MindSphere, ADAMOS & Co.

Die Plattformökonomie entwickelt sich langsam, aber sicher

28.01.2019
Die Mehrheit der deutschen Industrieunternehmen nutzt heute Internet-Plattformen. Dabei sind Transaktionsplattformen im Ein- und Verkauf von Datenplattformen zu unterscheiden. Letztere dienen beispielsweise zum Bereitstellen von Prozess- und Maschinendaten, zur Unterstützung von Entwicklungsprozessen oder auch dazu, Produkte und Dienstleistungen zu erstellen.

In einer aktuellen Analyse beschäftigt sich die vbw - Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. mit dem Thema "Plattformen - Infrastruktur der Digitalisierung" (zur Studie, pdf). Demnach haben Plattformen im heutigen Unternehmensalltag bislang nur eine "mittelgroße Bedeutung". Die Unternehmen, die heute Plattformen nutzen, hängen in ihrer Wertschöpfung zu knapp 15 Prozent davon ab.

Daten- und Transaktionsplattformen stehen nicht immer im Mittelpunkt der digitalen Transformation. Doch das Interesse wächst.
Daten- und Transaktionsplattformen stehen nicht immer im Mittelpunkt der digitalen Transformation. Doch das Interesse wächst.
Foto: Zapp2Photo, Shutterstock.com

Bei einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtung, die auch die Nichtnutzer einbezieht, reduziert sich der Wert weiter. Dann sind nur 6,8 Prozent der Wertschöpfung auf diese Plattformen zurückzuführen. Dennoch bewerten fast alle Betriebe den Einfluss der Plattformen auf ihre Rentabilität positiv oder zumindest neutral. Nur vier Prozent glauben, diesbezüglich einen negativen Einfluss festgestellt zu haben.

Oft ist die Einführung von digitalen Plattformen mit einem Modernisierungsschub oder sogar einer grundlegenden strategischen Neuausrichtung verbunden. Dabei befinden sich die Unternehmen meistens noch in der Investitionsphase, will sagen: Ihre Ausgaben übersteigen im Mittel die dank Plattform zusätzlich erlösten Umsätze. Gut 30 Prozent erwirtschaften auf diesem Weg noch gar keine Erlöse.

Digitale Plattformen sind eine Investition in die Zukunft

Der vbw sieht die Entwicklung industrieller Internet-Plattformen ebenso wie die Beteiligung an den Angeboten Dritter als Investition in die Zukunft. Diese Einschätzung teilen auch die befragten Betriebe: Kaum ein Unternehmen geht von einer sinkenden Bedeutung aus. Erwartet wird, im Gegenteil, ein steigender Anteil jenes Wertschöpfungsanteils, der "substanziell von Plattformen abhängt".

Zwei Drittel aller Unternehmen nutzen mindestens eine Plattform. Datenzentrierte Plattformen, wie amn sie etwa im Industrie-4.0-Umfeld findet, sind noch nicht so stark verbreitet wie Transaktionsplattformen, auf denen Amgebot und Nachfrage zusammengeführt werden.
Zwei Drittel aller Unternehmen nutzen mindestens eine Plattform. Datenzentrierte Plattformen, wie amn sie etwa im Industrie-4.0-Umfeld findet, sind noch nicht so stark verbreitet wie Transaktionsplattformen, auf denen Amgebot und Nachfrage zusammengeführt werden.
Foto: vbw

Was hindert Unternehmen dennoch daran, Internet-Plattformen zu nutzen? Offene Datenschutzfragen, Rechtsunsicherheiten und fehlende Standards werden am häufigsten genannt. Bei manchen Unternehmen kommt hinzu, dass der Nutzen plattformbasierter Geschäftsmodelle noch nicht klar ist.

Der Verband glaubt nicht, dass monopolistische Marktpositionen im Bereich der industriellen Plattformen drohen und somit regulatorische Eingriffe notwendig werden könnten. Die Merkmale dieser Märkte ließen nicht erwarten, dass sich Monopole nach dem Muster "The winner takes it all" herausbildeten.

Siemens MindSphere adressiert auch Kleinbetriebe

Anhand von Beispielen zeigt der vbw auf, welche Typen datenzentrierter Plattformen sich bereits etabliert haben. Der Siemens-Konzern dazu. Die Studie spricht bei der MindSphere-Plattform von einem "Cloud-basierten IoT-Betriebssystem mit offenen Schnittstellen (APIs) und offenen Standards wie OPC/UA". Als PaaS-Umgebung verbindet MindSphere Produkte, Anlagen, Systeme und Maschinen. Nutzer könnten IoT-Daten mit umfangreichen Analysen erschließen (siehe auch Interview mit Jan Mrosik, CEO von Siemens Digital Factory.

Siemens bietet seiner Klientel neben eigenen Anwendungen auch die von Drittanbietern an. Ebenso können die Kunden eigene Apps und darauf basierende Services erstellen. Die Anwendungen werden über einen gemeinsamen AppStore vermarktet. MindSphere-Kunden haben bezüglich der zugrunde liegenden Cloud-Infrastruktur eine breite Auswahl: Sie können aus Angeboten von Amazon, Microsoft, SAP oder Atos auswählen.

Maschinen, Anlagen und Systeme lassen sich mittels verschiedener "MindConnect"-Schnittstellen an MindSphere anbinden, damit beispielsweise Daten von Sensoren sicher ausgelesen und verschlüsselt an die Plattform übertragen werden können. Grundsätzlich lassen sich dabei Anlagen aller Hersteller einbinden. Sie werden selektiv in festzulegenden Intervallen auf der MindSphere-Plattform gesammelt, wo autorisierte Nutzer Auswertungen vornehmen können.

