Entwicklung komplexen Systeme nicht mehrfinanzierbar

Die kleinen Anbieter werden aus dem Unix-Markt verdrängt

21.09.1990

WIESBADEN (qua) - Trotzt steigender Absatzzahlen will bei den Unix-Herstellern keine Freude aufkommen: Während die großen Hersteller immer noch mehr Geld mit proprietären als mit offenen Systemen verdienen, fühlen sich die kleineren Anbieter aus dem Markt gedrängt. Das offenbarte die Podiumsdiskussion, die den ersten Tag der diesjährigen GUUG-Tagung abschloß.

Zwar bekannten sich die auf dem Podium vertretenen Unternehmen Bull, Nixdorf und Digital Equipment ausnahmslos zu einer Strategie der offenen Systeme. Gleichzeitig räumten die drei Diskussionsteilnehmer jedoch ein, daß der jeweilige Hersteller seine proprietären Systeme auf jeden Fall weiterpflegen wolle.

Manfred Lang, Geschäftsbereichs-Leiter Anwendungstechnologie bei der Diebold-Deutschland GmbH in Eschborn, kommentierte diese Sowohl-als-auch-Strategie mit der Feststellung: je größer der Hersteller, desto näher steht er dem Gedanken, sich abzuschotten." Nach Ansicht des Marktbeobachters verhalte sich in diesem Punkt der Wahrheitsgehalt der Hochglanzprospekte gleichsam umgekehrt proportional zur Größe des Anbieters.

Die Position der kleineren Hersteller vertrat Jürgen Gulbins, Abteilungsleiter technische Informationssysteme bei der PCS GmbH, München. Einerseits, so der Unix-Experte, haben die Kleinen gegenüber den Großen einen Vorteil: Es gebe weniger Probleme mit der Backward-Kompatibilität zur installierten Basis. Andererseits gerieten die kleinen Anbieter allmählich in ernsthafte Schwierigkeiten, da sie die Entwicklung der immer komplexen werdenden offenen Systeme kaum noch finanzieren könnten.

Im persönlichen Gespräch zeichnete Gulbins später ein erschreckend düsteres Bild von der Zukunft der einstigen Unix-Pioniere: Den Befürchtungen des Branchen-Insiders zufolge sind die großen Anbieter dabei, den Markt für offene Systeme untereinander aufzuteilen, wobei sie allerdings keineswegs die von den proprietären Systemen gewohnten Gewinnspannen erzielen könnten.

Die Großen schaffen die Ramhmenbedingungen

Auch Diebold-Manager Lang prognostizierte schlechte Aussichten für kleinere Hersteller. Wie der Marktbeobachter erläuterte, schafften die etablierten Anbieter die - einander immer stärker ähnelnden - strategischen Rahmenbedingungen, während den Innovatoren lediglich zwei Möglichkeiten blieben: Entweder sie schlüpfen bei einem der Großen unter, oder sie lassen sich auf eine Liste der empfohlenen Produkte setzen.

Verbale Ohrfeigen an alle Hersteller verteilte der einzige Anwender auf dem Podium, Dirk Henze, zuständig für die Aufgaben der Koordinierungs- und Beratungsstelle der Bundesregierung für Informationstechnik in der Bundesverwaltung. Die Anbieter kämen den Forderungen der Anwender nach der Implementierung von Standards nur unzureichend nach.

Achim Apel, Leiter des strategischen Vertriebsprogramms Unix bei der Digital Equipment GmbH, München, gab hierauf den Schwarzen Peter an die öffentlichen Anwender zurück. Deren Ausschreibungen seien einfach "zu breit". Als Beispiel führte Apel die Forderung nach OSI-Konformität ins Feld; da der Standard noch nicht vollendet sei, müsse der Hersteller hier mit unangekündigten Produkten operieren, um der Ausschreibung zu genügen.

Der PCS-Manager Gulbins hingegen stellte den Begriff "Standard an sich in Frage: Diese Bezeichnung wiege die Anwender in trügerischer Sicherheit.

