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Die Wundertüte IFA

26.08.1999

MÜNCHEN (w&v-online) - Die Internationale Funkausstellung meldet nur Rekorde. Doch einige Aussteller kritisieren den Rummel und den Charakter der IFA - und manche bleiben Berlin ganz fern.

Jochen Martin sonnt sich im Glanz der großen Zahlen: "Zum 75. Jubiläum stehen der Internationalen Funkausstellung (IFA) ab Samstag 160000 Quadratmeter Ausstellungsfläche unterm Berliner Funkturm zur Verfügung, fast ein Viertel mehr als vor zwei Jahren." Tatsächlich haben rund 850 Aussteller aus 36 Ländern gemeldet - mehr als je zuvor. Über 400000 Besucher werden der Branche wieder "Rekordumsätze in Milliardenhöhe" bescheren, weiß Jochen Martin. Er ist der neue Chef der Messe Berlin GmbH.

Doch sicher sind bisher nur die Umsätze der Hersteller von Plastiktüten, Werbegeschenken und Aufklebern, mit denen sich wie alle zwei Jahre sämtliche Aussteller rechtzeitig vor dem großen Besucheransturm eingedeckt haben. Telekommunikationsfirmen und Handy-Produzenten, Fernsehgeräte-Bauer und Hi-Fi-Firmen, Internet-Provider und TV-Sender - die Internationale Funkausstellung ist eine riesige Wundertüte der Unterhaltungselektronik-Welt. Aber genau dieser Charakter der "Für-jeden-etwas-Messe" lässt inzwischen mehr und mehr Kritik am Konzept aufflammen. Wichtige Aussteller haben sich 1999 zurückgezogen - und der Exodus könnte erst so recht beginnen.

Sony fühlt sich nicht zu Hause

Denn noch sind 90 Prozent der am Weltmarkt agierenden Branchenunternehmen in Berlin - aber nicht wenige von ihnen zähneknirschend. Karl Pohler, Chef von Sony Deutschland, moniert beispielsweise, dass die IFA immer noch zu sehr auf die Unterhaltungselektronik fixiert sei. Die Grundigs, Thomsons oder Philips´ stimmen denn auch den Ton der Messe an, und der klingt: Täterätää. Wenn die Hi-Fi-Branche - auch unter einer Art Damokles-Schwert neuer Techniken und der Konkurrenz aus der Computerbranche (siehe Tabelle) - sonst eher verhalten klassisch wirbt, trommelt und trompetet sie in Berlin wie wild - ganz im Sinn der fun-orientierten Veranstalter. Da passt es, wenn Martin und seine Kollegen die Messe in diesem Jahr auch für die Computer- und Telekommunikationsbranche öffnen. Denn PC, Radio und TV wachsen zusammen. Sony-Chef Pohler ist das zu wenig. Die IFA müsse Leitmesse für die IT-Branche werden und der Hannoveraner CeBIT Home Konkurrenz machen. "Langfristig

bleibt nur eine der beiden Messen übrig", orakelt er.

Das war auch der Grund, eine CeBIT Home zu installieren. Wie jetzt im Vorfeld der IFA hatten sich auch schon vor Jahren bei der CeBIT die Aussteller und Fachbesucher über den An-drang der vielen Otto Normalverbraucher beklagt. Die haben andere Präferenzen: Spektakel erleben und mit gefüllten Plastiktüten nach Hause zurückkehren. Nach Geschäfte machen steht ihnen nicht der Sinn. Und so standen die Seher dem Fachpublikum ständig im Weg.

Braucht Berlin die IFA Home?

