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Die Kehrseite des Outsourcing-Booms

08.03.2004

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Es ist ein offenes Geheimnis, dass im Zuge des derzeit boomenden Outsourcing-Trends jährlich Zigtausende von IT-Jobs verloren gehen. Wie viele es tatsächlich sind, dieser Frage ging das "Wall Street Journal" am Beispiel IBM auf den Grund. Der Computerkonzern hatte im Februar gemeldet, er werde in diesem Jahr bis zu 5000 neue Mitarbeiter in den USA einstellen. Dass gleichzeitig möglicherweise Tausende von Arbeitsplätzen in der US-Wirtschaft verloren gehen, wurde indes nicht bekannt gegeben. Grund dafür ist die übliche Vorgehensweise bei Outsourcing-Aufträgen – ein Geschäftsbereich, in dem Big Blue im vergangenen Jahr 15 Milliarden Dollar Umsatz oder 17 Prozent der Gesamteinnahmen erwirtschaftete. Dabei übernimmt IBM - ähnlich wie andere Dienstleister - im Auftrag eines Unternehmens dessen IT-Abteilung, Lohnabrechnung oder andere Arbeitsbereiche. Ziel ist es, die IT-Ausgaben

zu reduzieren oder zumindest für den Auftraggeber planbarer zu machen. Zusammen mit den übertragenen Aktivitäten wechseln dabei üblicherweise die dort beschäftigten IT-Mitarbeiter zu IBM. Was anschließend mit den Fachkräften passiert, wird selten bekannt.

Zwar wird derzeit nur ein Bruchteil der ausgelagerten Aufgaben in Niedriglohnländer exportiert – das inzwischen als Job-Killer verschriene "Offshoring". Wie das "Wall Street Journal" berichtet, ist die Bilanz des herkömmlichen Outsourcing aber nur wenig besser. So entlässt IBM oft einen Teil der von einem Unternehmenskunden übernommenen Mitarbeiter, wenn die Effizienz der Outsourcing-Aktivitäten gesteigert wurde. Wer nicht von IBMs Lohnzettel verschwindet, verbucht oft Einschnitte bei Gehalt und Vergünstigungen.

Ein Unternehmenssprecher warnte indes davor, die Auswirkungen von IBMs Outsourcing-Geschäft auf den US-Arbeitsmarkt aufzubauschen: Im vergangenen Jahr habe IBM deutlich mehr Jobs in den Vereinigten Staaten geschaffen, als durch Outsourcing und Offshoring verloren gingen. Der Konzern macht zwar selbst keine Angaben dazu, wie viele Mitarbeiter er im Rahmen von Outsourcing-Vereinbarungen übernommen und wie viele davon später entlassen wurden.

Dass unter dem Strich Arbeitsplätze verloren gehen, beweisen jedoch bereits die Angaben zu einer kleinen Auswahl von Outsourcing-Verträgen im Jahr 2003: So wechselten dem Bericht zufolge im vergangenen Jahr im Rahmen der Vereinbarungen mit J.P.Morgan Chase, Qwest, Flour und ING Groep 5150 US-Mitarbeiter zu IBM. Weitere 2300 US-Angestellte kamen mit der Übernahme von Rational Software zu Big Blue. Insgesamt wären das 7450 neue Stellen bei IBM – der Konzern selbst meldet jedoch nur einen Zuwachs um 2000 US-Jobs für 2003. Grund für die Differenz ist nach Schätzungen von ehemaligen IBM-Mitarbeitern und Analysten der Rausschmiss vieler Mitarbeiter, die meistens mit früheren Outsourcing-Deals, einschließlich der Verlagerung von Aufgaben in Offshore-Länder, einhergeht.

"Ich lache jedes Mal, wenn es im Fernsehen heißt, IBM plane 15.000 neue Stellen zu schaffen", so ein im Juni 2003 entlassener Web-Programmier David Anthony gegenüber dem "WSJ": "Warum sagt ihr nicht, wie viele dafür gehen müssen?" Anthony wechselte im Jahr 2000 im Rahmen einer Outsourcing-Vereinbarung von AT&T zu Big Blue. Seitdem ging es mit der Karriere bergab: Nach dem ersten Jahr schrumpfte sein Jahresbonus von 9000 auf 5000 Dollar, außerdem musste er die Beiträge zur Krankenversicherung selbst zahlen. Kurz bevor er gefeuert wurde, war sein Jahresgehalt von 63.000 auf knapp über 50.000 Dollar geschrumpft. (mb)