Barrierefreie Websites

Diese Richtlinien werden Pflicht

20.09.2019
Von   IDG ExpertenNetzwerk
André Meixner ist Leiter User Centered Test bei T-Systems Multimedia Solutions. Die Hauptaufgabe seines Bereichs ist der Test von Anwendungen auf Usability und Barrierefreiheit sowie die Beratung in diesen Themengebieten.

Testverfahren schlägt Checkliste

Um wirksame Maßnahmen zur Barrierefreiheit bereitstellen zu können und die eigenen digitalen Angebote auf Herz und Nieren nach Fehlern zu überprüfen, ist der Einsatz eines sogenannten Überwachungsaudits möglich. Ein solches Audit ist ein Prüfverfahren, mithilfe dessen sämtliche aktiven Anwendungen auf unterschiedliche Formen der Barrierefreiheit getestet werden.
Es kann durchaus sein, dass eine Website beispielsweise für eine hörgeschädigte Person barrierefrei verfügbar ist, für eine blinde Person müssen jedoch andere Maßnahmen getroffen werden. Ein Überwachungsaudit testet jedes Detail eines Services auf unterschiedlichen Ebenen, so dass jede mögliche Einschränkung ausgeglichen werden kann.

Erst nach einer vollständigen Überprüfung der Services ist eine Gesamtbewertung der Lage möglich. Dazu gehört eine dezidierte Auflistung aller möglichen Nutzungsgruppen und ihrer User Experience. Anschließend erst kann es in die Behebung der Fehler gehen, da viele der Mängel miteinander in Verbindung stehen und sich eine Teilbetrachtung deshalb grundsätzlich ausschließt.

Barrierefrei by Design

Am sinnvollsten ist es immer, wenn das Thema Barrierefreiheit bereits von Anfang an in einem Projekt mitgedacht und in die Anforderungsanalyse und das Team aufgenommen wird. Der Mehraufwand für digitale Anwendungen liegt bei durchschnittlicher Projektgröße dann etwa bei einem Prozent des Projektvolumens.

Sollte innerhalb des eigenen Teams kein ausreichendes Wissen vorhanden sein, sollten Projektverantwortliche in regelmäßigen Abständen und zu wesentlichen Zeitpunkten Barrierefreiheitstests ansetzen, um ein frühzeitiges Erkennen und Lösen von Fehlern durch externe Architekten, Designer und Entwickler garantieren zu können. Der Mehraufwand liegt hier bei circa zwei bis fünf Prozent des Projektvolumens.

Kommt es erst bei der Abnahme zu einer Barrierefreiheitsbetrachtung, können erhebliche Mehraufwände entstehen. Wenn das eingesetzte Framework von Anfang an falsch aufgebaut ist, ist es keine Seltenheit, dass aufwändige Korrekturen bei 100 Prozent oder mehr des ursprünglichen Projektbudgets liegen.
Dies liegt unter anderem daran, dass Folgefehler sich durch den gesamten Prozess ziehen und in jeder Anwendung zum Hindernis werden. Projekte, deren Barrierefreiheit erst bei der Abnahme getestet wird, sind besonders gefährdet. Nach Erfahrungen von T-Systems Multimedia Solutions (MMS) werden hier durchschnittlich 20 bis 30 schwerwiegende Probleme beim barrierefreien Zugang festgestellt. Davon sind viele derart massiv, dass beeinträchtigte Personen den Arbeitsablauf innerhalb der Anwendung nicht fortsetzen können.

Lesetipp: Software ohne Hürden - In 4 Schritten zu einer barrierefreien IT

Statistiken von MMS, die auf mehr als 1000 Tests beruhen, haben gezeigt, dass 93 Prozent aller getesteten Anwendungen mehrere Barrierefreiheitsprobleme aufweisen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Webseiten vollständig oder teilweise nicht barrierefrei entwickelt werden, liegt mit über 90 Prozent ebenfalls enorm hoch. Dabei kann ein Zugänglichkeitsproblem in seiner Schwere von geringen Einschränkungen, bis hin zu einer kompletten Zugangsblockade reichen. Das Auslassen einer kontinuierlichen Kontrolle des Frameworks und der Anwendungen steht also in keinem Verhältnis zu den zu erwartenden Verlusten.

Die Nutzerinnen und Nutzer profitieren von barrierefrei zugänglichen digitalen Anwendungen und geben dies an die jeweiligen Organisationen zurück: Zufriedene Kunden kommen wieder und lassen Umsatz- und Conversion-Rate steigen. Wenn Institutionen und Unternehmen Barrierefreiheit von Anfang an mitdenken, entfällt unnötiger Support und es wird Platz für den Ausbau anderer Kompetenzbereiche geschaffen. Von Barrierefreiheit profitieren also nicht nur diejenigen, die auf sie angewiesen sind.