Adaptive IT

Die IT-Abteilung vor dem Aus retten

17.10.2018
Von   IDG ExpertenNetzwerk


Rainer Zierhofer ist Partner und Leiter der IT Management & Transformation Practice bei der Managementberatung Horváth & Partners in Frankfurt.
IT-Abteilungen katapultieren sich ins Abseits, wenn sie sich bei der digitalen Transformation zu Handlangern degradieren lassen.

Heutzutage vergeht kein Jahr, in dem ein Fachbereich nicht nach neuen Lösungen schreit und sie entweder auf eigene Faust ins Unternehmen holt - oder so lange keine Ruhe gibt, bis die IT-Abteilung sich auf die Suche macht. Die Folge kann oft ein IT-Flickenteppich sein, der ständig partiell ausgebessert oder im Stückwerk ergänzt werden muss.

Kein Kontakt zu den Fachabteilungen kann für die IT-Abteilung heißen: keine Einflussmöglichkeiten auf künftige Geschäftsentwicklungen.
Kein Kontakt zu den Fachabteilungen kann für die IT-Abteilung heißen: keine Einflussmöglichkeiten auf künftige Geschäftsentwicklungen.
Foto: Elnur - shutterstock.com

Jedwede Skalierungs- und Synergieeffekte gehen verloren, im schlimmsten Fall existieren zu jeder Lösung auch noch unterschiedliche Lizenz- und Wartungsverträge - eine Horrorvorstellung, nicht nur für jeden Einkäufer, sondern auch für die Unternehmenslenker. Dass bei diesem rein reaktiven Vorgehen kein visionärer digitaler Wandel möglich ist, der dem Unternehmen Vorsprung und Zukunft sichert, liegt auf der Hand.

Vom unersetzlichen Technikexperten zum Handlanger

Diese Entwicklung treibt den CIOs Sorgenfalten auf die Stirn, denn ihre Abteilungen verlieren zunehmend an Verantwortung, Überblick, und Einflussmöglichkeiten in Bezug auf den technologischen Fortschritt im Unternehmen. Statt strategisch Innovationen anzugehen und den Fachbereichen proaktiv neue Lösungen anzubieten, werden sie zunehmend zu Handlangern mit austauschbaren Commodity-Dienstleistungen.

CIOs verlieren die Fähigkeit, in Geschäftsprozessen des Unternehmens zu denken und entsprechende Entwicklungen voranzutreiben, weil sie in strategische Fragestellungen der Digitalisierung gar nicht mehr eingebunden werden. Die Schuldfrage zu stellen, bringt wenig.

Eine aktuelle Horváth-Studie weist aber zumindest darauf hin, dass sich nicht wenige IT-Einheiten durch mangelnde Steuerung selbst ins Abseits katapultiert haben. Ein Ergebnis der Untersuchung "Adaptive IT - die IT-Organisation im Wandel" zeigt: Weniger als jeder sechste befragte Unternehmensentscheider schreibt der hauseigenen IT einen aktiven, gestaltenden Part bei der digitalen Transformation zu. Ähnlich gering ist der Anteil der Manager, die ihren IT-Verantwortlichen ein gesamtunternehmerisches Denken bescheinigen.

Die Folgen dieser Entwicklung reichen von Stellenstreichungen über den Entzug von Verantwortungs- und Aufgabenbereichen bis hin zur kompletten Zerschlagung der zentralen IT. CIOs sind gut beraten, ihre Abteilung rechtzeitig zu einer wandelbaren, flexiblen und aktiv gestaltenden Organisation umzubauen, um die Entwicklung noch rechtzeitig stoppen zu können.

Die Bedeutung der zentralen IT steigt, je mehr sie die digitale Transformation aktiv mitgestalten und steuern.
Die Bedeutung der zentralen IT steigt, je mehr sie die digitale Transformation aktiv mitgestalten und steuern.
Foto: Horvath & Partners

Service-Dirigenten und Technologieberater gesucht

Mehr als drei Viertel der Manager sehen die hauseigene T-Abteilung vor allem in der Funktion "technische Delivery": Als einen zuverlässigen Bereitsteller von Commodity-IT-Dienstleistungen wie Wartung von Endgeräten, Management von Client-Betriebssystemen oder Office-Lösungen.

