Monty Widenius im Gespräch

"Die Zukunft von MySQL gestalten wir"

Ludger Schmitz ist freiberuflicher IT-Journalist in Kelheim. Er ist spezialisiert auf Open Source und neue Open-Initiativen.

Open Source - und nichts anderes

Bei MySQL sind jetzt einige neue Features nicht Open Source. Wäre das auch eine Option für MariaDB?

Widenius: Nein, niemals. Wir haben geschlossene Features von Oracle-MySQL in MariaDB als Open Source herausgegeben. Dabei wird es bleiben. Ich wollte ja auch immer, dass MySQL Open Source ist.

Was würde es für MariaDB bedeuten, wenn Oracle die Open-Source-Version von MySQL einfrieren und Neuerungen nur noch proprietär herausgeben würde?

Widenius: Das wäre sehr gut. Das größte Problem für uns besteht ja darin, dass viele Anwender weiterhin rätseln, was Oracle in naher Zukunft machen wird. Bei einem Freezing der Open-Source-Version wüssten die Nutzer, dass es für MySQL keine Zukunft gibt. Sie würden schneller erkennen, dass wir es sind, die in der Tradition von MySQL dessen Zukunft gestalten. Noch haben wir nicht genug Marktgewicht, um einen lawinenartigen Wechsel auszulösen. Wir sind aber nicht weit von diesem Punkt entfernt.

Die Kräfte hinter MariaDB

Die Open-Source-Datenbank MariaDB ist eine Initiative von Michael Monty Widenius, der dazu Monty Program Ab gegründet hat. Das Business-Modell des finnischen Unternehmens ist von zwei zentralen Säulen geprägt: Zum einen arbeitet das Unternehmen direkt mit einigen sehr großen MariaDB-Anwendern zusammen. Zum anderen hat es die Gründung von SkySQL Ab unterstützt. Für diese Firma fungiert Monty Program bei besonders komplexen Problemen oder Anpassungen als eine Art 3rd-Level-Support. SkySQL ist in Europa das wichtigste Unternehmen für die Verbreitung von MariaDB und hat sein Geschäftsfeld in zweierlei Hinsicht erweitert. Gegründet von 20 MySQL-Spezialisten für Consulting, Training, Support und Marketing war dies zunächst der Schwerpunkt. Inzwischen nimmt SkySQL die gleichen Aufgaben für MariaDB wahr, betont dabei aber seine Neutralität. Darüber hinaus hat das Unternehmen Ende 2012 erstmals eigene Software auf den Markt gebracht. Die „Enterprise Data Suite“ und die „Cloud Data Suite“ adressieren den Mangel an Datenbank-Spezialisten, indem diese Programme Tools integrieren und das Management von Datenbanken vor Ort wie in der Cloud vereinfachen. SkySQL hat heute 47 Angestellte und generierte im letzten Geschäftsjahr mit 350 Kunden in 30 Ländern drei Millionen Dollar Umsatz. Die alternative Open-Source-Datenbank wurde mit der Gründung der MariaDB Foundation im Dezember 2012 auf eine breitere Basis gestellt. Ihre Initiatoren sind die MySQL-Gründer Monty Widenius, David Axmark und Allan Larsson, Monty Program, SkySQL, der seit 2006 bestehende US-amerikanische MySQL-Spezialist Percona sowie Dan Shearer von den Open-Source-Projekten OpenChange und Samba. Die Stiftung will MariaDB bekannter machen, versteht sich außerdem als Schnittstelle zu den Anwendern. Sie nimmt dadurch indirekt Einfluss auf die Entwicklung der Open-Source-Datenbank, deren Programmierung allerdings einzig Sache von Monty Program ist.

Wie sehen Sie gegenwärtig die Marktbedeutung von MySQL?

Widenius: MySQL bringt es auf geschätzte 50 Millionen Installationen weltweit. Der Datenbankmarkt wächst immer weiter. Nach einer Umfrage der 451 Group aus dem letzten Jahr wird MySQL bis 2017 zwar relativ an Verbreitung bei den Anwendern verlieren, aber in absoluten Zahlen sogar noch weiter zulegen.

Was sind Ihre technischen Pläne für MariaDB?

Widenius: Grundsätzlich ist unsere Entwicklung von zwei Zielen getrieben: Open Source und natürlich den Anwendern. Wir führen etliche Statistiken darüber, womit Anwender Schwierigkeiten haben, welche Wünsche sie äußern etc. Ein eindeutiges Bild ergibt sich daraus nicht.

