Die neue Arbeitslosigkeit

Karriere in der IT ist ihr Leib- und Magenthema - und das seit 18 Jahren. Langweilig? Nein, sie endeckt immer wieder neue Facetten in der IT-Arbeitswelt und in ihrem eigenen Job. Sie recherchiert, schreibt, redigiert, moderiert, plant und organisert.
Arbeitslos in der IT - das waren immer die anderen. Die Älteren. Die schlecht Qualifizierten. Inzwischen verlieren Menschen ihren Job, die nie damit gerechnet hatten: Sie sind jung, studiert und engagiert. Viele waren gerade dabei, Karriere zu machen.

Es kann jeden treffen. Die Arbeitslosigkeit in der IT-Branche ist nicht mehr nur ein Phänomen der über 50-Jährigen, die niemand mehr einstellen will, oder der Druckvorlagenhersteller, die keiner mehr braucht. In diesem Jahr wies die Statistik zum ersten Mal die Generation der 25- bis 40-Jährigen als größte Problemgruppe aus: Im Juli 2002 waren 31701 IT-Fachleute dieser Altersstufe arbeitslos, ein Jahr zuvor waren es erst 17795. Insgesamt verdoppelte sich die Zahl der erwerbslosen IT-Spezialisten seit Januar 2001 auf 66295 Menschen, vor allem zwischen Juli und Oktober 2001 sowie im Juni und Juli dieses Jahres kletterten die Zahlen steil nach oben. Hauptbetroffene waren laut Bundesanstalt für Arbeit Informatiker, DV-Kaufleute, Rechenzentrumsfachleute und Informationselektroniker.

150 Absagen in elf Monaten

Auch Fred Klinger (Name von der Redaktion geändert) gehört zu den neuen IT-Arbeitslosen: Noch vor einem Jahr leitete der 36-Jährige die Supportabteilung eines Internet-Service-Providers, war für zehn Festangestellte und 20 freie Mitarbeiter verantwortlich und fuhr jeden Tag mit seinem Dienstwagen, einem 5er BMW, in die Firma. Im Oktober 2001 wurden er und andere Führungskräfte im Zuge einer Umstrukturierung entlassen, die der Hauptaktionär betrieben hatte.

Anfangs empfand es Klinger noch als spannend, eine neue berufliche Herausforderung zu finden. Vor seiner Zeit als Supportchef hatte er als System Consultant bei einer Frankfurter Unternehmensberatung gearbeitet und verfügt inzwischen über ein tiefes Wissen über die Windows- wie Unix-Welt. Die Jobsuche war immer reibungslos verlaufen: Der Headhunter rief an, und Klinger brauchte nur sein aktuelles Gehalt und die Größe des Dienstwagens zu nennen, um eine Position angeboten zu bekommen, die ihn auf der Karriereleite wieder eine Sprosse höher brachte.

Elf Monate und 150 Absagen später ist der einstige Manager völlig desillusioniert. „Die Jobsuche hat sich als frustrierend entpuppt: 30 Prozent der angebotenen Stellen sollen in Wirklichkeit gar nicht besetzt werden, es handelt sich nur um Imageanzeigen der Firmen. Viele Unternehmen treten ausgesprochen arrogant gegenüber dem Bewerber auf, sagen ein Vorstellungsgespräch eine Stunde vor dem Termin ohne Begründung ab oder schicken statt des versprochenen Arbeitsvertrages nur eine Standardabsage“, klagt Klinger, der das Verhalten der Firmen nicht nachvollziehen kann: „Schließlich bin ich in den vergangenen zwei bis drei Jahren nicht schlechter geworden.“

Eine rationale Begründung für diese Entwicklung kann auch Madeleine Leitner nicht geben. In ihren Seminaren sieht sich die Münchner Karriereberaterin mit einer ungewohnten Klientel konfrontiert: Von der Marketing-Leiterin eines Telekommunikationsunternehmens über den Diplombetriebswirt mit Zusatzausbildung im E-Commerce bis zum selbständigen IT-Berater haben alle ihren Job oder ihre Aufträge verloren. Gewachsen sind trotz Qualifikation und Berufserfahrung die Probleme, wieder Anschluss ans Berufsleben zu finden. „Bisher war es unvorstellbar, dass auch die gut Qualifizierten Gefahr laufen, zu Langzeitsarbeitslosen zu werden“, so Leitner. Bereits ab einem Jahr ohne Job zählt man zu dieser Kategorie.

Vermittlungsgutscheine erweisen sich als Flop

Für viele bleibt nur noch der Weg zum Arbeitsamt, um wenigstens finanziell über die Runden zu kommen. Denn adäquate Jobs sind inzwischen überall Mangelware. Zwar versucht das Arbeitsamt die hohen Erwerbslosenzahlen mit neuen Maßnahmen zu drücken, doch stellt sich etwa der von der Bundesanstalt für Arbeit gepriesene Vermittlungsgutschein zunehmend als Flop heraus. Seit Ende März hat jeder, der länger als drei Monate arbeitslos ist, Anspruch auf einen so genannten Vermittlungsgutschein, den er bei einem privaten Jobvermittler einlösen kann. Die Höhe des Gutscheins bemisst nach der Dauer der Arbeitslosigkeit: Wer drei bis sechs Monate arbeitslos ist, erhält einen Gutschein über 1500 Euro, nach sechs bis neun Monaten kann ein erfolgreicher Vermittler 2000 Euro mit dem Kunden verdienen, nach einem Dreivierteljahr 2500 Euro. Allerdings bekommt der Vermittler den kompletten Betrag erst dann ausbezahlt, wenn der Arbeitslose die Probezeit im neuen Job bestanden hat.

In München wurden bis Ende Juli erst zwölf Gutscheine eingelöst, eine dürftige Bilanz angesichts 25000 anspruchsberechtigten Arbeitslosen in der Landeshauptstadt. Ein Grund dafür dürfte die Höhe der Vermittlungsgutscheine von maximal 2500 Euro sein, die den privaten Vermittlern zu niedrig ist. Üblich sind in der Branche Preise, die zwischen zwölf und 20 Prozent des Bruttojahresgehalts liegen. Darüber hinaus schreckt viele private Vermittler der hohe Verwaltungsaufwand: Bis der erste Euro auf dem Konto ankommt, müssen etwa zwölf Formulare ausgefüllt werden.

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