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Soziale Medien gegen den Staat

Die Weibo-Revolution verändert China

05.09.2011
Die chinesischen Staatsmedien sind unter strenger Kontrolle der Kommunistischen Partei. Doch in Twitter-ähnlichen Mikroblogs bildet sich heute rasend schnell eine öffentliche Meinung. 200 Millionen Chinesen machen mit. Der Reformdruck auf den Machtapparat wächst.

"Nach drei Jahrzehnten Reform und Öffnung in China sind die Medien der letzte Bereich, der sich noch nicht geöffnet hat", macht ein kritischer chinesischer Journalismusprofessor im vertraulichen Gespräch keinen Hehl aus seiner Verärgerung über die Zensur. In Anlehnung an Chinas autoritäres Entwicklungsmodell einer "sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung" spricht der Professor von sozialen Medien "mit chinesischen Charakteristika". Schon fünfmal wurde sein Konto bei dem "Weibo" genannten Twitter-Klon des populären Portals Sina gelöscht. Jetzt meldet er sich wieder an - variiert nur etwas seinen Namen. "Meine Wiedergeburt", scherzt er.

Der Grund für den Eingriff der Zensur: Einmal hatte sich der Pekinger Professor kritisch über den Umgang der Behörden mit dem schweren Zugunglück am 23. Juli mit 40 Toten geäußert. Ein anderes Mal schrieb er über ein sommerliches Geheimtreffen der Parteiführung im Badeort Beidaihe, wo es um den 2012 geplanten Generationswechsel ging. Nicht nur die Beiträge wurden gestrichen, sondern gleich sein ganzes Konto. "Irgendetwas ist immer politisch heikel", schüttelt er den Kopf. "Es gibt so viele Kontroversen." Ein mutiger Kollege habe auf dem "Weibo" sogar schon 60 mal "wiedergeboren" werden müssen.

Ausländische soziale Medien wie Twitter, Facebook oder YouTube sind in China gesperrt. Dafür haben sich die zensierten Mikroblogs chinesischer Anbieter wie Sina oder Tencent explosionsartig entwickelt. Rund 200 Millionen Chinesen - fast jeder zweite der weltgrößten Internetgemeinde - sind mit Computer oder Handy auf den Mikroblogs unterwegs. Vor einem halben Jahr war es erst jeder Zehnte.

Die alten Staatsmedien sind sich der neuen Macht der Kurznachrichtendienste bewusst. "Die "Weibo"-Revolution hat die Art verändert, wie wir Nachrichten lesen, was wir essen oder einkaufen", sagt der Vizechefredakteur der englischsprachigen Zeitung "China Daily", Kang Bing. "Soziale Medien sind in jeden Lebensbereich eingedrungen." In den Führungsetagen der Staatsagentur Xinhua ist von einer "neuen Ära" die Rede: "Jeder kann jetzt Reporter sein. Die neuen Medien verändern die Gesellschaft."

Der Wandel hat Folgen für den kommunistischen Machtapparat. Die Propaganda-Behörden und traditionelle Staatsmedien spüren den Druck, schneller zu reagieren und transparenter zu agieren. Sie können den Leuten heute weniger vormachen. "Sie müssen sich reformieren", sagt ein hoher Verantwortlicher einer offiziellen Zeitung im privaten Gespräch. "Auch müssen sie glaubwürdiger werden." Zwar laufe eine Kampagne gegen "erfundene Gerüchte" in den "Weibo", aber es gebe keinen Weg zurück, glaubt er. Die Technik sei einfach da.

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