Die hohe Wertschätzung als "IT-Handlanger" bringt den Abteilungen allerdings wenig, denn gerade Commodity- und Delivery-Funktionen werden aus Kostengründen gern an externe Dienstleister ausgelagert und dort noch effizienter durchgeführt. Externe Dienstleister können gegenüber eigenen IT-Kollegen auch in einem weiteren Aspekt punkten, nämlich beim Servicegedanken. Etwa 90 Prozent der Manager sehen bei ihren IT-Kollegen Nachholbedarf bei der Kundenorientierung. Dennoch: 77 Prozent gehen von einer größeren Bedeutung der Bereitstellung und Optimierung von IT-Infrastruktur (Commodities) aus.

Die IT als Bereitsteller wird also auch künftig gebraucht - wenn sie effizient und kundenorientiert ist, was auch bedeuten kann, dass sie Aufgaben outsourct und externe Dienstleister steuert. Im Bereich Provider- und Partnermanagement engagieren sich aktuell sechs von zehn IT-Organisationen. Für die nächsten zwei Jahre sehen die in der Studie befragten Manager aber einen um 20 Prozent erhöhten Bedarf.

In Bezug auf konkrete IT-Handlungsfelder sehen die Entscheider bei der Prozessautomation den größten Bedarf. 97 Prozent sind überzeugt, dass die Automatisierung standardisierter Prozesse eine immer größere Rolle bei der digitalen Transformation spielen wird. Dabei sollten die IT-Verantwortlichen nicht den Ruf einzelner Abteilungen nach individuellen Lösungen abwarten, sondern die Fachbereiche proaktiv auf flexible Lösungen hin beraten. Diese müssen auch künftigen Anforderungen gerecht werden und Skalierungseffekte für möglichst viele Unternehmensbereiche bieten.

Zwar screenen 70 Prozent der IT-Organisationen den Markt auf neue Technologien - doch fehlt ihnen für Bewertung, Auswahl und Weiterentwicklung geeigneter Lösungen fürs Unternehmen die Nähe zur Unternehmensstrategie und den Fachbereichen. Die Hälfte der Manager vermissen bei ihrer IT grundlegendes Verständnis für die aktuellen Geschäftsprozesse. Proaktive Innovationen aus der IT kommen in weniger als jedem dritten Unternehmen in den Fachbereichen an. Da verwundert es nicht, dass jeder zweite Manager die hauseigene IT bisher nicht als "Technologieberater" ansieht.

Adaptiv, flexibel, wandelbar

Die IT-Abteilung von morgen ist adaptiv. Sie passt sich laufend neuen Anforderungen an, die sich aus dem digitalen Wandel ergeben, zum Beispiel in Bezug auf neue Geschäftsmodelle oder interne Umstrukturierungen. Sie kennt Zukunftstechnologien und kann ihre Relevanz und Eignung für das Unternehmen und die Fachbereiche evaluieren. Proaktiv stellt sie skalierbar neue Lösungen bereit und entwickelt sie teamübergreifend mit den Fachbereichen weiter. Sie ist zentrale Schnittstelle für IT-Lösungen und -Services, die den Überblick hat und orchestriert, und so Stückwerke aus Einzellösungen verhindert.

Die moderne IT-Organisation zeichnet sich durch vier treibende Eigenschaften aus:

- Sie ist Gestalter der digitalen Transformation im Unternehmen

- Sie denkt in den Geschäftsprozessen des Unternehmens

- Sie erarbeitet proaktiv Innovationen für die Fachbereiche

- Sie ist in der Lage, flexibel auf die Anforderungen der Fachbereiche einzugehen

Eine mögliche Ausgestaltung ist das sogenannte Business Partnering als Kooperation mit den Fachbereichen. Experten auf beiden Seiten ergänzen sich und begleiten gemeinsam das Unternehmen auf dem Weg ins digitale Zeitalter. Der ITler wird vom Fachexperten zum strategischen Business-Partner der Geschäftsführung und Fachbereichsleiter. Diese Zusammenarbeit wird durch agile Prozesse optimal unterstützt.

Zentrale IT überlebt, wenn sie sich selbst transformiert

Moderne IT-Organisationen werden sich dadurch auszeichnen, dass sie agil mit den Fachbereichen zusammenarbeiten. Sie unterstützen diese in technischen Fragestellungen und orchestrieren alle IT-Aktivitäten in der Gesamtorganisation. Nähe zu Fachbereichen und genaue Kenntnis der Geschäftsprozesse sind wichtige Voraussetzungen dafür - die derzeit in einer Minderheit der Unternehmen erfüllt sind. Die IT muss zum flexiblen und aktiven Treiber und Gestalter der digitalen Transformation werden. Nur so kann sie durch den digitalen Wandel hindurch ihre Existenz rechtfertigen.