Tatsächlich seien die sogenannten Standards jedoch zum einen Teil noch nicht fertig, zum anderen nicht ausreichend und zum dritten schwierig zu implementieren. Außerdem gebe es hier eine Diskrepanz zwischen einander widerstreitenden Kundenbedürfnissen: "Einerseits will der Anwender stabile Systeme, andererseits will er die schnelle Implementierung von Standards.

Vorwürfe von allen Seiten hagelte es für die X/Open Ltd. Laut einstimmigem Votum der Diskussionsteilnehmer sollte sich die Vereinigung stärker zu ihrer normativen Funktion bekennen und Standards auch dort definieren, wo noch kein Normierungsgremium tätig geworden sei.

Gulbins nannte hier beispielsweise den Streit um die unterschiedlichen grafischen Benutzeroberflächen: Diese Entscheidung könnte auch jetzt schon getroffen werden; denn es handelt sich dabei um eine limitierte Entscheidung. In fünf Jahren werden Benutzeroberflächen ohnehin vollkommen an aussehen."

Aus dem Auditorium meldete sich Hans Strack-Zimmermann Geschäftsführer der Münchener Ixos GmbH zu Wort.

"Der X/Open-Ansatz ist out", wetterte der Unix-Insider, dort wird kein Source-Code mehr gehandelt." Das sei bei der OSF anders. Beispielsweise könne er sich für einen bescheidenen Betrag den Quellcode für Motif ansehen und dann entscheiden, ob er auf dieser Basis entwickeln wolle.

Einer der Hersteller mochte dann doch eine Lanze zugunsten der X/Open brechen. Heinrich Hofauer, Manager in der Hauptabteilung Technologieberatung für künstliche Intelligenz bei der Kölner Bull AG:, Ich möchte nicht auf die X/ Open verzichten, weil wir sie als vermittelndes Gremium brauchen. Allerdings müsse die. Vereinigung etwas abspecken".

Der Bull-Manager forderte die Anwender auf, selbst die Entscheidung für einen Standard zu treffen und bei den Standardisierungsgremien dessen Spezifizierung einzuklagen. Dem widersprach jedoch Gulbins: Dies wäre die falsche Rolle für den Anwender; dem ist es egal, welche Oberfläche er bekommt, er will nur auf allen seinen Rechnern dieselbe.

Alles wie gehabt

Der Markt für offene Systeme gehorcht denselben Gesetzen, die auch in anderen Märkten gelten: Nachdem eine kurze Zeitspanne lang kleine, innovative Unternehmen unerwartete Erfolge feierten, schlagen die großen, kapitalkräftigen Hersteller jetzt zurück: Dank ihrer finanziellen und personellen Ressourcen sowie ihrer hinlänglich bekannten Verzögerungstaktik haben IBM, DEC und Co. den Vorsprung der Unix-Pioniere aufgeholt und schicken sich an, den Markt untereinander aufzuteilen.

Daß der Shake-out auf dem Unix-Markt unvermeidlich ist, predigen die Analysten schon seit geraumer Zeit. Genauso unvermeidlich ist wohl, daß vor allem diejenigen Unternehmen übrigbleiben, die bereits mit geschlossenen Systemen erfolgreich waren.

Offenbar ermöglichen gerade die Umsätze im Proprietary-Bereich den Anbietern ein Engagement für offene Systeme.

Mit Unix läßt sich -derzeit nämlich weit weniger Geld verdienen als mit proprietären Systemen; Konkurrenz belebt zwar das Geschäft, verkürzt aber die Gewinnspannen.

Dewegen müssen sich die DV-Riesen - allerdings keine Grauen Haare wachsen lassen: Ist die Durststrecke erst überwunden und der Marktfest in der Hand einer überschaubaren Anbieter-Gruppe, so werden sich die Margen schon auf einem für die Hersteller akzeptablen Level einpendeln ! qua