Welche Folgen hat der Trend zu NoSQL-Datenbanken für MariaDB?

Widenius: Wir haben zwei strategische Herangehensweisen: eine multidimensionale Datenbank-Engine und neue Features. Wir haben den ersten Aspekt mit der Integration der dynamischen Cassandra-Engine verwirklicht. Zweitens wollen offenbar hinreichend viele Anwender, dass MariaDB eine Art Stellwerk für SQL- und NoSQL-Datenbanken wird. Das ist eine wichtige Aufgabe für unser 20-Personen-Team bei Monty Program.

Hat der Trend zu Cloud Computing Auswirkungen auf MariaDB?

Widenius: Ja, denn die zwei Probleme mit Datenbanken in der Cloud heißen Skalierbarkeit und Administration. Wenn man eine Datenbank durch Verlagerung in die Cloud um ein Vielfaches skalieren will, steht dem der Mangel an guten und integrierten Administrations-Tools entgegen. Also wollen wir an dieser Flanke von MariaDB arbeiten. Es gibt diverse, aber sensible Stellschrauben, die Leistung einer Datenbank in der Cloud so zu verbessern, dass sich dieses Service-Angebot zu einem optimalen Preis ausschöpfen lässt. In dieser Richtung werden auch Partner wie SkySQL eine wichtige Rolle spielen.

Stiftung soll MariaDB absichern

Welche Bedeutung hat die Ende 2012 gegründete MariaDB Foundation für die Zukunft der Datenbank?

Widenius: Es lässt sich jetzt schon erkennen, dass die Stiftung die Verbreitung von MariaDB vorangebracht hat. Wichtig für die künftige Rolle ist natürlich, dass alle Persönlichkeiten aus der MySQL-Geschichte hinter ihr stehen und die Finanzierung gesichert ist. Als Eigentümerin des Markennamens stellt die Stiftung zunächst einmal sicher, dass MariaDB nicht durch eine Übernahme Closed Source werden kann.

Bestimmt die Foundation die Leitlinien der MariaDB-Entwicklung?

Widenius: Nicht vollständig, denn sie wird nicht die Datenbank entwickeln. Das bleibt Aufgabe von Monty Program. Idealerweise wären dabei unsere Spezialisten möglichst tief in die Datenbank-Projekte der Anwender integriert. Die Foundation ist vor allem eine Plattform für die Community aus Anwendern und Partnern, ein Teil des Open-Source-Aspekts von MariaDB. Im Prinzip sorgt sie für das Marketing und stellt fest, was Anwender wollen. Früher waren das Aufgaben von Monty Program, jetzt können wir uns ganz auf die Entwicklung konzentrieren.

Welche Aktivitäten stehen konkret im Zentrum der MariaDB Foundation?

Widenius: Sie versucht gerade, bekannte große Anwender für eine aktivere Beteiligung an der MariaDB-Entwicklung zu gewinnen. Wir wollen nicht nur erfahren, welche Datenbank-Eigenschaften diese anspruchsvollen Unternehmen in Zukunft brauchen. Wir möchten sie auch dazu bewegen, die von ihnen selbst entwickelten Patches und Tools als Open Source für MariaDB zur Verfügung zu stellen. Die sind nicht immer perfekt gemacht, aber die damit verfolgten Absichten sind wichtig. Wir möchten diese Dinge re-implementieren, und zwar am liebsten direkt mit den Entwicklern bei den Anwendern. Solche Gespräche dauern Monate.

Haben Sie noch den Traum, in die Liga einer IBM DB2 oder Oracle aufzusteigen?

Widenius: Natürlich! Das hatten wir schon vor, als Sun damals MySQL AB übernommen hat. Aber da gab es zu viele Kräfte im mittleren Management, die meinten, besser zu wissen, was für Sun gut wäre. Die Übernahme von Sun durch Oracle hat Anwender verunsichert, aber die damals von vielen vorhergesagte Flucht aus MySQL, ein Trend zu PostgreSQL ist nicht eingetreten. Weil jetzt Suse und RedHat MariaDB in ihre Distributionen aufnehmen, werden sich die Marktpositionen komplett verschieben. Wir haben den Wettbewerb mit MySQL um die Distributionen gewonnen.