereich Communications mit all seinen Facetten zuhause. 
Die digitale Transformation betrifft alle Bereiche - auch das Gesundheitswesen. Über Chancen und Risiken dieser Digitalisierung diskutierte der MÜNCHNER KREIS.
Ohne eine funktionierende Infrastruktur geht in Sachen Digital Health wenig.
Ohne eine funktionierende Infrastruktur geht in Sachen Digital Health wenig.
Foto: Rene Schmöl

Mit dem Gesundheitswesen widmet sich der MÜNCHNER KREIS einem besonders sensiblen Bereich, der letztendlich jeden betrifft. Wie die Digitalisierung und die Nutzung großer Datenmengen zur Verbesserung der Patientengesundheit beitragen und welche Chancen und Risiken sich ergeben, darüber diskutierte der MÜNCHNER KREIS mit rund 140 Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik auf der Fachkonferenz "Digitalisierung und Big Data als Treiber für ein patienten- und outcome-orientiertes Gesundheitswesen". Die Fachleute thematisierten unter anderem konkrete Anwendungsbereiche und gingen mit Blick auf andere Länder der Frage nach, wie die Digitalisierung das Gesundheitswesen verbessern kann.

"Das Gesundheitswesen ist im Bereich der Digitalisierung noch eine Baustelle - hier werden jetzt die Weichen gestellt", beschrieb Bernhard Seidenath, Mitglied des Bayerischen Landtags und gesundheitspolitischer Sprecher der CSU-Landtagsfraktion, die aktuelle Lage in Deutschland. Nur eine bessere Vernetzung aller Akteure und ein effizienterer Datenaustausch könnten die Behandlung der Patienten optimieren und so letztendlich zu besseren Ergebnisse führen, so Seidenath weiter.

Infrastruktur first - Service second

Deutlich wurde: Eine funktionierende Infrastruktur ist die Voraussetzung für die Implementierung konkreter Services und Plattformen im Bereich "Digital Health". Professor Bernhard Wolf von der Technischen Universität München, forderte denn auch: "Gerade für die Gesundheitsbranche brauchen wir hohe Kapazitäten in der Breitbandverfügbarkeit. Dieser Aspekt ist bisher leider vernachlässigt worden." Damit der Datenaustausch zwischen den verschiedenen Akteuren reibungslos und patientenorientiert erfolgen kann, ist darüber hinaus eine Vereinheitlichung der Schnittstellen und existierenden Anwendungsstandards unerlässlich.

Big Data ist gut, Datenschutz ist besser

Das Sharing von Patientendaten wirft rechtliche Fragen auf.
Das Sharing von Patientendaten wirft rechtliche Fragen auf.
Foto: Klinikum Augsburg/Ulrich Wirth

Die Einführung von Gesundheitsdatenzentren bietet die Möglichkeit der Analyse großer Datensätze, beispielsweise für die Therapie- und Versorgungsforschung, anhand derer eine Ableitung verbesserter Behandlungsmethoden erfolgen kann. Gleichzeitig wirft das "Sharing" von Patientendaten die Frage nach den richtigen Schutzmechanismen und gesetzlichen Rahmenbedingungen auf. Fabian Prasser vom Klinikum rechts der Isar muss durch unterschiedliche Verfahren der Datentransformation, wie etwa Pseudonymisierung oder Stichprobenziehung, sichergestellt werden, dass die verwendeten Daten nicht re-identifizierbar sind.

"Im Endeffekt ist Datenschutz auch ein Abwägungsprozess zwischen Risiko versus Nützlichkeit - hier sollte immer zum Wohle des Patienten entschieden werden", urteilte der Experte für Datenschutz in der Medizin. Big Data macht eine 4P-Medizin - präventiv, personalisiert, präzise und partizipativ - möglich. Gleichzeitig rückt der Patient als Akteur weiter in den Fokus. Damit die Bereitschaft zu Veränderungen und das Vertrauen in die Technologie gestärkt werden, müsse die Datenverantwortlichkeit ernst genommen und Daten verschlüsselt werden. Den Schlüssel dazu habe dann der Patient, unterstrich Dr. Barbara Böttcher, von Watson Healthcare, IBM Deutschland GmbH.

Internationaler Vergleich

In den Augen der Experten sind Länder wie Estland, Dänemark, Japan oder Norwegen Vorreiter im Bereich "Digital Health". Dessen ungeachtet hinke die Digitalisierung des Gesundheitssystems - beispielsweise verglichen mit dem Finanzsektor - international hinterher, analysierte Stefan Biesdorf, McKinsey & Company Inc.

Dass dies neben schwerfälligen regulativen Fortschritten zumeist an Denkansätzen und weniger an technischen Voraussetzungen liegt, brachte Professor Josef Noll, Basic Internet Foundation in Kjeller und Universität Oslo, auf den Punkt: Während in Deutschland noch "Systems Thinking" vorherrsche, gäbe es in Norwegen bereits eine vernetzte "Try-and-Succeed"-Herangehensweise.

"Die Herausforderungen liegen auf der Hand. Jetzt gilt es, konkrete Lösungsansätze zu finden, um das Gesundheitssystems unterstützen zu können und die Potenziale der Digitalisierung zu nutzen", zog Professor Michael Dowling, Vorstandsvorsitzender des MÜNCHNER KREIS, Resümee. Dabei darf die Digitalisierung laut Dowling kein Selbstzweck sein, sondern muss Instrument zum Wohle des Patienten sein.