Dieses Problem, das auch die Aussteller am Funkturm nicht erst seit gestern plagt, konnte durch die CeBIT Home zumindest etwas entschärft werden. Die Hannoveraner denken bereits darüber nach, auch die Telekommunikation aus der CeBIT auszugliedern. Die Berliner Messemacher dagegen freuen sich über den Zuwachs an Telekom-Ausstellern - und erkennen nichts Schlimmes am Wundertüten-Image. Ob das die versammelten Fernmelder auch so uneingeschränkt positiv sehen? Spätestens die Anmeldungen zur IFA 2001 werden es zeigen. Noch ist das nicht aktuell. Die Schwierigkeiten der Gegenwart liegen woanders: Die privaten TV-Veranstalter haben der Funkausstellung fast alle den Rücken gekehrt. Neben den ARD-Anstalten und dem ZDF, die - wie gewohnt - den großen Auftritt planen und mehrere tausend Minuten von der IFA senden wollen, sind lediglich die Lokalsender TV Berlin und FAB sowie der Einkaufskanal QVC mit eigenen Ständen präsent.

Hans Meiser bleibt in Köln

Die Manager der übrigen Privatanbieter haben sich nach der vergangenen Funkausstellung überlegt, ob Aufwand und Nutzen in einem angemessenem Verhältnis stehen. Ihr Ergebnis: Die IFA-Präsenz ist zu teuer und bringt zu wenig. Sat.1 etwa, das seinen Sitz in Berlin hat und eigentlich ein Heimspiel absolvieren könnte, bleibt der IFA in diesem Jahr völlig fern. "Unser letzter Auftritt dort hat fünf Millionen Mark gekostet, und dann waren wir einer unter vielen", sagt Unternehmenssprecherin Kristina Faßler. In diesem Jahr nutzt der Sender die Eröffnung des neuen Hauptquartiers, um die Berliner am 30. August mit einer Open-Air-Party auf dem Gendarmenmarkt zu beglücken - da ist wenigstens Branchenexklusivität garantiert. Auch die übrigen Anbieter haben ihr Interesse an der IFA verloren. Der Kölner Marktführer RTL hat sich in diesem Jahr lediglich beim Stand des Satellitenbetreibers Astra eingeklinkt, um Info-Material zu verteilen. Das Gleiche

gilt für Sender wie ProSieben, Super-RTL, Vox, tm3, n-tv oder Premiere. Mit den privaten TV-Stationen, die bei vergangenen Messen jede Menge Stars und Moderatoren heranschafften und zum Teil direkt von der Funkausstellung sendeten, sind der IFA Publikumsmagnete verloren gegangen. Schlimmer noch: Mit ihrem Weggang hat die IFA auch an Bedeutung als Treffpunkt für die Medien- und Werbebranche verloren.

Programmmacher, Mediaplaner und werbungtreibende Wirtschaft kommen lieber auf der Düsseldorfer Telemesse zusammen, die in diesem Jahr nur zehn Tage vor der IFA-Eröffnung stattfand. Zwei Messen, so ist von den Anbietern zu hören, lassen sich in so kurzer Zeit kaum stemmen. Zur Telemesse kamen zwar nur 4500 Besucher - aber die richtigen, wichtigen. "Wir haben die IFA bisher immer genutzt, um potentielle Werbekunden sowie Journalisten zu treffen. Denen begegnet man jetzt viel einfacher auf der Telemesse", sagt Catrin Glücksmann, Sprecherin des Berliner Nachrichtenkanals n-tv.

Aber noch verbreitet Berlins Messechef Jochen Martin Optimismus: "Wir werden beweisen, dass der IFA-Marketingnutzen die Kosten übersteigt." Doch tragende IFA-Säulen scheinen schon unterspült. Der ARD-Programmdirektor Günter Struwe etwa ist zum Telemesse-Fan geläutert: "Tausend Fragen - und alle Antworten gibt´s in Düsseldorf", schwärmt der sonst so spröde Struwe und lobt besonders die Möglichkeit zum "diskreten Vier-Augen-Gespräch". Da würde er sich wohl auch in Berlin etwas schwer tun. Denn auf der IFA lassen es die Öffentlich-Rechtlichen wieder krachen. Zumindest noch 1999.

In eigener Sache: Für die Laufzeit der IFA haben CW Infonet und w&v-online einen Beitragsaustausch vereinbart.