So können Kunden beispielsweise Daten sammeln, aus denen hervorgeht, wie ihre Produkte, Maschinen und Anlagen beim Endkunden genutzt werden. Die Ergebnisse lassen sich direkt in den Produktionsprozess zurückspielen, so dass Produkte und Lösungen effizienter oder praxistauglicher designt werden können (Feedback-Schleife). Plattformnutzer haben so die Chance, vorausschauende Services anzubieten (Predictive Maintenance), die Kosten für Reklamationen und Garantiefälle zu senken und künftige Bedarfe zu ermitteln.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass MindSphere aufgrund der modernen, offenen Entwicklungsumgebung für IoT-Anwendungen auch für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) interessant sein könnte. Für externe Entwickler ergebe sich der Vorteil, dass die Plattform, obwohl noch immer in der Aufbauphase, jede Menge Netzwerk- und Skaleneffekte biete.

Siemens finanziert MindSphere vorrangig über Gebühren, aber auch über den Verkauf eigener Apps oder Dienstleistungen. Für die Münchner sei das Plattform-Business strategisch, Cloud-basierende IoT-Anwendungen würden als Kern des digitalisierten Industriegeschäfts verstanden.

ADAMOS - Ergebnis einer strategischen Allianz

Als gemeinsame Initiative mehrerer Industrieunternehmen entstand ADAMOS (Adaptive Manufacturing Open Solutions). An dem Joint Venture beteiligt sind unter anderem die Software AG, DMG MORI, Dürr, ZEISS, ASM PT sowie ENGEL und KARL MAYER. Ziel ist es, dem Maschinen- und Anlagenbau eine Kombination aus Partner-Netzwerk und IoT-Technologie zu bieten. ADAMOS zählt derzeit inklusive der Gesellschafter zwölf Partner aus dem Maschinen- und Anlagenbau.

Gemeinsames Ziel ist es, das Know-how aus Maschinenbau, Produktion und IT zu bündeln und einen Branchenstandard für die vernetzte Produktion der Industrie 4.0 zu etablieren. Wie MindSphere bietet ADAMOS eine offene, herstellerneutrale PaaS-Umgebung als technische Grundlage für digitale Geschäftsmodelle und Produkte. Hinzu kommen IT-Dienste, mit denen Kunden produktionsrelevante Daten durchgängig erfassen, visualisieren und analysieren können, um firmenübergreifend Produktionsprozesse zu vernetzen.

Im Mittelpunkt stehen auch bei ADAMOS Daten, die von Maschinen und Geräten sowie deren Sensoren geliefert werden, mit dem Ziel, die Wertschöpfungsketten durch zusätzliche Dienstleistungen zu verlängern. Die Plattform bietet Kunden zudem die Möglichkeit, mit eigenen individualiiserten Marktplätzen aufzusetzen und neue Geschäftsmodelle im jeweiligen Kunden- und Partnernetzwerk zu realisieren. Kunden können integrierte Add-on-Module wie zum Beispiel ADAMOS Advanced Streaming Analytics nutzen, um Realtime-Analysen umzusetzen.

ADAMOS versteht sich als Allianz aus Partnern der Maschinenbau- und Softwareindustrie. Durch die gemeinsame Entwicklung von Apps für gleichartige Herausforderungen und Kundenanforderungen wie Predictive Maintenance, Machine Cockpit, Planning, Dash-Boarding oder Maintaining Assistance sollen die Netzwerkpartner schnell und günstig digitale Produkte und Geschäftsmodelle umsetzen können.

Die Plattform stellt durchschnittlich 70 Prozent der Funktionalität zur Verfügung, die eine anwenderspezifische App benötigt. Die verbleibenden 30 Prozent gestaltet der App-Anbieter selbst. Dabei geht es meist um eine individuelle Nutzeroberfläche und spezifische Anwendungen für Kunden im Bereich Predictive Maintenance sowie Steuerung und Organisation der Fertigung oder Auswertung bestimmter Daten.

Die auf ADAMOS entstehenden digitalen Marktplätze der Partner sind deren Schnittstellen in den jeweiligen Markt. Dürr zum Beispiel bietet seinen Kunden die digitalen Marktplätze LOXEO und tapio an, auf denen Anlagenbetreiber Daten auswerten, ihre Produktion digital abbilden und digitale Services und Apps erwerben können, um Produktion und Instandhaltung zu optimieren. Karl Mayer hat ein digitales Angebotsportfolio unter der Marke KM.ON gestartet, das Unternehmenskunden Lösungen zu Management, Maintenance und Service bietet.

Einkauf und Vertrieb sind bevorzugte Nutzungsszenarien für Plattformen.
Einkauf und Vertrieb sind bevorzugte Nutzungsszenarien für Plattformen.
Foto: vbw

ADAMOS richtet sich an Konzerne, aber auch an Kleinbetriebe, die keine eigene Plattform entwickeln können, sich aber auch nicht in die Abhängigkeit von Industriekonzernen begeben wollen. Die IoT-Einstiegsinfrastruktur ist offen und skalierbar. Sie nutzt standardisierte Schnittstellen und harmoniert mit anderen Plattformtechnologien. Die Nutzungsgebühren hängen von der Anzahl der angeschlossenen Maschinen und Geräte sowie dem zu verarbeitenden Datenvolumen ab, der monatliche Paketpreis beginnt bei 450 Euro. Die Rechte an den Kundendaten liegen ausschließlich beim jeweiligen Unternehmen.

Wir haben mit den ADAMOS-Gesellschaftern gesprochen! Hier geht's lang!