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Die Krise der Open-Source-Firmen und Microsoft

30.10.2001
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MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Eric Raymond, Verfasser von "The Cathedral and the Bazaar“ und anderen fundamentalen Werken zur Open-Source-Philosophie, brachte es zu einigen Dollar-Millionen. Doch seine Aktien des Linux-Dienstleisters VA Linux sind heute kaum das Papier wert. Das Interview führte Eva-Katharina Kunst*.

CW Spezial: Linux-Dienstleister scheitern oder stecken in ernsthaften Schwierigkeiten. Ist der Linux-Markt kleiner als erwartet?

Eric Raymond: Die Linux-Firmen gehen ebenso in die Knie wie andere Dienstleister in Zeiten von Rezession und schwachem Kapital auch. Die Leute neigen dazu, die Kosten eines solchen Geschäfts zu unterschätzen. Es erfordert über lange Zeit hinweg viel Arbeit, bis eine rentable Kundenbasis geschaffen ist.

Wie kommt es, dass kleinere Open-Source-Unternehmen ums Überleben kämpfen, während die Big Player der IT-Branche Milliarden in Open Source investieren?

Um ein Servicegeschäft aufzuziehen, braucht man finanzielle Stärke. Venture-Capital-Geber aber möchten ihr Geld möglichst schnell wieder herausbekommen. Die meisten geben einem Service-Startup einfach nicht genug Zeit, können es auch gar nicht. Firmen wie IBM haben da einen ganz anderen Zeithorizont.

VA Linux hat in der Vergangenheit mit Linux-Rechnern erheblichen Umsatz gemacht. Jetzt wendet sich das Unternehmen vom Hardwaregeschäft ab. Schrumpft der Markt für Linux-Hardware?

Der Linux-Markt hat zwei Gesichter: Er explodiert für Hardware und kollabiert für Dienstleister. Das ist das schlichte Ergebnis eines verbesserten Hardwaredesigns: Selbst mit der preiswertesten PC-Hardware lässt sich heute problemlos eine leistungsstarke Linux-Workstation bauen.

Microsoft attackiert massiv Open Source. Die Redmonder versuchen, die verschiedenen Lizenzmodelle gegeneinander auszuspielen: hier die böse GPL, da die gute BSD-Lizenz. Was bezweckt Microsoft damit?

Das ist der Versuch, Linux an den Rand zu drängen. Der Windows-TCP/IP-Stack beispielsweise ist aus BSD-Code. Aus Sicht Microsofts sind die BSD-Leute Trottel, die darum betteln, wieder und wieder ausgebeutet zu werden. Ich bin mir sicher, dass Microsoft am liebsten die ganze Open-Source-Welt als fügsame Quelle kostenloser Forschung und Entwicklung für sein Monopol verwenden würde.

Wie reagiert die Community darauf?

So wie immer: Schreibe Code, zeige allen den Code, übertreffe sie mit deinem Code.

Und was ist Ihre Meinung zu den jüngsten Ausfällen von Microsoft gegen Open Source?

Für mich sind sie ein Zeichen wachsender Verzweiflung bei Microsoft.

In welchen Bereichen wird Open Source seine nächsten Erfolge feiern?

Beim großflächigen Einsatz auf dem Unternehmens-Desktop. Die jüngste Äußerung des IT-Verantwortlichen von Ford Europa, den Einsatz von Linux auf dem Desktop in Erwägung zu ziehen, ist ein Indikator dafür.

Was ist derzeit die größte Herausforderung für die Open-Source-Gemeinde?

Die Bedürfnisse technisch unbedarfter Anwender zu erfüllen.

Müsste die Community dabei nicht besser organisiert sein?

Nein. Die dezentrale Organisation und die Flexibilität, mit der wir Projektgruppen formen und wieder auflösen, sind doch gerade unsere Stärken.

*Eva-Katharina Kunst ist freie Journalistin in Kempen.